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Innere Medizin 14. Juni 2006

HIV/AIDS: Heute gut behandelbar

Antiretrovirale Substanzen haben aus der tödlichen Erkrankung AIDS eine behandelbare Infektion mit weitgehend uneingeschränkter Lebenserwartung werden lassen. Die Therapie ist allerdings nach wie vor aufwändig, eine Heilung nicht möglich.

Rund 6.000 Menschen leben heute in Österreich mit dem HI-Virus. Diese Zahl ist eine Schätzung, denn eine HIV-Infektion ist nicht meldepflichtig. „Rund 20 Prozent der Betroffenen werden erst bei weit fortgeschrittenem Immunmangel-Syndrom oder dem Vollbild von AIDS diagnostiziert“, berichtet Dr. Brigitte Schmid, OA an der 2. Med. Abt. des Otto Wagner Spitals Wien, Leiterin der HIV-Ambulanz und Präsidentin der Österreichischen AIDS-Gesellschaft.

Späte Diagnose hat folgenschwere Konsequenzen

Das hat folgenschwere Konsequenzen. Zum einen können infizierte Personen im langen Zeitraum, in dem sie nichts von ihrer Infektion wissen, andere Menschen anstecken. „Zum anderen greift die wirksame antiretrovirale Kombinationstherapie meist schlechter, die Nebenwirkungsrate ist oft deutlich erhöht“, erläuterte Schmid im Rahmen einer Pressekonferenz im Mai in Wien. Niedergelassene Ärzte sollten wachsamer sein, was die Erstsymptome der Infektion betrifft, meinte Dr. Armin Rieger, OA der Univ.-Klinik für Dermatologie Wien, Abt. für Immundermatologie und infektiöse Hautkrankheiten. 90 Prozent der Betroffenen spüren rund drei Wochen nach der Infektion Symptome, 80 Prozent gehen deshalb zum Arzt. „Bei jedem Patienten, der mit einer febrilen Erkrankung mit Lymphknotenschwellung und offenen Stellen im Mund den Arzt aufsucht, muss eine Testung auf das HI-Virus durchgeführt werden“, forderte Rieger.

Risikoreduktion um 90 Prozent

Wird die Infektion in einem frühen Stadium diagnostiziert, senkt eine antiretrovirale Kombinationstherapie das AIDS-Erkrankungsrisiko um 90 Prozent. State of the Art ist nach wie vor eine Kombination von drei Substanzen, die auf unterschiedliche Wirkweise in die Virusvermehrung eingreifen. Heute stehen rund 20 verschiedene antiretrovirale Substanzen zur Minimierung der Viruskopien im Blut zur Verfügung, neue Medikamente werden ständig erforscht. „Diese große Auswahl ist auch notwendig, da es immer öfter zur Resistenzbildung kommt“, so Rieger. „Davon sind nicht nur bereits behandelte Patienten betroffen, sondern auch Nichtbehandelte, die sich mit einem bereits resistenten Virus angesteckt haben.“

Neuer Fusionshemmer verhindert Verschmelzung

Eine neue Medikamentenklasse stellt das vom Pharmaunternehmen Roche entwickelte Enfuvirtid (Fuzeon®) dar. Dieser Fusionshemmer verhindert die Verschmelzung des Virus mit den körpereigenen Zellen. Das Medikament zeigt gute Wirkung bei Patienten mit Resistenzen auf andere antiretrovirale Medikamente und weist bis dato keine systemischen Nebenwirkungen auf. Es muss allerdings zweimal täglich von den Betroffenen selbst subkutan injiziert werden. Die Substanz ist seit 2004 auf dem österreichischen Markt. Für die Patienten bedeutet eine lebensbegleitende antiretrovirale Behandlung immer noch eine intensive Mitarbeit und die genaue Einhaltung des Behandlungsplans. „Im Gegensatz zur Hypertonie, bei der Medikamente auch dann noch wirken, wenn die Behandlung zwischenzeitlich unterbrochen wurde, kann die Behandlung mit antiretroviralen Medikamenten unwirksam werden, wenn die Medikation nicht regelmäßig und genau nach Plan eingenommen wird“, warnte Rieger.

Hohe Compliance gefordert

Auch wenn heute die Anzahl der regelmäßig einzunehmenden Tabletten von rund acht pro Tag auf etwa vier gesunken ist, greift die antiretrovirale Therapie nach wie vor intensiv in das Leben der Patienten ein. Es kann zu Nebenwirkungen wie imperativen Durchfällen kommen. Ein großes Problem ist außerdem die Lipodystrophie, die Fettverteilung etwa aus dem Gesicht in den Nacken. Eine hohe Motivation der Patienten ist also nach wie vor erforderlich, um eine dauerhafte Unterdrückung des Virus im Blut der Patienten zu gewährleisten. Um dies zu ermöglichen, fordern die HIV-Experten Schmid und Rieger eine multidisziplinäre Versorgung der HIV-Betroffenen. „Derzeit ist die Versorgungssituation in Österreich noch relativ gut“, sagte Schmid, „allerdings sind für pflegebedürftige und sozial schwächere Patienten spezielle Betreuungseinrichtungen notwendig.“ Unterstützung und Hilfestellung unterschiedlichster Art wird benötigt und ist häufig nur durch privat ­initiierte und finanzierte Organisationen gewährleistet. Auch dem zahlenmäßigen Verhältnis von Arzt zu Patient kommt große Bedeutung zu: „Diesbezüglich ist die Situation in Österreich als kritisch einzustufen“, so Schmid. „Das Verhältnis liegt bei rund 100 Patienten pro Arzt, was im internationalen Vergleich sehr viel ist.“ „Die HIV-Infektion bedeutet nach wie vor, ein Leben lang mit einer unheilbaren Erkrankung leben zu müssen, die einen beträchtlichen, unwiderruflichen Einschnitt in die gesamte Lebensplanung verursacht“, resümierte Schmid. Nur mit einer gut eingestellten antiretroviralen Therapie können die Betroffenen ein weitgehend normales Leben führen. Auch die Geburt von Kindern ist – bei optimaler Behandlung – heute ohne vertikale Transmission möglich.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 24/2006

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