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Komplikationen bei Schwangeren mit Diabetes Typ 2

Egal, um welche Form von Zuckerkrankheit es sich handelt – die Komplikations­raten bei Schwangerschaften von Diabetikerinnen sind hoch. Und die Anzahl der Typ-2-Diabetikerinnen im gebärfähigen Alter nimmt zu.

Nach einem vor kurzem im British Medical Journal veröffentlichten Bericht steht es um die Gesundheit der Kinder diabeteskranker Mütter gar nicht gut.1 Die Daten stammen aus der groß angelegten Untersuchung zur Mutter-Kind-Gesundheit in Großbritannien CEMACH (Confidential Enquiry into Maternal and Child Health) und sie zeigen, dass sich in den letzten Jahren die Anzahl der Frauen, die schon vor Beginn ihrer Schwangerschaft an Diabetes vom Typ 2 litten, deutlich erhöht hat. Und damit auch die Risiken, die für die Kinder zu befürchten sind. Zwar gibt es für Österreich keine vergleichbaren epidemiologischen Daten, doch „in den letzten fünf Jahren hat sich der Anteil der Typ-2-Diabetikerinnen unter den zuckerkranken Schwangeren auf 30 Prozent erhöht“, sagt Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer. Die Diabetesexpertin von der Klinischen Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel an der Universitätsklinik für Innere Medizin III am Wiener AKH beschäftigt sich seit Jahren mit dem Problem Diabetes in der Schwangerschaft. Ein weltweites Phänomen: Die früher als „Alterszucker“ bezeichnete Insulinmangelerkrankung macht sich nach und nach in immer jüngeren Altersgruppen breit. Das hat mit den bekannten Risikofaktoren zu tun. „Bereits fast ein Drittel aller Frauen ist adipös“, so Kautzky-Willer im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. Umgekehrt steigt das Alter, in dem die Frauen Kinder bekommen, kontinuierlich an.

Doppelt so viele Missbildungen

Dass Diabetes mellitus bei der Mutter eine Gefahr für das Kind bedeutet, ist lange bekannt. „Vor allem in den ersten drei Monaten während der Organogenese kann es bei den Kindern zu Herzfehlern kommen“, sagt Prof. Dr. Dagmar Bancher-Todesca von der Universitätsklinik für Frauenheilkunde an der MedUni Wien. Das britische Forscherteam um Prof. Alison Miller, der CEMACH-Projektleiterin von der London School of Hygiene and Tropical Medicine, hat jetzt gezeigt, dass diese Gefahr im selben Ausmaß für die Babys von Typ-2-Diabetikerinnen besteht wie für jene von Müttern mit Typ-1-Diabetes. So kamen von den 2.356 Kindern, die Diabetikerinnen in den zwölf Monaten des Untersuchungszeitraums geboren hatten, 63 tot zur Welt, 22 starben, bevor sie vier Wochen alt waren. Die Missbildungsrate ist doppelt so hoch wie bei Kindern von nicht zuckerkranken Müttern, wobei es in erster Linie zu Herzfehlern und Entwicklungsstörungen des Zentralnervensystems kommt. Die Studienautoren beklagen, dass es bei der Einstellung der britischen Diabetikerinnern hapert. So gelingt es offenbar nur bei 37 Prozent der Betroffenen den HbA1c im ersten Schwangerschaftsdrittel unter sieben Prozent zu halten. Der Durchschnitts-HbA1c lag sogar bei acht Prozent. Die Wiener Ärztinnen kennen das Problem: „Die Patientinnen sind sich des Risikos oft nicht bewusst, dass sie schon vor einer Schwangerschaft gut eingestellt sein sollten“, weiß Bancher-Todesca.

Schwangerschaft planen

Und die Diabetologin Kautzky-Willer richtet einen dringenden Appell an alle Kollegen: „Man sollte die diabeteskranken Frauen instruieren, dass sie ihre Schwangerschaft planen. Wenn sie erst in der 14. oder 18. Woche bemerken, dass sie schwanger sind, ist alles gelaufen.“ Die Verantwortung liege laut Kautzky-Willer beim Arzt, „er muss nachfragen, ob ein Kinderwunsch besteht und ob verhütet wird, und sollte sich nicht darauf verlassen, dass die Frau dieses Thema anspricht“. Das Ziel sei ein HBA1c-Wert von unter 6,5 Prozent. Was die Behandlung betrifft, so habe sich in Studien gezeigt, dass „orale Antidiabetika zwar wahrscheinlich keine Nebenwirkungen auf das Ungeborene haben“, so Kautzky-Willer. „Das darf aber keinesfalls dazu führen, sie Schwangeren zu verschreiben. Man kann die Frauen lediglich beruhigen, dass vermutlich keine Schädigung zu erwarten ist. Eine Umstellung auf Insulin ist unbedingt notwendig.“ Zudem bekämen viele Frauen gleichzeitig ACE-Hemmer. Kautzky-Willer: „Eine rezente Studie kommt zu dem Schluss, dass ACE-Hemmer auch im ersten Trimenon das Missbildungsrisiko erhöhen.“2 Leitlinien zur Behandlung von Typ-2-Diabetes gibt es noch nicht, sie sind aber in Vorbereitung. Inzwischen gelten die Richtlinien für das Management des Gestationsdiabetes, abrufbar auf der Website der Österreichischen Diabetesgesellschaft: www.oedg.org.

1 BMJ, doi:10.1136/bmj.38856.692986.AE.
2 N Engl J Med. 2006 Jun 8; 354(23):2443-51
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