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Innere Medizin 24. Oktober 2006

Neue Vielseitigkeit in der Pulmologie

Im September 2006 atmeten Europas Lungenfachärzte Münchner Luft. Zwei österreichische Vertreter berichten über Neues und Bewährtes zur COPD, zu Epigenetik, Statinen, Asthma und Co.

Die heurige Jahrestagung der European Respiratory Society (ERS) in München war mit rund 20.000 Teilnehmern die bisher größte Veranstaltung der Gesellschaft. In altbewährter Weise wurde der thematische Bogen von moderner Grundlagenforschung bis hin zu innovativen Aspekten für das Management von bronchopulmonalen Krankheitsbildern gespannt. Im ÄRZTE WOCHE-Interview vermitteln Prim. Dr. Herwig Schinko, Vorstand der Abteilung für Lungenheilkunde am AKH-Linz, und Prim. Doz. Dr. Michael Studnicka, Abteilung für Pulmologie am LKH Salzburg, ihre Eindrücke von der ERS-Jahrestagung.

Welche neuen Erkenntnisse von der Jahrestagung der ERS haben Sie am meisten beeindruckt?
Schinko: Von der großen Palette an sehr interessanten Themen möchte ich COPD, Epigenetik, Statine, Asthma, Lebensendsituation, Nanoteilchen und inhalatives Insulin auswählen. Eine wichtige Aussage war, dass bei Asthma der Synergismus zwischen Kortikosteroid und Beta-2-Mimetikum sehr gut genutzt werden kann und Gleiches bei COPD in Bezug auf Kortikosteroid und Theophyllin gilt. Der Wirkansatz des Synergismus bei COPD beruht dabei nicht auf der Phosphodiesterase, sondern auf der Histon-B-Acetylase.
Beim Thema „Epigenetik“ ist interessant zu vermerken, dass bei Krankheitsbildern nicht nur die Erbanlage zählt, sondern auch das Wechselspiel mit Umwelt und Umfeld, weil das genetische Material darauf empfindlich reagiert. Rauchende Mütter verändern zum Beispiel die genetische Expression bei ihren Kindern. Auch die Großeltern besitzen einen epigenetischen Einfluss. Dieser futuristische Ansatz gilt höchstwahrscheinlich für Asthma, aber auch für Tumorerkrankungen. Wir werden sicherlich noch einige Überraschungen durch „epigenetische Modifikationen“ erleben. Die Statine sind bereits seit längerer Zeit als sehr effektive Sub­stanzen für die Behandlung der Hyperlipidämie bekannt. Neu ist die Erkenntnis, dass sie auch fibrosierende Lungenerkrankungen günstig beeinflussen können.

Welche neuen Aspekte wurden in den Themenbereichen Asthma und COPD noch diskutiert? Und was haben Lungenfachärzte mit inhalativem Insulin zu tun?
Schinko: Die Atemwegsschwankungen bei Asthma stellen ein komplexes System dar, wobei sich „Inneres“ und Umgebung in ständigem Austausch befinden. Umwelteinflüsse besitzen eine große Wirkung auf die Fluktuation des Asthmas. Mit Hilfe von Computersoftware werden derzeit entsprechende Modelle entwickelt. Bezüglich COPD ist von großer Bedeutung, dass neben den Rauch­inhaltsstoffen auch Schadstoffe aus der Umwelt und aus der Berufswelt eine nachhaltige schädliche Wirkung entfalten. Mit der Nanoteilchen-Problematik wurde ein neues Tor aufgestoßen. Nanoteilchen sind noch kleiner als Feinstaubpartikel, können über den Magen-Darm-Trakt und über die Atemwege resorbiert werden und gelangen so in die Blutbahn, zu inneren Organen und in das Gehirn. Ein neues Thema bei schwerer COPD ist das richtige Management der Lebensendsituation bezüglich Verarbeitung und Unterstützung. Die Innovation im Diabetes-Management ist das inhalative Insulin. Dabei wird durch Inhalation kurz wirksames Insulin in Pulverform über die Alveolen aufgenommen. Für die praktische Durchführung ist die Lungenfunktionsdiagnostik durch Pulmologen von großer Bedeutung. In Österreich laufen derzeit Tests mit gesunden Probanden mit einer FEV1 über 70 Prozent Sollwert. In den USA und in einem europäischen Land ist inhalatives Insulin bereits zugelassen.

Warum schneidet Österreich in der Auswertung der BOLD-Studie schlechter ab als andere europäische Länder?
Studnicka: An der „Burden of obstructive lung disease“-Studie, kurz BOLD genannt, haben rund 2.000 Bewohner des Bundeslandes Salzburg teilgenommen. Die Prävalenz der COPD liegt in Salzburg bei etwa 25 Prozent. In Deutschland und Norwegen ist die Prävalenz etwa halb so hoch. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass in Deutschland zum Beispiel die Antwortrate deutlich geringer war und dass in Salzburg viele Teilnehmer aus ländlichen Bereichen kamen, wo die Landwirtschaft ein zusätzlicher Risikofaktor für Atemwegs- und Lungenerkrankungen darstellt. Unser Team von der BOLD-Studie wird sich das alles noch genau ansehen müssen. Kanada zum Beispiel liegt in unserer Reichweite.

Dr. Wolfgang Steflitsch, Ärzte Woche 43/2006

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