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Innere Medizin 27. Juni 2006

High Noon in der Kardiologie

Johannes A. lebte 25 Jahre mit „zerschossenem“ Herzen – ohne Beschwerden. Erst eine zunehmende Dyspnoe brachte die Mehrfachverletzung ans Tageslicht.

Es war der 29. Oktober 1970, als in Deutschland der erste „Tatort“ ausgestrahlt wurde. An jenem Tag geschah am Tatort Mistelbach geschah nicht minder Tragisches wie im Fernsehkrimi: „Beim Spiel zweier Buben mit einer waffenscheinfreien Zimmerpistole schoss der 16-jährige KFZ-Mechanikerlehrling Heinz V. seinem 13-jährigen Freund Johannes A. mitten durchs Herz“, berichtete Prof. Dr. Thomas Binder, Klin. Abt. für Kardiologie, Universitätsklinik für Innere Medizin II, AKH Wien, im Rahmen der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Kardiologie im Juni in Wien. Der Bub wurde mit seiner lebensgefährlichen Verletzung ins Krankenhaus Mistelbach gebracht und vom damaligen Leiter der Abteilung für Chirurgie operiert. Bereits 14 Tage später konnte Johannes A. das Krankenhaus in gutem Allgemeinzustand verlassen. In den folgenden Jahren führte der Jugendliche ein unauffälliges Leben. Er wurde, wie sein Freund, KFZ-Mechaniker und lebt seither in Mistelbach.

Plötzlicher Leistungsabfall

Erst 25 Jahre später, er ist nunmehr 38 Jahre alt, sucht der Mann erneut ärztlichen Rat. Er leidet unter einer zunehmenden Dyspnoe (NYHA-Stadium II bis III) und verzeichnet eine rapide Abnahme seiner Leistungsfähigkeit. Ein Echokardiogramm zeigt eine deutlich reduzierte Funktion des linken Ventrikels. Eine Koronarangiographie zeigt, dass der Patient jedenfalls nicht an einer koronaren Herzerkrankung leidet. „Erst der Farbdoppler bringt Aufklärung: Deutlich war eine Aorteninsuffizienz mit einem zentralen Jet zu erkennen“, berichtete Binder. Diese war allerdings nicht signifikant und konnte nicht allein für die Dilatation des linken Ventrikels verantwortlich gemacht werden.

Das ganze Ausmaß

Auch ein kleiner Ventrikelseptumdefekt, der im 2D-Bild entdeckt wurde, stand nicht in kausalem Zusammenhang mit der reduzierten Ventrikelfunktion. „Erst der Blick auf die Aortenwurzel brachte uns einer Lösung der Sache näher“, machte es Binder spannend: Der Patient wies einen Defekt in der Aortenklappentasche auf. Die Lösung war klar. „Johannes A. hatte einen Herzdurchschuss mit einer Perforation der rechtsventrikulären freien Wand erlitten, die primär gedeckt wurde“, erläuterte Binder. Zusätzlich litt der Patient allerdings aufgrund der Schussverletzung unter einem Ventrikelseptumdefekt, einer Perforation der Aortenklappe und einem Shunt zwischen Aortenwurzel und linkem Vorhof. Er war daher von drei Seiten volumenbelastet: Einerseits durch die Aorteninsuffizienz, die Mitralinsuffizienz und den Lins-Links-Shunt. „Die Kugel steckte übrigens knapp vor der Wirbelsäule“, fügte Binder noch hinzu. Eine neuerliche Operation konnte die Löcher zwischen Aorta und linkem Vorhof, sowie im akoronaren Segel schließen und den Ventrikelseptumdefekt decken. Trotzdem leidet Johannes A. auch heute noch an einer reduzierten Linksventrikelfunktion und einer leicht bis mittelgradigen Myokardinsuffizienz. Eine Aorteninsuffizienz und ein Shunt liegen allerdings nicht mehr vor. „Die Defekte wurden leider zu spät entdeckt, der Patient war zu lange mit dieser Volumenbelastung herumgelaufen“, schloss Binder seine Fallgeschichte.

 

Sabine Fisch, Ärzte Woche 27/2004

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