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Innere Medizin 18. Juli 2006

Wandernde Hautflecken und Neurosymptome

Die Überträger der erst seit 20 Jahren bekannten Lyme-Borreliose sind meist Zecken, und bis sich die ersten Krankheitszeichen zeigen, dauert es für gewöhnlich vier Tage bis drei Wochen.

Erst vor gut 20 Jahren wurden die schraubenförmigen Spirochäten als Erreger für eine Multisystem­erkrankung ausgemacht, die die Haut, aber auch das Nervensystem, Muskeln, Skelett und Herz und manchmal auch Augen, Nieren oder Leber in Mitleidenschaft ziehen kann. Auf den Menschen gelangt die begeißelte Bakterienart der Borrelien, die mit dem Erreger der Syphilis entfernt verwandt sind, durch Schild­zecken, die sie bei Mäusen und Vögeln aufschnappen. Vom Zeckenstich bis zum Auftreten der ersten Symptome der Borreliose dauert es in der Regel vier bis 20 Tage – etliche Patienten stellen daher auch keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem letzten Waldausflug und einem roten runden Fleck auf der Haut her. Zudem, so die Dermatologin der Medizinischen Universität Graz, Prof. Dr. Elisabeth Aberer, im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE, „sitzen bei Kindern die Zecken oft an der Kopfhaut, wo man die für Borreliose typische Rötung nicht sieht.“ Das Erythema migrans ist das häufigste klinische Zeichen einer Borrelieninfektion. Allerdings ist nicht jede unspezifische Rötung, die einem Zeckenstich folgen kann, schon eine Wanderröte. Deshalb empfiehlt die Dermatologin, Patienten, die mit einem solchen roten Fleck kommen, nach einer Woche zur endgültigen Diagnosestellung wiederzubestellen. Um tatsächlich die Kontrolle zu haben, ob das Erythem wächst oder wandert, ist es außerdem günstig, seine Umrisse mit einem Tintenstift zu markieren. Zuweilen können sich auch Lymphozytome, schmerzlose, blaurote Knoten oder Plaques an den Ohrläppchen, den Brustwarzen oder am Skrotum bilden. Selten ist die Lyme-Borreliose nicht, über die tatsächliche Häufigkeit gibt es allerdings nur Schätzungen. „Rund jede zweite bis fünfte Schildzecke trägt Borrelien“, sagt Prof. Dr. Gerold Stanek vom Klinischen Institut für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie der Medizinischen Universität Wien, der eben eine ökologische Studie über jene Gebiete Österreichs in Angriff genommen hat, wo sich die meisten Zecken aufhalten. Von den Menschen, die von verseuchten Zecken gestochen wurden, erkranken ungefähr 25 Prozent an Borreliose.

Vielfältiges Krankheitsbild

Nicht immer muss die Borreliose mit einer Wanderröte beginnen, die den Betroffenen zum Arzt führt. So kann es – freilich seltener – auch ohne Hauterscheinungen nach einer Inkubationszeit von durchschnittlich vier bis sieben Wochen zu einer Neuroborreliose kommen, die sich als milde aseptische Meningitis, als Fazialisparese, als Neuritis anderer Hirnnerven oder als besonders schmerzhaftes Bannwarth-Syndrom manifestieren kann. Lyme-Arthritis, die am häufigsten das Knie befällt, zeigt sich laut Stanek in Europa viel seltener als in den USA. Die hier zu Lande häufigste Form der chronischen Borreliose ist die Acrodermatitis chronica atrophicans, eine progressive, atrophisierende Hauterkrankung, die meist an den Streckseiten der Extremitäten auftritt und die Haut mit der Zeit wie Zigarettenpapier aussehen lässt. Für Frühformen wie das Erythema migrans ist eine zweiwöchige Antibiotika-Therapie meist ausreichend. Bei chronischen Erkrankungen wie der Acrodermatitis chronica atrophicans empfiehlt Aberer eine vierwöchige Behandlung, „länger ist nicht nötig“. Dass sich unspezifische Symptome wie Muskel- oder Gelenkschmerzen in Verbindung mit Depressionen, Müdigkeit und Unruhe tatsächlich auf eine frühere Infektion mit Borrelien zurückführen lassen, kann nur in den seltensten Fällen eindeutig festgestellt werden. „Das ist schwer zu diagnostizieren“, stellt Aberer fest, „denn selbst wenn Antikörper im Blut nachweisbar sind, muss es sich nicht um eine aktive Infektion handeln. Die Durchseuchungsrate mit Borrelien ist hoch: Zehn Prozent der gesunden Bevölkerung, unter den Waldarbeitern sogar bis zu 40 Prozent sind infiziert.“ Wichtig ist zur Prophylaxe, festgesogene Zecken so bald wie möglich mit einer spitzen Pinzette zu entfernen. Allerdings führen auch Drehen oder Quetschen, azetonhältige Substanzen oder Öl, wie zuweilen kolportiert, nicht zu einem höheren Infektionsrisiko. Dass dadurch die im Zeckenmagen befindlichen Borrelien eher in die Blutbahn gelangen, ist eine Mär, „Zecken lassen sich nicht wie eine Tube ausquetschen“ (Stanek).

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