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Innere Medizin 9. Mai 2006

Kortikoide als vermeintliche Übeltäter

„Überwiegend kontraproduktiv“, lautet das Resümee von Prof. Dr. Ingrid Herr vom Deutschen Krebsforschungszentrum zur Wirkung von Glukokortikoiden in der Krebstherapie.

Kortisonpräparate im Rahmen einer Krebstherapie lösen in entarteten Zellen des blutbildenden Systems den programmierten Zelltod, die Apoptose, aus. Zudem mildern sie Übelkeit und Erbrechen und
bewahren vor Ödembildung sowie Allergien gegen bestimmte Zytostatika. Zugleich schützen sie normales Körpergewebe vor schädlichen Nebeneffekten des Tumors. Was für Blutkrebs gilt, wird bisher auch für die Therapie von Patienten mit Karzinomen empfohlen. Mit einer Untersuchung von Zellen aus gut einem Dutzend Krebsarten, unter anderen der Lunge, Brust, Prostata, Darm, Bauchspeicheldrüse und des Nervengewebes, untermauert Prof. Dr. Ingrid Herr vom Deutschen rebsforschungszen­trum nun einen Verdacht, der sich schon 2003 abzeichnete. Bereits damals hatte die Wissenschaftlerin gezeigt, dass Zelllinien aus Gebärmutterhals- und Lungentumoren bei gleichzeitiger Gabe von Glukokortikoiden deutlich schlechter auf eine medikamentöse Therapie oder Bestrahlung ansprechen: Aus bislang ungeklärten Gründen bewirken Steroidhormone bei soliden Tumoren eine Blockade des programmierten Zelltods. Die Heidelberger Forscher analysierten nun mehr als 150 Gewebeproben repräsentativer Krebsarten: Über 85 Prozent der untersuchten Tumoren entwickelten eine Resistenz und wurden damit unempfindlicher gegen zahlreiche getestete Krebsmedikamente und Bestrahlung, wenn Steroidhormone verabreicht wurden. Zudem scheint es, dass die Tumoren unter diesen Bedingungen schneller wachsen.

Schon lange verdächtig

Diese Ergebnisse und jene an derer Untersuchungen fasste Herr nun in Lancet Oncology (2006, 7: 425-426) zusammen. Dabei kam zutage, dass bereits vor über 50 Jahren bei Patientinnen mit Brustkrebs eine verstärkte Metastasenbildung beobachtet wurde, wenn diese Kortisonpräparate erhielten. Eine Erhöhung der körpereigenen Glukokortikoidspiegel, die bei Krebskranken mit Nierenzellkarzinom häufiger auftreten, korrelierte mit einer schlechteren Prognose. Patienten mit Gehirnmetastasen eines Lungentumors sprachen schlechter auf die Krebstherapie an, wenn gleichzeitig Steroidhormone verabreicht wurden. Diesen Resultaten steht eine retrospektive Studie gegenüber, bei der sich kein negativer Effekt von Kortisonpräparaten auf das Überleben von Patientinnen mit Eierstockkrebs zeigte. Allerdings erhöht eine systemische Therapie mit Steroidhormonen anscheinend auch das Risiko, an Hautkrebs oder an Lymphomen zu erkranken. Allerdings hat die Therapie mit Glukokortikoiden auch viele positive Effekte bei der Krebsbehandlung, betonen die Wissenschaftler. Es sei notwendig, die Vermutungen in kontrollierten prospektiven Studien zu überprüfen.

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