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Innere Medizin 7. Juni 2006

Gezielter Angriff auf Brustkrebszellen

Auch wenn ein Mammakarzinom mit ausreichend Randsaum im Gesunden entfernt wird, verbleiben Krebszellen im Gewebe, die zu einem Rezidiv und später zu Metastasen führen können. Salzburger Ärzte setzen nun auf die intraoperative Radiotherapie (IORT) zur Vernichtung dieser Restzellen. Einen weiteren zielgerichteten Angriff auf Tumorzellen stellen neue so genannte targeted therapies mit Antikörpern dar.

Nur an wenigen Institutionen weltweit steht die intraoperative Radiotherapie (IORT) als zusätzliches Verfahren zur lokalen Bestrahlung des umliegenden Brustdrüsengewebes nach Tumorentfernung zur Verfügung. Die Salzburger Universitätsklinik für Spezielle Gynäkologie, unter der Leitung von Prof. Dr. Christian Menzel, ist eine dieser Institutionen. Das Verfahren wird an der Klinik seit 1998 erfolgreich durchgeführt. Im Rahmen einer Pressekonferenz im Vorfeld der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe stellte Menzel die bisher größte Studie zu diesem Verfahren, die an einer einzelnen Institution durchgeführt wurde, vor. „Seit der Einführung der IORT-Therapieeinheit im Jahr 1998 konnten wir diese Technik bei über 800 Patientinnen anwenden“, erläuterte Menzel. Die Einschlusskriterien zur IORT sind das histologisch nachgewiesene, invasive Mammakarzinom mit vorgesehenem brusterhaltendem Therapieansatz, das multifokale Karzinom, die EIC (extensive intraduktale Komponente) und in jedem Fall die histologisch dokumentierte Tumorresektion in sano. Nach der durchgeführten Tumorentfernung wird bei bestätigten tumorfreien Resektionsrändern das umliegende Brustdrüsengewebe vom Muskel gelöst und mittels temporärer Nähte in den vorgesehenen Strahlengang approximiert. Anschließend erfolgt die Bestimmung der Tiefendosimetrie mit Hilfe sonographischer Messung und die Applikation von 9Gy (1 Gy=Gray entspricht 1 Joule/kg) über den Linearbeschleuniger in das Tumorbettgebiet.

Bestrahlung dauert nur wenige Minuten

„Die Bestrahlung selbst nimmt nur wenige Minuten in Anspruch“, sagte Menzel. „Anschließend werden die Hilfsnähte wieder gelöst und das Tumorlager nach Einlage einer Drainage verschlossen.“ Alle rund 800 bisher mittels IORT behandelten Patientinnen wurden postoperativ einer perkutanen Ganzbrustbestrahlung zugeführt. „Nach einem mittleren Follow-up von drei Jahren wurde bislang kein Lokalrezidiv festgestellt“, resümierte Menzel die Studienergebnisse. Ein beachtliches Ergebnis, hätte man doch unter den rund 800 Frauen eine solche Komplikation bei etwa sieben Prozent erwarten müssen.

Hochpräzise Applikation bei geringen Strahlungsvolumina

Die Vorteile der IORT sieht Menzel in einer hochpräzisen Applikation der Strahlendosis mit geringen Bestrahlungsvolumina. Die Haut, die hinsichtlich der Entwicklung von Spätreaktionen, das empfindlichste Normalgewebe in der Radio­therapie des Mammakarzinoms darstellt, wird bei der IORT komplett geschont. „Die vorliegenden Ergebnisse erlauben den Schluss, dass in Kombination mit einer postoperativ durchgeführten Ganzbrustbestrahlung der Einsatz von IORT eine weitere Verbesserung der Lokalrezidivsituation der betroffenen Patientinnen bringt“, so Menzel.
Ebenso wie die IORT stellen die neuen so genannten targeted therapies einen zielgerichteten Angriff auf die Tumorzellen dar. Beim HER2-positiven Mammakarzinom konnten in den vergangenen Jahren mit dem monoklonalen Antikörper Trastuzumab (Herceptin®) ausgezeichnete Erfolge erzielt werden. „Rund 25 Prozent aller Mammakarzinome sind HER2-positiv“, berichtete der Vorstand der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe am Wiener Wilhelminenspital, Prof. Dr. Heinrich Salzer. Mehrere internationale Studien haben gezeigt, dass Trastuzumab, unabhängig von Tumorstadium, Lymphknotenbeteiligung oder zusätzlicher Therapie zu einer Senkung der Mortalität um 33 Prozent, der Metastasierung um 53 Prozent, zu einer Verminderung von Rezidiven und einer Verlängerung des progressionsfreien Überlebens führt. „Diese Ergebnisse wurden erst im Vorjahr mit der europäischen HERA-Studie bestätigt“, so Salzer weiter.

Monoklonaler Antikörper Trastuzumab wirkt mehrfach

Trastuzumab antagonisiert die Wachstumssignalübertragung im HER2-Netzwerk (Human epidermal Growth Factor), beschleunigt die Internalisation und den Abbau von HER2, reguliert den Vascular Endothelial Growth Factor hinunter und stimuliert das Immunsystem über Antikörper-abhängige zellmediierte Zytotoxizität. Eine mögliche Anwendung von Trastuzumab muss bei jeder Patientin im Vorfeld genau überprüft werden. Eine Gefahr für die Patientinnen sieht Salzer dennoch nicht: „Die mehrfach diskutierte Negativwirkung auf das Herz existiert, liegt aber nach den vorliegenden Studien in einem Bereich von fünf Prozent kardialer Nebenwirkungen“, relativiert Salzer. Für Salzer liegt die Zukunft der Tumortherapie in der optimalen Auswahl der Patientinnen, sowie in der Erforschung weiterer targeted therapies, um eine immer exaktere und zielgerichtetere Krebsbehandlung zu ermöglichen.

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