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Allgemeinmedizin 3. Oktober 2006

Feinstaub-Grenzwerte zu hoch?

Selbst in Europa werden die bestehenden Grenzwerte für Feinstaub kaum eingehalten. Kein Wunder, da eine Überschreitung nur selten Konsequenzen hat. Nun stellte die WHO auch noch fest, dass die derzeit geltenden Grenzwerte viel zu hoch sind.

Die Grenzwerte für Feinstaub müssten glatt halbiert werden, um Gesundheitsgefahren für die Bevölkerung auszuschließen. Desgleichen müsste die Luftbelastung deutlich verringert werden, z.B. durch Partikelfilter in Dieselfahrzeugen oder durch die Verminderung des Verkehrsaufkommens in dicht besiedelten Gebieten, mahnte Prof. Dr. Heinz-Erich Wichmann vom Institut für Epidemiologie an der LMU München.
Obwohl das Problem der Feinstaubbelastung der Luft schon lange bekannt ist, hätte man mit dem Handeln zu lange gewartet, erklärte Wichmann bei einem Pneumologen-Treffen in Nürnberg. Besonders in den Städten werden die vorgesehenen Grenzwerte regelmäßig nicht eingehalten: „Es ist fast schon ein Naturgesetz, dass diese in größeren Städten überschritten werden“, so Wichmann.
Grundsätzlich werden für inhalierbaren Feinstaub, dessen Partikel einen Durchmesser unter 10 µm haben (PM10) und für besonders feinen Staub mit einer Partikelgröße unter 2,5 µm (PM2,5) Konzentrationen angegeben, die nicht überschritten werden sollten. Hierzu präsentierte Wichmann neue Empfehlungen der WHO, die auf großen amerikanischen Stu-dien basieren, die den Einfluss
von Feinstaub auf Mortalität und Morbidität untersuchten.
In einer dieser Untersuchungen war die Gesamtsterberate bezogen auf einen Zeitraum von 18 Jahren in den stark belasteten Regionen um rund ein Drittel höher als in wenig belasteten Gebieten. Eine Steigerung der Feinstaubbelastung um 10 µg/m3 ließ die Gesamtsterberate um 17 Prozent ansteigen, die Quote für die kardiovaskulär bedingte Mortalität gar um 40 Prozent.
Nach den neuen Air Quality Guidelines der WHO sollte der Jahresmittelwert für PM10 demnach 20 µg/m3 nicht überschreiten, der mediane Tageswert nicht über 50 µg/m3 liegen. Für PM2,5 werden noch niedrigere Grenzwerte empfohlen: Der Jahresmittelwert dürfte nicht über 10 µg/m3 steigen, der Tagesmittelwert nicht über 25 µg/m3.
Utopische Werte, haben möglicherweise die Mitarbeiter der zuständigen EU-Behörde gedacht, so dass die Grenzwerte hierzulande höher liegen. Denn in der EU sollte seit dem 1. Januar 2005 der Jahresmittelwert für PM10 nicht über 40 µg/m3 liegen, für den Tagesmittelwert gilt die Grenze von 50 µg/m3, die an höchstens 35 Tagen im Jahr überschritten werden darf. „Aber wirklich relevant sind die 20 µg/m3, die man eigentlich nicht überschreiten dürfe“, so Wichmann.
Wie sich Feinstaubbelastungen schädlich auf die Gesundheit auswirken, belegen inzwischen auch deutsche Studien. Wichmann präsentierte Daten einer Untersuchung, in der 4.800 Frauen über zehn Jahre beobachtet wurden. In dieser Zeit wurde der Zusammenhang zwischen Feinstaubbelastung und der Mortalität geprüft: Frauen, die an stark befahrenen Straßen wohnten, starben früher als Frauen in verkehrsberuhigten Gebieten, und zwar vermehrt an kardiopulmo-nalen Ursachen. Eine Erhöhung des PM10-Jahresmittelwertes um 10 µg/m3 ließ die Zehnjahrsmor-talität um neun Prozent steigen! Bei einer langfristigen Erhöhung der Feinstaub-Konzentration um 7 µg/m3 nimmt die Wahrscheinlichkeit, an Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben, um ein Drittel zu.

Pneumologen warnen

Aufgrund dieser Studien halten die europäischen Pneumologen die Grenzwerte für zu hoch. Auf dem Kongress der European Respiratory Society (ERS) in München begrüßten sie zwar den EU-Vorschlag, dass der Jahresmittelwert für PM10 künftig nur noch bei 30 statt 40 µg/m3 liegen sollte. Dafür soll nach dem EU-Vorschlag aber der Grenzwert für die Tagesbelastung ersatzlos wegfallen. Die ERS bezeichnet dies als Rückschritt.
Die EU plant immerhin einen Grenzwert für den PM2,5: Der maximal zulässige Jahresmittelwert soll demnach bei 25 µg/m3 liegen. Der Wert läge damit aber deutlich über dem in den USA geltenden PM2,5-Wert von 15 µg/m3. Mit der Einführung des Grenzwerts von 25 µg/m3 ließen sich pro Jahr in der EU aber 4.500 Leben retten, mit dem niedrigeren US-Grenzwert dagegen 13.300, rechnet die ERS vor.
Als wichtigste Gegenmaßnahme nannte Wichmann die Ausstattung der Autos mit Dieselruß-Partikelfiltern. Denn selbst wenn nur die Hälfte des Feinstaubs durch den Straßenverkehr verursacht wird, stehen die Verbrennungsprodukte aus Dieselmotoren ganz oben in der Liste der gefährlichen Komponenten. Wichmann erklärte, dass in Deutschland um ein bis zwei Prozent weniger Menschen an Krebs und kardiopulmonalen Ursachen sterben würden, wenn von heute auf morgen alle Dieselfahrzeuge einen Partikelfilter erhielten. Als weitere Maßnahme nannte er die Verminderung des Verkehrsaufkommens in dicht besiedelten Gebieten.

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