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Innere Medizin 16. Mai 2006

Aktionsmotto: „Shit happens!“

Experten gehen von einer höheren Inzidenz für chronisch entzündliche Darmerkrankungen als bisher in Österreich aus. Ein Aktionstag mit dem provokanten Titel „Shit happens!“ am 13. Mai sollte Bevölkerung und Ärzte für Früherkennung und Therapie von Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sensibilisieren.

Erkrankungen, die zwischen tabuisierten Themen und dem unteren Rand der Wahrnehmung pendeln, treffen die Patienten auf mehreren Ebenen. Zu Krankheitsbeginn steht in der Regel eine Odyssee durch die Arztpraxen und nach erfolgter Diagnose werden die Betroffenen sozial stigmatisiert. Zu Erkrankungen, die die Betroffenen wirklich leiden lassen, gehören auch die chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED), wie Elisabeth Fiedler, die Gründungspräsidentin der Österreichischen Morbus Crohn/Colitis ulcerosa-Vereinigung (ÖMCCV) und derzeitige Vizepräsidentin der EFFCA (European Federation of Crohn`s and Ulcerative Colitis Associations), in eindringlichen Worten schilderte. „Eine CED greift in nahezu alle Lebensumstände ein. So verhindert Morbus Crohn den Wunschberuf, macht Ausgänge und Mahlzeiten zu einer ständigen Belastung, weshalb sich Betroffene zu Hause einsperren“, so Fiedler anlässlich einer Pressekonferenz in Wien zum Aktionstag des ÖMCCV unter dem Motto „Shit happens!“.

CED weitgehend unbekannt

Eine repräsentative IMAS-Umfrage zu CED legte offen, dass trotz des hohen Leidensdruckes die Krankheiten in der Bevölkerung weitgehend unbekannt sind. 69 Prozent der Befragten hatten von Morbus Crohn, 80 Prozent von Colitis ulcerosa nie gehört oder gelesen. Diese Unwissenheit bringt furchtbare Nachteile mit sich, bedauerte Prof. Dr. Alfred Gangl, Vorstand der Universitätsklinik für Innere Medizin IV im AKH Wien: „Immerhin liegt die derzeit geschätzte jährliche CED-Inzidenz in Österreich bei 25 bis 50 Erkrankten pro 100.000 Einwohner. Daher kann man allein für Wien 25.000 Betroffene annehmen, was uns signalisiert, dass die Krankheit häufiger wütet, als bisher angenommen. Und ein Großteil der neu Erkrankten kennt die CED-Vorzeichen gar nicht. Umso mehr drängte Gangl, Informationsdefizite, die nicht nur auf Patientenseite liegen, auszumerzen: „Daher freue ich mich über die von ÖMCCV und Gastroenterologen initiierte Aufklärungskampagne, um das Bewusstsein für die chronisch entzündlichen Darmerkrankungen zu sensibilisieren. Das Ziel, das wir vor Augen haben, sind gut informierte Patienten und eine dem Stellenwert der CED angemessene Versorgung.“

Späte Diagnose – fatale Folgen

Prof. Dr. Walter Reinisch von der Wiener Universitätsklinik für Innere Medizin IV unterstrich desgleichen die Bedeutung der Kampagne, die auch Mediziner mobilisieren soll, denn mangelndes Wissen sowie Verharmlosung der Symptomatik durch erstversorgende Ärzte sei einer der Hauptgründe für die verzögerte Diagnose. Und dies wiederum, so Reinisch, verhindere eine optimale Therapie, kompliziere den Krankheitsverlauf und führe letzten Endes in die Invalidität. Dabei ist die Diagnostik der CED, die durch Phasen der Ruhe und erhöhter Aktivität gekennzeichnet sind, gar kein unüberwindbares Hindernis. Insbesondere bei der Colitis ulcerosa sind blutig-schleimige Beimengungen bzw. Durchfälle ein charakteristisches Zeichen. Prof. Dr. Wolfgang Petritsch von der Universitätsklinik für Innere Medizin Graz verwies jedoch auf die knifflige Situation beim Morbus Crohn, der sich häufig als medizinisches Chamäleon erweist: „Die Symptome wie abdominale Schmerzen, breiige Diarrhoe und Gewichtsabnahme lassen sich nicht eindeutig nur einer Krankheit zuordnen und zeigen überdies eine individuelle Ausprägung. Der bedeutendste Schritt für den erstbehandelnden Arzt ist, überhaupt an eine CED zu denken. Danach kommt als wichtigstes Diagnosehilfsmittel die Endoskopie zum Einsatz. Sie ermöglicht, basierend auf den entzündlichen Veränderungen, das Ausmaß der CED zu beurteilen.“ Zwar gilt eine Koloskopie als zuverlässig, kann jedoch gerade bei Morbus Crohn ihre Tücken haben. Denn dort beschränken sich die Entzündungen häufig auf den letzten Teil des Dünndarms und können bei einer Spiegelung übersehen werden, mahnte Petritsch zur gewissenhaften Inspektion. Ist eine detailliierte Inspektion aufgrund von Engstellen unmöglich, könne auf ergänzende bildgebende Verfahren wie MR oder CT ausgewichen werden. Zur Diagnosesicherstellung werden Histologie und Stuhlkultur herangezogen, um vor allem Darminfektionen auszuschließen. Weitere Laboruntersuchungen geben einen Hinweis auf Krankheitsaktivität, Blutbild und Mangelerscheinungen.

Hoffnung durch neue Therapiemethoden

Dabei könnte man CED-Patienten viele Operationen und Stomas ersparen: Prof. Dr. Harald Vogelsang von der Wiener Universitätsklinik für Innere Medizin IV verwies auf die medikamentöse Therapiepyramide, an deren Basis Medikamente wie Aminosalizylate und Probiotika ohne wesentliche Nebenwirkungen stehen. Für die schweren Schübe empfehlen sich Kortisonpräparate und Immunsuppressiva sowie Antikörpertherapien der neuesten Generation. Die vorteilhafte Wirkung der neuen Behandlungsoptionen war die gute Nachricht der anwesenden Experten. Nachteilig wirken sich jedoch die relativ hohen Kosten aus, die zu Schwierigkeiten mit den Kostenträgern führen. Vogelsang abschließend: „Dabei erkennen die Verantwortlichen nicht, dass sich insgesamt eine Einsparungsmöglichkeit bietet, da sich infolge der besseren Therapie weniger stationäre Aufenthalte, Operationen und Folgeuntersuchungen ergeben.“

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