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Innere Medizin 29. März 2006

Fernöstliche Kraft hilft dem Herzen

Eingefleischten Vertretern der Schulmedizin müssen bei dieser Nachricht die Haare zu Berge stehen: Das ehrwürdige American College of Cardiology (ACC), weltweit bekannt und gerühmt für besonders harte Wissenschaft in der Herz-Kreislauf-Medizin, hat bei der 55. wissenschaftlichen Jahrestagung in Atlanta ein Symposium zu „Traditionellen Systemen der Naturmedizin und der Verbindung von Herz und Geist“ veranstaltet. Auf der Tagesordnung: Transzendentale Meditation, altindische vedische Medizin und Tai Chi. Ein Disput mit durchaus interessanten Erkenntnissen.

Eine esoterische Angelegenheit? Mit Mantra-Gemurmel, Beschwörung der Lebenskräfte Yin und Yang? Mit Menschen, die sich im Schneidersitz auf geheimnisvolle Weise in die Luft erheben und herumschweben, was Levitation heißt und bei manchen Anhängern der Transzendentalen Meditation als angenehme Nebenwirkung der Erleuchtung abfällt? Nichts dergleichen! Die Referenten berichteten von Studien, die nach dem Muster westlicher Wissenschaft gemacht worden sind, soweit das bei diesen Methoden möglich ist. Und sie stellten Vermutungen über Wirkmechanismen an, die ganz von dieser Welt und dem normalen ACC-Publikum vertraut sind.

Beatles suchten Erleuchtung

Dr. Robert H. Schneider etwa, der aus dem US-Staat Iowa kommt und dort wiederum aus dem Ort Maharishi Vedic City. Ein beziehungs-reicher Name: Der Begründer der Transzendentalen Meditation heißt Maharishi Mahesh Yogi. Er hatte vor mehreren Jahrzehnten im Osten erste große Schlagzeilen gemacht, weil die Beatles sich bei ihm in Indien die Erleuchtung hatten holen wollen. Aber das nur nebenbei. In der Abteilung Medizin beruft sich die Transzendentale Meditation (TM) auf indische Überlieferungen, die mehrere tausend Jahre alt sind: die Veden. Schneider präsentierte Daten von Arbeiten, die in unverdächtigen Jour-nalen wie „Hypertension“, „Stroke“ oder dem „American Journal of Cardiology“ in den letzten Jahren erschienen sind. Und meistens hat TM dabei ziemlich gut abgeschnitten. Vordergründig ist TM eine Entspannungsübung, die zweimal am Tag 20 Minuten lang ausgeübt wird. So kam in einer randomisierten, kontrollierten Studie heraus, dass ältere afro-amerikanische Hypertoniker mit Hilfe der TM ihren systolischen Blutdruck hochsignifikant um gut 10 mmHg (p=0,0004) und den diastolischen um 5 mmHg (p=0,0001) senken konnten. Das sind traumhafte Werte für manchen medikamentösen Blutdrucksenker. In den Vergleichsgruppen wurde entweder die Progressive Muskelentspannung ausgeübt oder nichts Besonderes gemacht. Oder: In einer Meta-Analyse von 146 Studien zu psychosozialen Aspekten hat TM bei der Verringerung von Angst doppelt so gut abgeschnitten wie Biofeedback oder andere Meditationsrichtungen. Außerdem mussten Herzkranke mit TM weniger oft ins Krankenhaus und KHK-Patienten konnten Herzischämien signifikant verringern. Brian Olshansky von der Universität von Iowa beobachtete zusammen mit Kollegen von der Maharishi Universität in Maharishi Vedic City im Rahmen einer Pilot-Studie 28 KHK-Patienten. Dabei sollten die Effekte von Lifestyle-Änderungen nach den wissenschaftlichen Vorgaben der American Heart Association mit den Auswirkungen einer Lifestyle-Änderung nach dem Muster der vedischen Medizin verglichen werden. Der vedische Arm beinhaltete TM, Yoga-Übungen, Ayurveda-Diät und Behandlung mit speziellen vedischen Kräutern. Alle Patienten wurden ansonsten nach medizinisch westlichem Standard gleich versorgt. Gemessen wurden die Effekte der Lifestyle-Änderungen an der Intima Media-Dicke der Karotis nach neun Monaten. Ergebnis: Es gab keinen signifikanten Unterschied zwischen beiden Gruppen. Was auch heißt, das westliche Programm hat nicht besser abgeschnitten.

Tai Chi für Ältere ideal

Oder Dr. Malissa J. Wood vom Brigham and Women’s Hospital in Boston, die in einer kontrollierten Studie überprüft hat, ob bei Herzinsuffizienz-Patienten zusätzlich zur normalen Behandlung das fernöstliche Tai Chi von Nutzen sein könnte. Tai Chi wurde als meditative Bewegungsform gewählt, weil auch ältere oder behinderte Leute damit gut zurechtkommen. Wood: „Tai Chi kombiniert langsame, zielgerichtete Bewegungen mit entspanntem Atmen, mentaler Entspannung und Selbstwahrnehmung.“ Ergebnis nach nur zwölf Wochen: Mit Tai Chi verbesserten sich die Lebensqualität, gemessen mit einem in der westlichen Wissenschaft üblichen Fragesystem, und der 6-Minuten-Gehtest signifikant. Oder schließlich Dr. C. Noel Bairey Merz vom Cedars-Sinai Medical Center in Los Angeles, die mit 103 KHK-Patienten eine randomisiert kontrollierte Studie machte. In der einen Gruppe praktizierten die Patienten TM, in der zweiten andere Gesundheitsübungen; jeweils zweimal 20 Minuten am Tag. Ergebnis: Mit TM verbesserten sich Blutdruck und Insulin-Resistenz, das Ausmaß von Ängsten und depressiven Verstimmungen wurde geringer.

Forscher fordern, die Erfolge zur Kenntnis zu nehmen

Als Erklärung all dieser Ergebnisse der fernöstlichen Methoden, Herz und Geist zu verbinden, bieten die Protagonisten nahwestliche Muster an. Robert Schneider interpretiert TM als Programm, die Homöostase zu verbessern und die Selbstreparaturmechanismen des Körpers in Gang zu setzen. Brian Olshansky bucht die Erfolge auf Lifestyle-Änderungen. Ein Etikett, das allen streng schul-medizinisch orientierten Wissenschaftlern bestens vertraut ist. Malissa Wood spekuliert nicht, fordert aber auf, die Erfolge zur Kenntnis zu nehmen und nach den Mechanismen zu suchen. Und Noel Bairez Merz sieht neurohormonale Mechanismen als Ursache, die weiter erforscht werden müssten. Auch damit treffen sich die Alternativen mit den harten Schulmedizinern, die immer dann, wenn Dinge nicht zu erklären sind, neue Studien anmahnen. In Atlanta hatte im Übrigen im selben Raum im Georgia Weltkongress-Center, in dem die Verbindung von Herz und Geist demon­striert wurde, kurz zuvor ein Symposium mit den hochwissenschaftlichen Zukunftsthemen Genomtherapie, Angiogenese und Zelltherapie stattgefunden. Womit zumindest schon mal räumlich das Gestern ganz unverkrampft mit dem Morgen verbunden war.

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