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Innere Medizin 27. Juni 2006

Kardiologie braucht Speed

Verwirrende Guidelines, kurzfristige Versorgung nach Herzinfarkt, die Zusammenarbeit mit Radiologen und Gender-Medizin. In diesen kardiologischen Schwerpunktthemen wird eifrig um Fortschritte gerungen.

Die Zeit vom Schmerzbeginn bei einem Herzinfarkt bis zur Wiedereröffnung des verschlossenen Gefäßes, die heute am besten in Form einer Katheterintervention erfolgt, stellt einen entscheidenden prognostischen Parameter dar. Um diese zu verkürzen, bedarf es – neben der vermehrten Aufklärung der Bevölkerung – auch gesundheitspolitischer Maßnahmen. „Es gilt, eine landesweite, optimierte Infarktversorgung zu etablieren“, betonte der Präsident der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft (ÖKG), Prof. Dr. Helmut Baumgartner von der Abteilung für Kardiologie, Medizinuniversität Wien, im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE.

Zu Beginn Ihrer Amtsperiode vor einem Jahr definierten Sie das Anliegen, kardiologische Guidelines praxiskonformer und übersicht-licher zu gestalten …
Baumgartner: Tatsächlich herrscht bezüglich der verschiedenen Guidelines eine gewisse Verwirrung. Viele dieser Empfehlungen wurden in letzter Zeit modifiziert. Teilweise sind noch Anstrengungen erforderlich, um die Umsetzung dieser Behandlungsrichtlinien zu erreichen, z.B. in der Therapie des akuten Myokardinfarkts. Teilweise stößt eine Umsetzung aber auch an Grenzen der Machbarkeit, wie bei der Implantation von ICDs. Unsere kürzlich in Salzburg abgehaltene Jahrestagung widmete sich unter anderem schwerpunktmäßig diesen Themen.

Welche Aufgabenbereiche lagen Ihnen in Ihrer bisherigen Präsidentschaft besonders am Herzen?
Baumgartner: Eines der Hauptarbeitsthemen für unsere Gesellschaft im vergangenen Jahr war die österreichweite Optimierung der Herzinfarkttherapie. In Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium konnte eine Projektgruppe eingesetzt werden. In drei Arbeitskreisen wurden Ist- und Soll-Zustand sowie entsprechende Maßnahmenvorschläge für die Bereiche Zeit vom Schmerzbeginn bis Therapiebeginn, Transport und rund um die Uhr verfügbares Katheterlabor definiert. Ziel ist, die optimierte, den europäischen Richtlinien konforme Infarkttherapie flächendeckend für Österreich zu erreichen. Dabei sind diese drei Bereiche Hauptansatzpunkte: Die Verkürzung der Zeit zwischen dem ersten Symp-tomempfinden bis zur Inanspruchnahme der medizinischen Hilfestellung. Hier sind das richtige Erkennen der Beschwerden und die rasche Meldung an der richtigen Stelle entscheidend. Dann folgt die Optimierung der Transportlogistik, wobei der rasche Transport zu einer akuten Katheterintervention, in speziellen Situationen eventuell auch eine prähospitale Lyse, anzustreben ist. Schließlich sind Ausstattung, Organisation und Netzwerkbildung der Katheterlabors, die rund um die Uhr zur Akutintervention zur Verfügung stehen können, von Bedeutung. Es war eine durchwegs erfolgreiche Arbeit, die gute Lösungsvorschläge hervorgebracht hat. Diese umzusetzen, ist unsere Aufgabe im kommenden Jahr.

Die beste Rettungskette hilft wenig, wenn die Betroffenen zu spät reagieren …
Baumgartner: Der Patientenaufklärung kommt sicher ein großer Stellenwert zu. Die Betroffenen müssen schneller reagieren und bei entsprechender Symptomatik die Notrufnummer 144 wählen. Wir haben berechtigte Hoffnung, dass in absehbarer Zeit eine Öffentlichkeitskampagne gestartet werden kann, um das Bewusstsein der Bevölkerung zu schärfen. Auch die Rettung war in den Arbeitskreis eingebunden, um das System zu optimieren. In diesem Bereich ist sicherzustellen, dass bereits am Telefon gefiltert und bei Bedarf sofort ein Notarztwagen geschickt wird.

Welche weiteren Schwerpunkte haben Priorität?
Baumgartner: Eine zweite Task force der ÖKG widmete sich der bildgebenden Diagnostik. Hier wurde die klinische Seite des Einsatzes der Multi-Slice-CT-Koronarangiographie besprochen. Ein erstes Papier wurde ausgearbeitet und soll nun mit den Radiologen diskutiert werden. Ziel ist, noch in diesem Jahr einen diesbezüglichen Leit-faden gemeinsam zu erstellen. Der dritte Schwerpunkt lag auf der „Gender-Kardiologie“. Geschlechtsspezifischen Unterschieden muss in Diagnostik und Therapie Rechnung getragen werden. Die Basis dafür bildet die Ausarbeitung von Registry-Daten der letzten Jahre. Auch hier ist Öffentlichkeitsarbeit von großer Bedeutung, um das Bewusstsein für diese Unterschiede zu schärfen.

Welche wesentlichen Unterschiede im Sinne der Gender-Medizin lassen sich beschreiben?
Baumgartner: Da sind beispielsweise wesentliche Unterschiede in den Symptomen der Koronaren Herzkrankheit bei Frauen und Männern. Frauen schildern wesentlich seltener eine typische Angina-pectoris-Symptomatik. Unspezifische Beschwerden wie Atemnot, Unwohlsein oder Schlafstörungen können unter anderem Ausdruck eines koronaren Geschehens sein. Demzufolge wird die Diagnose durchschnittlich auch später gestellt. Bekannt ist bei Frauen auch eine längere Latenzzeit bis zur Inanspruchnahme medizinischer Hilfe.

Generell gilt der Infarkt bei Frauen als gefährlicher …
Baumgartner: Diesbezügliche Daten sollten mit Vorsicht behandelt werden. Zwar weist der Infarkt bei Frauen eine deutlich höhere Mortalität auf, die Manifestation der KHK beginnt allerdings rund zehn Jahre später als bei Männern. Die Patientinnen sind daher im Durchschnitt beim Infarkt älter und kränker. Bereinigt man die Daten bezüglich Alter und Risikofaktoren, dann ist kein signifikanter Unterschied mehr zu finden. Das heißt, das Geschlecht dürfte kein unabhängiger prognostischer Faktor sein.

Wie wird zurzeit die Hormonersatztherapie aus kardiologischer Sicht bewertet?
Baumgartner: Zur Prophylaxe der Koronaren Herzkrankheit kann die Hormonersatztherapie nach derzeitiger Studienlage nicht empfohlen werden.

Welche Ergebnisse der ÖKG-Jahrestagung 2006 sind aus Ihrer Sicht besonders erwähnenswert? Wie war die Resonanz auf die gebotenen Themen?
Baumgartner: Der Kongress ist für die Gesellschaft sehr zufrieden stellend verlaufen. Neben dem zahlenmäßig guten Besuch, bekamen wir von den Teilnehmern ein gutes Echo, die Themen fanden breites Interesse. Das Programm wurde intensiv mit den Arbeitsgruppen erstellt und besonderes Augenmerk auf die Praxisrelevanz gelegt. Die Themen der Task forces bildeten den Schwerpunkt der diesjährigen Tagung: Die Einbindung der Multi-Slice-CT-Angiographie in die kardiologische Praxis, die Therapie des Infarktes und die Gender-Medizin wurden umfassend diskutiert. Wir hatten Sitzungen zu aktuellen Entwicklungen in der Herzinsuffizienztherapie, zur Vermeidung des plötzlichen Herztodes, zur Problematik der Schwangerschaft bei Herzerkrankung und anderes mehr. Letztlich wurde versucht, die brennenden Fragen in allen Teil-gebieten der Kardiologie zur Sprache zu bringen. Zum Abschluss wurden von renommierten Vertretern der einzelnen Spezialgebiete die wichtigsten Studien des vergangenen Jahres, die auch die klinische Praxis nachhaltig verändern, zusammengefasst. Das hat guten Anklang gefunden und auch bis zuletzt für einen regen Besuch der Tagung gesorgt.

Welche Ziele würden Sie gerne im kommenden Jahr noch umsetzen?
Baumgartner: Wir haben letztes Jahr in den Hauptprojekten viel erreicht. Um nachhaltige Effekte zu erzielen, ist deren Fortführung im kommenden Arbeitsjahr von entscheidender Bedeutung. Beim Infarktprojekt beispielsweise wurde der Sollzustand de-finiert, die Umsetzung erfordert aber noch reichlich Arbeit. Hier sind noch einige Hürden zu überwinden, etwa um zu ermöglichen, dass ein Notarztwagen einen Infarktpatienten auch grenzüberschreitend in ein Zentrum mit Katheterlabor bringen darf. Es existieren zwar konkrete Vorschläge, von allen Seiten wird Gesprächsbereitschaft signalisiert, die Realisierung steht aber noch bevor. Wir werden daher versuchen, dieses Projekt weiter voran zu treiben. Auch mit den radiologischen Kollegen haben wir ein gutes Gesprächsklima hinsichtlich der koronaren Bildgebung. Ein schöner Erfolg wäre, bald einen Konsens zu erzielen und eine gemeinsame Richtlinie zu erstellen.

Welche Verbesserung könnten Sie sich bei der Zusammenarbeit mit den Allgemein-medizinern vorstellen?
Baumgartner: Gerade die Thematik der landesweiten, optimierten Infarktversorgung ist ohne die Resonanz und die Mitarbeit der Allgemeinmediziner nicht möglich. Hier soll keineswegs eine Umgehung des betreuenden Hausarztes propagiert werden, allerdings muss die Notwendigkeit des direkten Weges in die nächste Spezialabteilung gesehen werden. Auch die nicht kardiologischen Abteilungen kleinerer Krankenhäuser sollen nicht das Gefühl bekommen, man ziehe Patienten ab. Vielmehr ist nach akuter Primärbehandlung in Zentren, die ein Herzkatheterlabor zur Verfügung haben, ein Rücktransport in die zuständigen Spitäler anzustreben. Dies bedarf einer breiten Einbindung aller beteiligten Stellen und eine funktionierende Kommunikation.

 

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 27/2004

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