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Innere Medizin 27. Juni 2006

Der Adler und die Kardiologie …

Diesen Vergleich zog Prof. Dr. Peter Kühn in seinem Festvortrag bei der Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Kardio-
logie Anfang Juni in Salzburg.

Wissen Sie noch, was ein Ballistokardiogramm ist? Und wann, glauben Sie, stellte die totale Sympathektomie die ideale Therapie der Hypertonie dar? In den 50-er Jahren des 20. Jahrhunderts waren sowohl das Ballistogramm als auch die beschriebene radikale Behandlungsmethode des Bluthochdrucks noch gang und gäbe. „Sie werden mir wahrscheinlich zustimmen, dass es die Kardiologie bis heute herrlich weit gebracht hat“, stellte Prof. Dr. Peter Kühn, em. Vorstand der Abt. für Kardiologie am KH der Barmherzigen Schwestern in Linz, fest. Nicht nur die Fragestellungen an sich hätten sich geändert, sondern auch deren Qualität. Kühn illustrierte dies am Beispiel der Vortragsdichte der Tagungen der Deutschen Kardiologischen Gesellschaft: „1955 fand in Bad Nauheim die 21. Jahrestagung statt. An beiden Tagen gab es 44 Vorträge.“ Im Jahr 2006 standen 1.641 Lectures am Programm.

Stethoskop ade

Geändert hat sich auch das therapeutische Angebot: „Denken Sie nur an die Antihypertensiva, die uns heute zur Verfügung stehen.“ Vor allem aber die gegenwärtigen technischen Möglichkeiten faszinieren den Kardiologen. „Wer auskultiert heute noch? Wer verwendet ein Phonokardiogramm?“ fragte Kühn. Heute liefert die CT in Sekunden ein dreidimensionales Bild des Herzens, ein Echogerät im Taschenbuchformat macht das Stethoskop obsolet und so weiter. „Die Technik hat sich heute in der Kardiologie eine Vormachtstellung erkämpft“, resümierte Kühn. Die technischen Entwicklungen und die zahlreichen Medikamente für fast alle therapeutischen Belange haben auch das Verhältnis – Kühn bezeichnet es als „Verflechtung“ – des Faches mit der Industrie vollkommen verändert: „Der Höhenflug der Kardiologie wäre ohne die Pharmaindustrie ebenso wenig möglich wie Kongresse und Tagungen.“ Gerade in diesem fragilen Zusammenspiel zwischen Medizin und Pharmaindustrie mahnt Kühn allerdings auch zur Vorsicht: „Wir müssen sehr behutsam mit diesem System umgehen, um die Ausgewogenheit zu wahren.“ Für den „Höhenflug der Kardiologie“ macht Kühn noch einen weiteren Umstand verantwortlich: „Vor 50 Jahren hatten wir in Studien Gruppengrößen von 12 bis 30 Personen. Heute sind wir an Megastudien mit bis zu 20.000 Teilnehmern gewöhnt.“ Auch hier fordert Kühn Sorgfalt von den Kar-diologen: „Wir müssen alles, was uns heute als Evidence-based Medicine präsentiert wird, durch einen Filter laufen lassen, bevor wir es blindlings umsetzen.“ Die vielzitierte „Number needed to treat“ nahm Kühn gegen Ende seines Vortrages aufs Korn: „Wir bedenken oft nicht den Aufwand, um diese Number needed to treat in die Praxis umzusetzen.“ Kühn prägte einen neuen Begriff, den der „Euros needed to treat“: „Wir geben heute etwa 80.000 Euro aus, um einen plötzlichen Herztod zu verhindern. Mit diesem Betrag könnten wir 4.000 Leprakranke gesund machen.“ Polemik ließ sich Kühn gerne unterstellen: „Ich bin heute nicht hier, um fair zu argumentieren, sondern darf sagen, was mich nachdenklich macht.“ Trotz aller Erfolge in der Kardiologie „dürfen wir das Wichtigste nicht vergessen: den Patienten“, mahnte Kühn. Dies sei nötig, damit die Kardiologie ihren Höhenflug „auch in Zukunft fortsetzen kann“.

 

Sabine Fisch, Ärzte Woche 27/2004

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