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Allgemeinmedizin 10. Oktober 2006

Mit achtzig Jahren um die Welt

Erst in der Pension entdecken viele Menschen das Globetrotten für sich. Zu einer Zeit, in der die Gesundheit allerdings die ersten Risse zeigt. Daher sollte es auch zu den Aufgaben des Arztes zählen, seine Patienten auf beschwerliche Reisen vorzubereiten. Dazu zählen Impfprophylaxe, gezielte Tipps zu Anreise und Medikamentenliste sowie ein Gesundheits-Check vor der Reise.

Für viele Senioren gehören ausgedehnte Reisen in exotische Länder zur Pension wie das Hüten der Enkel. Statt den Ruhestand zu Hause abzusitzen, reisen sie per Kreuzschiff nach Korfu, fliegen auf die Fidschis oder campen an der Côte d‘Azur. Im Alter mehren sich allerdings die Risiken. Gute ärztliche Ratschläge sind daher viel wert.
Bei der ärztlichen Betreuung von reisenden Senioren sind Besonderheiten zu beachten: Einige Infektionserkrankungen wie Virusgrippe, Legionellose und Pneumokokkenpneumonien treten im fortgeschrittenen Alter gehäuft auf. Bei Impfungen ist zu beachten, dass die Schutzwirkung bei älteren Menschen in der Regel schwächer ist. Grundsätzlich gelten bei Reiseimpfungen für Senioren die gleichen Empfehlungen wie für junge Erwachsene. Es sollten aber auch Impfungen angesprochen werden, die für Senioren unabhängig von Reisen empfohlen sind, beispielsweise gegen Influenza und Pneumokokken. Die typische Symptomatik der Grippe umfasst Fieber über drei Tage, allgemeine Schwäche und Husten. Die bei anderen Infektionen der oberen Luftwege oft bestehende Rhinorrhö fehlt bei der Influenza meist. Bei älteren Menschen tritt dafür häufig eine delirante Symptomatik auf. Komplikationen einer Virusgrippe, die bei älteren Menschen gehäuft auftreten, sind die primäre Viruspneumonie, die sekundäre bakterielle Pneumonie, Myokarditis, Perikarditis und kardiovaskuläre Komplikationen.
Die Grippeimpfung wird für alle Menschen im Alter von über 60 Jahren empfohlen. Aber besonders wichtig ist sie bei chronischen Erkrankungen wie Herzinsuffizienz und COPD. Die Impfung führt im Gegensatz zur Krankheit nicht zu einem erhöhten Risiko für vaskuläre Ereignisse. Es muss unbedingt immer der aktuelle Impfstoff verwendet werden, eine Auffrischung sollte jedes Jahr im Herbst erfolgen. Bei Reisen innerhalb der nördlichen Hemisphäre ist das Risiko für eine Virusgrippe in den Monaten November bis März besonders hoch, bei Reisen in die südliche Halbkugel dagegen zwischen April und September. In den Tropen besteht ein ganzjähriges Risiko. Ältere Menschen, die im vergangenen Herbst nicht geimpft wurden und während der Sommermonate in die südliche Hemisphäre oder in die Tropen reisen, sollten vor Reisebeginn eine Grippeimpfung erhalten. Bisher gibt es keine offizielle Empfehlung, ob Reisende, die im verstrichenen Herbst gegen Grippe geimpft wurden, vor einer Reise im Sommer erneut zu impfen sind. Entschließt man sich dazu, sollte im kommenden Herbst erneut mit dem dann aktuellen Impfstoff vakziniert werden. Ein Impfstoff mit einem Adjuvans (Fluad®), das die Immun­antwort verstärkt, ist speziell für Personen über 65 Jahren zuge­lassen und empfohlen.
Die Infektion mit Pneumokokken ist vor allem bei Patienten mit COPD, Herzinsuffizienz, Immunsuppression sowie bei Bewohnern von Alten- und Pflegeheimen zu beachten. Auffrischimpfungen sind alle sechs Jahre fällig (Schutzrate ca. 60 Prozent). Eine simultane Grippeimpfung – allerdings mit unterschiedlichen Injektionsstellen – ist möglich. Eine Therapie mit niedrig dosierten Glukokortikoiden beeinflusst den Impferfolg nicht.
Etwa die Hälfte der über 60-Jährigen hat keinen protektiven Antikörperschutz gegen Tetanus! Vor allem in Entwicklungsländern ist kein guter Passivimpfstoff erhältlich. Wegen der bei Reisen erhöhten Verletzungsgefahr, insbesondere im Alter, ist der Impfschutz grundsätzlich zu überprüfen. Es sollte ein Kombinationsimpfstoff mit Diphtherie eingesetzt werden.
Die Hepatitis A gehört zu den häufigsten Infektionen bei Fernreisen. Bei Senioren verläuft die Erkrankung häufiger schwer. Eine aktive Impfung wird daher bei Reisen in Endemiegebiete empfohlen. Der Impferfolg ist bei alten Menschen (vor 1950 Geborene) zu überprüfen. Bei unzureichender Immunantwort kann mithilfe zusätzlicher Impfdosen doch noch ein Schutz vermittelt werden. Das Risiko für schwere Verläufe bei Gelbfieber steigt desgleichen mit dem Alter. Leichte Nebenwirkungen sind bei älteren Impflingen zwar seltener, das relative Risiko für eine generalisierte Impfreaktion mit Organbeteiligung und Multiorganversagen ist bei Senioren (> 65 Jahre) allerdings höher. Das absolute Risiko ist mit 1:50.000 jedoch gering. Bei gegebener Indikation wird die Impfung daher auch bei älteren Menschen (nach Aufklärung!) durchgeführt.

Schwimmende und...

Bei der Legionellose braucht man sich über diese Komplikationen nicht den Kopf zu zerbrechen, da keine Impfung verfügbar ist. Ein erhöhtes Risiko besteht bei Aufenthalten in Hotels, Benutzung von Whirlpools und während Kreuzfahrten. Die Symptomatik reicht von leichtem nicht produktiven Husten bis zu schweren Pneumonien mit Multiorganversagen, Fieber, Hyponatriämie, Diarrhö und Kurzatmigkeit. Die Diagnose erfolgt über einen Antigennachweis im Urin. Eine Therapie wird mit Makroliden, Chinolonen und Tetrazyklinen eingeleitet. Die Letalität liegt unbehandelt bei 31 Prozent.
Die viszerale Leishmaniose ist ein wichtiges Thema, da beliebte Urlaubsländer wie Ibiza, Mallorca, und Malta zu den Endemiegebieten gehören. Das dortige Erregerreservoir wird von Hunden gebildet, als Überträger zählen Sandfliegen. Daher werden lange Kleidung, Repellenzien und Moskitonetze empfohlen.
Die häufigste Ursache für Todesfälle während einer Reise sind akute Koronarsyndrome. Am häufigsten treten Myokardinfarkte während der ersten zwei Reisetage auf. Das Risiko ist vor allem bei Reisen mit dem Auto und Übernachtung in einem Zelt bzw. Wohnmobil gegeben. Patienten mit kardialen Problemen sollten daher vor allem in den ersten Reisetagen Stress vermeiden und auf eine komfortable Unterkunft achten. Sie sollten zudem eine Kopie eines neueren EKGs mitführen. Bei akuten Beschwerden kann dies mit dem aktuellen verglichen werden.

... fliegende Erreger

Langstreckenflüge erhöhen das Risiko für tiefe Venenthrombosen („Economy Class Syndrom“) und Lungenembolien. Letztere können sich erst ein bis zwei Wochen nach dem Flug manifestieren. Bei Älteren ist die Symptomatik u.U. atypisch und kann zunächst auf eine Pneumonie, gastrointestinale Erkrankungen oder einen Schlaganfall hindeuten. Durch Immobilität und Vibrationen kommt es häufig zu einer Beinschwellung („Jet Flight Leg“), die sich aber spontan zurückbildet. Das lange Sitzen auf Langstreckenflügen kann aber auch zu akuten arteriellen Ischämien in den unteren Extremitäten führen.
Das Risiko, im Flugzeug Infektionen zu erwerben, die über große Tropfen übertragen werden (Streptokokken, Meningokokken, hämorrhagisches Fieber) ist gering, da die Luftfilter größere Partikel zurückhalten. Erreger, die mittels kleinerer Tröpfchen überspringen (z.B. Influenza, Tuberkulose, Masern) sind trotz Filter gefährlich. Patienten mit ansteckungsfähiger Tuberkulose sind daher nicht flugreisetauglich. Notfälle auf Flugreisen sind eher selten und zumeist kardial bedingt. Patienten sollten eine Liste der verordneten Medikamente mit Handels- und Freinamen sowie die Medikamente selbst im Handgepäck mitführen.

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