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Innere Medizin 23. Mai 2006

Ist der Darm gereizt oder der Patient?

Die meisten Menschen würden darin ganz normale Nebeneffekte der Verdauung sehen: Blähungen und Durchfall, Obstipation und Sodbrennen. Doch unter anderem durch gesteigertes Schmerzempfinden können die Symptome Krankheitswert bekommen. Organische Ursachen wurden bisher nicht gefunden.

Die Symptome sind vielfältig, die meisten Menschen kommen deswegen nicht zum Arzt: Bauch- oder Magenschmerzen, Übelkeit und Blähungen, Aufstoßen, Völlegefühl und Durchfall oder Verstopfung. Bei geschätzten 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung ab 20 Jahren werden die immer wiederkehrenden Beschwerden von Reizdarm und Reizmagen jedoch krankheitswertig (siehe Kasten). Was die Ursachen anlangt, so ist einiges erforscht, etliches liegt aber noch im Dunkeln. Da Frauen jedenfalls vom Reizdarm doppelt so oft betroffen sind wie Männer, schließen Wissenschaftler daraus, dass Östrogen einen Einfluss auf die Entstehung der Krankheit hat. Fest zu stehen scheint, dass bei den Betroffenen die Beweglichkeit von Darm bzw. Magen verändert ist, der Nahrungsbrei wird deshalb entweder zu schnell oder zu langsam weiterbefördert.

Stress hat Einfluss

Auch vermehrte Magensäurebildung, die Unverträglichkeit gewisser Nahrungsmittel oder ein gesteigertes Schmerzempfinden, durch das ganz normale Darmbewegungen als schmerzhaft empfunden werden, werden als Ursachen diskutiert. Manchmal beginnen die Symptome auch nach einer akuten Magen-Darm-Entzündung. Möglicherweise sind also auch Entzündungsprozesse beteiligt. Ziemlich sicher ist, dass Stress und Krisensituationen mitwirken. Denn oft machen sich gerade dann Beschwerden bemerkbar, eine Tatsache, die bereits die Ärzte, die sich in den fünfziger Jahren mit dem Krankheitsbild befassten, zu der Frage veranlassten: „Ist der Darm gereizt oder der Patient?“ „Lebensqualität, Wohlbefinden und Arbeitsfähigkeit werden nachhaltig beeinträchtigt“, so Dr. Christian Euler, Präsident des Österreichischen Hausärzteverbandes, anlässlich eines Pressegesprächs am 11. Mai in Wien. Laut einer Studie beurteilen Betroffene mit Reizdarmsyndrom ihre Lebensqualität deutlich geringer als Patienten mit Migräne oder Asthma. Allerdings sind bei Untersuchungen keinerlei organische Ursachen festzumachen, ein Umstand, der Patienten zuweilen zum so genannten „doctor shopping“ veranlasst.

Entängstigung ist wichtig

Um andere Krankheiten, die mit ähnlichen Symptomen einhergehen können, auszuschließen, sollte „einmalig eine Ultraschall- und Laboruntersuchung sowie eine Magenspiegelung erfolgen. Oft hilft bereits diese Sicherheit“, sagt Dr. Eberhard Zillessen, Chefarzt der Klinik Niederrhein im deutschen Bad Neuenahr. Denn häufig gehe es bei den Betroffenen um eine „Entängstigung“, also darum, ihnen die Furcht vor einer bösartigen Krankheit zu nehmen. Was die Therapie anlangt, so müsse man sich laut Euler an den vom Patienten geschilderten Symptomen orientieren. Die Behandlungsmöglichkeiten, die in einem Therapiegespräch erläutert werden sollten, reichen von Ernährungsberatung über körperliche Bewegung, Stressabbau, etwa mit Hilfe von Entspannungsübungen oder autogenem Training. Hilfreich können auch psychotherapeutische Ansätze sowie entsprechende Medikamente sein. Eine vor kurzem von der Uni Heidelberg durchgeführte Studie über Akupunktur bei Reizdarm brachte im Vergleich zu Scheinakupunktur nur eine geringe, bloß drei Monate anhaltende Besserung hinsichtlich Krankheitsbewältigung und Schlafqualität.

 Diagnosekriterien für Reizmagen und Reizdarm

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