zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 20. März 2006

Diabetiker: Sport nicht ohne Arzt

Diabetiker sind häufig älter und übergewichtig, haben oft Bluthochdruck, eine koronare Herzkrankheit oder Gelenkbeschwerden. Sport ist für diese Patienten eine entscheidende Ergänzung der medizinischen Therapie. Vor Beginn eines körperlichen Trainings sollten sie jedoch genau untersucht, ausführlich beraten und gegebenenfalls ihre Medikation neu angepasst werden.

Doz. Dr. Stephan Jakob, Ärztlicher Leiter der Albert-Schweitzer-Klinik in Königsfeld im Schwarzwald, bemerkt zum Thema sportmedizinische Beratung für Diabetiker: „Da kann man nicht einfach sagen, holen Sie sich einen Trainingsanzug und gehen Sie in den Nordic Walking Kurs.“ Jacob empfiehlt, bei jedem Diabetiker gelegentlich ein Belastungs-EKG zu machen und dabei vor allem auch auf den Blutdruck zu achten. „Man ist häufig überrascht, bei welch geringen Belastungsstufen die Leute schon extrem hohe Werte haben“, sagt er dazu. Manche Patienten hätten zum Beispiel schon bei 25 Watt einen Blutdruck von 180 zu 100 mmHg. „Da kann man sich leicht vorstellen, auf welche Werte der Druck steigt, wenn die Patienten versuchen, mit einer Walking-Gruppe Schritt zu halten.“ Deshalb sollte vor allem auch der Blutdruck gut eingestellt sein.

Wer außer Atem kommt, trainiert zu intensiv

Bei körperlicher Bewegung sollten Patienten sich trotz der Anstrengung noch gut unterhalten können. Drei- bis fünfmal die Woche Training über 20 bis 60 Minuten (Hartmut Zwick, Bewegung als Therapie, Springer Verlag, S. 109) wäre optimal. Auch eine Pulsuhr ist für Patienten sinnvoll. Empfohlen wird ein moderates Training bei 50 bis 70 Prozent der Herzfrequenzreserve. Die Herzfrequenzreserve ist die Differenz zwischen der Ruheherzfrequenz und der Herzfrequenz bei maximaler Belastung (etwa auf dem Ergometer). Die anzustrebende Trainingsherzfrequenz ergibt sich, wenn die Herzfrequenzreserve mit 0,7 multipliziert und das Resultat zur Ruheherzfrequenz addiert wird (siehe Beispiel im Kasten). Von früher empfohlenen Faustregeln zur Ermittlung der Trainingsherzfrequenz (etwa 180 minus Lebensalter) wird heute abgeraten. Sie können bei einzelnen Patienten falsche Rückschlüsse auf die Leistungsgrenzen zulassen und daher sogar gefährlich sein.„Bei kardialen Funktionseinschränkungen muss sehr genau überlegt werden, welche Belastung ein Patient sich zutrauen kann“, sagt Jacob weiter. Das Training sollte dann – zumindest am Anfang – am besten in einer Therapiegruppe und unter Überwachung erfolgen.

Therapie anpassen

Treten etwa beim Belastungs-EKG pectanginöse Beschwerden oder ST-Streckenverlängerungen auf, dann muss der Patient kardiologisch abgeklärt werden. Jacob warnt davor, dass Diabetiker mit Neuropathie gelegentlich Angina-pectoris-Beschwerden nicht wahrnehmen (stille Ischämien). Patienten mit Betablocker-Therapie darauf hinweisen, dass das Medikament die Herzfrequenz vermindert und die Leistungsfähigkeit herabsetzt. Werden Patienten neu auf eine Betablocker-Therapie eingestellt, dann sollte der Trainingspuls angepasst werden (zum Beispiel 10 bis 20 Prozent niedriger als ohne diese Therapie). Besonders nicht-kardioselektive Betablocker können zudem bei einer Insulintherapie die Wahrnehmung der Hypogly­kämie-Symptome erschweren. Werden Diabetiker mit Insulin oder auch Sulfonylharnstoffen behandelt, müssen sie die Therapie an die körperliche Bewegung anpassen, um Unterzuckerungen zu vermeiden. Andere Antidiabetika bergen die Gefahr von Hypogly­kämien hingegen nicht. Vor kürzeren sportlichen Aktivitäten (30 Minuten bei Insulin-Therapie oder 60 Minuten bei Sulfonylharnstoff-Therapie) reicht zur Hypoglykämie-Prophylaxe in der Regel die zusätzliche Aufnahme von Kohlenhydraten (etwa zwei Broteinheiten je 30 Minuten Sport) oder die Dosisreduktion aus. Gerade bei Übergewichtigen gilt es zu beachten, dass eher die Dosis des blutzuckersenkenden Medikaments reduziert und nicht unbedingt zusätzlich Energie zugeführt wird. Die Extrakalorien machen sonst den positiven Effekt der Bewegung auf das Gewicht oft wieder wett. Um individuelle optimale Insulin-Dosen für den Sport herauszubekommen, müssen Patienten selbst Erfahrungen sammeln. Sie sollten dazu die Insulindosen und Blutzuckerwerte zusammen mit der Art und Intensität der körperlichen Bewegung dokumentieren und gegebenenfalls mit einem Diabetologen besprechen. Die Menge des injizierten Hormons vor dem Training muss behutsam reduziert und unmittelbar vor dem Training der Blutzucker gemessen werden. Gut geeignet für den Sport sind Werte zwischen 150 und 250 mg/dl, bei niedrigeren Werten sollten noch ein bis zwei Broteinheiten gegessen werden.„Sportschuhe für Diabetiker müssen guten Halt geben, das Fußlängsgewölbe stützen und die Ferse umfassen“, so Dr. Gerhard Fleischner, Sportmediziner und Orthopäde aus Schliersee. Der Schuh sollte aber auch weich genug sein und keine Falten schlagen, wie das oft im Bereich der Schnürleiste der Fall ist. Nahtstellen, Lederkanten oder gar Metallösen sind Gift für Diabetiker-Füße. Die Zehen sollten vorne mindestens einen halben Zentimeter Raum haben. „Seitlich dagegen muss der Schuh schlüssig passen, sonst fängt der Fuß beim Laufen an zu rutschen“, so Fleischner. Er rät, Diabetikern eine Sporteinlage zu empfehlen, die optimalerweise vom Orthopädietechniker angefertigt wird. Denn eine Spätfolge bei Diabetes ist die Osteo­arthritis, bei der das Fußgewölbe zusammensinkt. Sportschuhe hätten meist zu weiche Einlegesohlen, so Fleischner, konventionelle Sporteinlagen seien dagegen oberflächlich zu hart. Empfehlenswert wären deshalb so genannte Sandwich-Einlagen. Deren Oberfläche ist weich und der Unterbau stabilisiert das Fußlängsgewölbe. Wichtig: Die Einlage darf nicht im Vorfußbereich enden, sondern sollte von den Zehen bis zur Ferse reichen. Die Original-Einlage wird aus dem Schuh entfernt, die individuelle Einlage dann eingelegt.

Nach Sport ist der Blutzucker verstärkt zu kontrollieren

Kommt es beim Sport zu starken Blutzuckerschwankungen, ist unter anderem auch die Injektionsstelle des Insulins zu überprüfen. Wird das Hormon in Muskeln gespritzt, die beim Sport stark beansprucht werden, kann es durch die verstärkte Durchblutung nämlich beschleunigt resorbiert werden. Auch nach dem Sport ist der Blutzucker verstärkt zu kontrollieren. Muskeln und Leber entziehen dem Blut nämlich über längere Zeit Glukose, bis die Glykogenspeicher wieder aufgefüllt sind. Dieser Muskelauffülleffekt dauert nach mäßigem Training bis zu zwölf Stunden, nach extremen Ausdauerbelastungen sogar mehrere Tage. Die Insulin-Dosis ist in dieser Zeit maßvoll zu reduzieren, vor allem, um nächtliche Hypoglykämien zu vermeiden.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben