zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 23. Mai 2006

Herzinfarktprävention: Fakten und Mythen

Die Prävention des Herzinfarkts ist in allererster Linie Hausarztsache. Dafür stehen heute eine ganze Reihe von Medikamenten, aber auch nichtmedikamentöse Maßnahmen zur Verfügung. Allerdings ist nicht alles, was in diesem Zusammenhang propagiert wird, auch wissenschaftlich belegt. Hinzu kommt ein unüberschaubarer Wirrwarr an unterschiedlichen, zum Teil auch kontroversen Studienergebnissen.

Eine effektive Infarktprävention erfordert zunächst eine Beurteilung des individuellen Risikos. Früher wurde, je nachdem, ob bereits ein kardiovaskuläres Ereignis eingetreten war oder nicht, zwischen Primär- und Sekundärprävention unterschieden. Epidemiologische Studien haben jedoch gezeigt, dass das Infarktrisiko vieler Hochrisikopatienten ohne klinisch manifeste koronare Herzkrankheit (KHK) ebenso hoch oder sogar höher ist als jenes von Personen, die bereits einen Infarkt erlitten haben. Das absolute Risiko für einen Herzinfarkt kann z.B. nach dem PROCAMScore mithilfe eines Algorithmus anhand der Risikofaktoren Alter, LDL-Cholesterin, HDL-Cholesterin, Triglyzeride, Nikotinabusus, Diabetes mellitus, systolischer Blutdruck und Familienanamnese berechnet werden. Von einem niedrig bis leicht erhöhten Infarktrisiko spricht man, wenn das Zehn-Jahres-Risiko unter zehn Prozent liegt, von einem mittleren, wenn das Zehn-Jahres-Infarktrisiko zwischen zehn und 20 Prozent liegt, und von einem hohen, wenn das Infarktrisiko für die nächsten zehn Jahre über 20 Prozent beträgt. Patienten mit manifester KHK bzw. nach Herzinfarkt, Bypassoperation oder Koronarintervention gehören immer zur Hochrisikogruppe, ebenso Typ-2-Diabetiker. Insgesamt haben 77,5 Prozent der Bevölkerung ein niedriges Risiko, 15 Prozent ein mittleres und 7,5 Prozent ein hohes.

Basis der Prävention

Nichtmedikamentöse Maßnahmen sind die Basis jeglicher Prävention. Für die meisten Patienten steht die Gewichtsreduktion im Vordergrund. Dass regelmäßiger Obst- und Gemüseverzehr das kardiovaskuläre Risiko günstig beeinflusst, konnte in einer Reihe prospektiver Kohortenstudien gezeigt werden. Das gilt auch für den Verzehr von Fisch. Auf der letzten Jahrestagung der American Heart Association wurden interessante Ergebnisse einer Diätstudie präsentiert. In allen drei Gruppen wurden sechs Prozent der Kalorien durch gesättigte Fette verabreicht. Gruppe 1 erhielt eine kohlenhy­dratreiche Diät. In der zweiten Gruppe war der Kohlenhydratanteil reduziert und der Proteinanteil erhöht. Die Diät der dritten Gruppe enthielt mehr Fett und weniger Proteine. Die günstigsten Effekte auf Blut, Lipide und das geschätzte KHK-Risiko sah man in der Gruppe mit der proteinreichen Diät. Hier wurde das potenzielle Zehn-Jahres-Risiko um 5,8 Prozent im Vergleich zur kohlenhydratreichen Ernährung gesenkt, unter der fettreichen Diät immerhin noch um 4,2 Prozent.

Vitamin B und Folsäure

Ob Vitamine das KHK-Risiko günstig beeinflussen, wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Die Rationale für eine Vitamin-B-Substitution ist die epidemiologische Beobachtung, dass ein erhöhter Homozysteinspiegel ein kardiovaskulärer Risikoindikator ist. Deshalb lag es nahe, mit Folsäure bzw. Vitamin B6 den Homozysteinspiegel zu senken. Dass diese Rechnung jedoch nicht aufgeht, zeigt die NORVIT-Studie. Darin konnte bei Postinfarktpatienten, die placebokontrolliert zusätzlich zu ihrer Standardmedikation Folsäure bzw. Vitamin B6 erhielten, das kardiovaskuläre Risiko nicht günstig beeinflusst werden – und dies, obwohl der Homozysteinspiegel um relative 30 Prozent gesenkt wurde. Bei Patienten, die eine Kombination aus Folsäure und Vitamin B6 erhielten, war das Risiko sogar gering erhöht. Es konnte auch keine Subgruppe identifiziert werden, die von Vitamin B profitierte. Auch fand sich ein Trend zu mehr Karzinomen in der Behandlungsgruppe. Eine negative Wirkung der Vitamin-B-Substitution fand sich v. a. bei Patienten mit initial deutlich erhöhtem Homozysteinspiegel, bei Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz und solchen, die noch andere Vitamine einnahmen. Ein anderes viel diskutiertes Therapieprinzip sind Omega-3-Fettsäuren. In der GISSI-Studie reduzierten Omega-3-Fettsäuren bei Postinfarktpatienten das Risiko für einen plötzlichen Herztod innerhalb der ersten Monate nach dem Infarkt signifikant. Doch in der kürzlich veröffentlichten SOFA-Studie konnten diese Ergebnisse nicht bestätigt werden. Hier wurden KHK-Patienten randomisiert und entweder mit Fischöl (täglich 2 g) oder Placebo behandelt.

Omega-3-Fettsäuren

Innerhalb von zwölf Monaten wurde bei 30 Prozent der Patienten in der Fischölgruppe eine lebensbedrohliche tachykarde Herzrhythmusstörung dokumentiert im Vergleich zu 33 Prozent in der Placebogruppe. Nur bei Postinfarktpatienten fand sich ein leichter Trend zugunsten der Fischölgruppe.

Anders die Ergebnisse der japanischen JELIS-Studie: Hier wurden ca. 20.000 Patienten mit Hypercholesterinämie randomisiert, placebokontrolliert mit Omega-3-Fettsäuren zusätzlich zu Statinen behandelt. Nach einer im Mittel 4,6-jährigen Therapie konnte dadurch die kardiovaskuläre Ereignisrate von 3,5 auf 2,8 Prozent gesenkt werden, wobei insbesondere die geringere Inzidenz der instabilen Angina pectoris auffiel. Signifikant profitierten allerdings nur Patienten mit bereits manifester KHK.

Veränderung des Lebensstils

Durch eine konsequente Lebensstilveränderung mit einer Ernährung mit weniger als 30 Prozent Fett und einem hohen Anteil ungesättigter Fette und geringen Mengen eines alkoholischen Getränks, mindestens 30 Minuten körperliche Aktivität pro Tag, einem BMI unter 25 und Nichtrauchen wird die Mortalität um relative 60 Prozent reduziert. Damit schneidet dieses „Therapieprinzip“ sehr viel besser ab als andere etablierte Verfahren wie z.B. die Statine, die das Mortalitätsrisiko um relative 30 Prozent reduzieren, und die Koronarintervention bzw. Bypasschirurgie, die die Mortalität sogar nur um relative fünf Prozent senken.

Quelle: Cardio-Refresher 2006, 13.1.2006 in Wiesbaden

 Bewegen und nicht rauchen

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben