zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 27. Juni 2006

Infarktversorgung im europäischen Vergleich

Etwa 30 Prozent aller Infarktpatienten in Österreich erhalten eine perkutane transluminale Koronarangioplastie (PTCA), ebenfalls 30 Prozent eine Lysetherapie. Von einer flächendeckenden interventionellen Versorgung kann nach wie vor keine Rede sein. Die Task Force will die Versorgung des akuten Myokardinfarktes in Österreich an die europäische Spitze führen. Ein europäischer Vergleich zeigt die Größe der Aufgabe.

Unter fünfzig Prozent liegt der durchschnittliche Anteil der PCI (perkutane koronare Intervention = PTCA, = Ballon-Intervention) an der Reperfusionstherapie in Europa. „Von Flächendeckung kann also noch lange keine Rede sein, die Lyse ist nach wie vor in der Praxis valide“, leitete Prof. Dr. Franz Weidinger, Leiter der klinischen Abteilung für Kardiologie an der Innsbrucker Universitätsklinik für Innere Medizin seinen Vortrag im Rahmen der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Kardiologie ein. Weidinger ist Mitglied der österreichischen Task Force „Herzinfarkt“, die in den kommenden Jahren für eine flächendeckende Optimierung der heimischen Akutversorgung des Herzinfarktes sorgen soll. „Um die österreichische Situation ins richtige Licht zu rücken, müssen wir die PCI-Versorgung im EU-Ausland betrachten“, so Weidinger, der im Rahmen seines Vortrages die Akutversorgung in Dänemark, Tschechien, Polen und Großbritannien vorstellte: Dänemark mit seinen 1,5 Millionen Einwohnern verfügt über fünf PCI-Zentren. Pro Jahr werden 600 bis 700 Primär-PCIs durchgeführt. Die PCI-Zentren kooperieren eng mit dem zuweisenden Spital. „Nach Durchführung der PTCA wird der Patient so rasch wie möglich wieder ins zuweisende Krankenhaus gebracht“, so Weidinger. Bereits im Rettungswagen wird ein EKG erstellt. Dies wird, zusammen mit der aktuellen Krankengeschichte und den Symptomen des Patienten, noch während des Transports an das anzufahrende PCI-Zentrum übermittelt. „Dadurch wurde es möglich, die Zeit vom Infarktbeginn bis zur Akutintervention von 165 auf 85 Minuten zu verkürzen“, analysierte Weidinger Daten, die im Vorjahr im European Heart Journal publiziert worden waren.

Auch Polen und Tschechien top

Ein zweites Beispiel einer flächendeckenden Akutversorgung ist Tschechien. Im ganzen Land wurden 21 PCI-Zentren eingerichtet, die Distanzen liegen im Mittel bei 70 Kilometer. Die Möglichkeit, allen Herzinfarktpatienten eine Primär-PTCA zukommen zu lassen, hat in Tschechien dazu geführt, dass bei Infarkten praktisch keine Lyse mehr durchgeführt wird. Die Zeitspanne zwischen Transport und Intervention wird zur Vorbereitung des Katheterlabors genützt. Die Patienten werden ohne jegliche Umwege direkt ans PCI-Zentrum gebracht. „Damit ist es auch in Tschechien möglich, die Zeit bis zur PTCA fast immer unter 90 Minuten zu halten“, sagte Weidinger. Auch Polen kann sich im europäischen Vergleich mit einem Anteil an Akut-PTCAs von 46 Prozent sehen lassen. 61 Zentren stehen den fast 39 Millionen Einwohnern zur Verfügung. 59 dieser Zentren bieten eine 24 Stunden-Versorgung. „Dort ist klar festgelegt, dass bei einem akuten Infarkt sofort das nächstgelegene PCI-Zentrum angefahren wird“, erläuterte Weidinger.

Ignorant und selbstgefällig

Die Therapie beim ST-Hebungsinfarkt (STEMI) in Großbritannien bezeichnet Weidinger hingegen als inakzeptabel. Eine Tatsache, die auch die British Cardiac Intervention Society (BCIS) ähnlich sieht: „Die Argumente, die Primär-PCI der Mehrheit der britischen Bevölkerung nicht anzubieten, sind Ausdruck einer Kombination aus Selbstgefälligkeit, Apathie, Ignoranz, Trägheit und intellektuellem Bankrott“, so formulierte es Dr. Nick Curzen, Mitglied der BCIS. PCI wird in Großbritannien im Rahmen des ST-Elevations Myocardinfarkt nach wie vor nur als Rescue-PCI angeboten. In Österreich werden jährlich 250 Primär-PCIs pro Million Einwohner in 23 PCI-Zentren durchgeführt. Eine flächendeckende Versorgung wäre allerdings erst bei einer Anzahl von 440 Primär-PCIs erreicht. „Auch der prozentuelle Anteil Österreichs Primär- zur Gesamt-PCI ist mit 16 Prozent im Vergleich zu Tschechien mit 32 und Polen mit 47 Prozent zu niedrig“, fasste Weidinger zusammen. „Die Realisierung einer flächendeckenden Versorgung erfordert die Kooperation zwischen Nicht-PCI- und PCI-Spital, ebenso wie eine Bildung von Netzwerken unter Einbeziehung des Notarzt- und Rettungswesens.“

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben