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Innere Medizin 13. März 2006

RSI-Syndrom – Schmerzen durch Bildschirmarbeit

Der Begriff RSI (Repetitive Strain Injuries) bezeichnet ein tätigkeitsbedingtes Schmerzsyndrom, das in den Streckorganen der oberen Extremitäten, vor allem in Unterarmen und Händen, durch andauernde, hochfrequente Bewegungswiederholungen nach bewegungsimmanenten Bagatellverletzungen entsteht.

Jeder Vierte, der am Bildschirm arbeitet, entwickelt RSI-Symptome, die durch zigtausendfache Wiederholung derselben Bewegung langfristig zu einem RSI-Syndrom führen können. Die einzig wirkungsvolle Therapie ist die Änderung der Arbeitsbedingungen und das Erlernen neuer Tätigkeitsmuster. Beim RSI-Syndrom werden aber nicht die Mikroverletzungen des Gewebes schmerzhaft empfunden, sondern ihr neuroplastisches Produkt, betonte Prof. Dr. Dipl.-Psych. Hardo Sorgatz, TU Darmstadt, bei einem Forum Arbeitsmedizin. In der Regel sind keine organischen Schäden nachweisbar, die Symptome sind subjektiv. Am häufigsten wird über Schmerzen bei und nach kraftarmer Bewegung, Kraft- und Sensibilitätsverlust, Missempfindungen (Kribbeln, Ziehen, Kältegefühl) und Fehlbewegungen geklagt. Der RSI-Mechanismus bezieht sich auf Schädigungen extrem häufig bewegten Gewebes, die durch ungünstige Kraft- und Haltungsanforderungen verstärkt werden.

Risiko für Datatypistinnen

An Arbeitsplätzen mit hohem Anteil an wiederholten Bewegungen, wie Dateneingabe und zyklische Industriearbeit, ist das Risiko für RSI-Symptome mindestens doppelt so hoch wie bei Berufstätigkeit mit niederer repetitiver Belastung. Wie es bei so leichten, kraftarmen Tätigkeiten zu Mikroverletzungen kommen kann, erklärt Sorgatz so: RSI bei Tastatur-Tätigkeiten kann entstehen, wenn aufgrund der Umwandlung von Typ II- in Typ I-Muskelfasern, infolge jahrelanger Dateneingabe, der Ablauf des Schreibprogramms, die Anschlagrate, durch einen anderen biomechanischen Mechanismus erreicht wird: der Strecker hält gegen, bis die Beugersehne genügend Energie für einen schnellen, ballistischen Anschlag gespeichert hat. Dadurch kommt es zu exzentrischen Kontraktionen (Dehnungen) des kontrahierten Streckers – und zu Mikroverletzungen. RSI bei Tätigkeiten mit der „Maus“ kann entstehen, wenn - z.B. aufgrund rechner- und programmabhängiger, variabler optischer Verzögerungen – die gewohnte Rückmeldung an die entsprechenden Kontrollsysteme im ZNS ausbleibt und cerebellare Korrekturversuche ungeordnet Beuger und Strecker gleichzeitig aktivieren. Die Folge sind wiederum exzentrische Kontraktionen von Strecker und Beuger – und Mikroverletzungen.
Diese Mikroläsionen kumulieren in den betroffenen muskuloskelettalen Strukturen und führen zu bewegungstypischen Schmerzen. Gleichzeitig entstehen neuroplastische Kopplungen zwischen unterschwelligen Schmerzimpulsen und zugehörigem Bewegungsprogrammen, die auch nach vollständiger Ausheilung eine bewegungsspezifische Schmerzempfindung aufrechterhalten. RSI-Patienten können demnach unter nozizeptiven bzw. bei Nervenschäden neuropathischen Schmerzen leiden, aber auch unter neuroplastisch erzeugten, so genannten „virtuellen Schmerzreizen“. Letztere unterliegen einem stärkeren soziopsychischen Einfluss als „reale“, nozizeptiv ausgelöste Schmerzempfindungen.

Rezidive auch nach Pausen

Aversiv gefärbte soziopsychische Umstände könnten die deszendierende Schmerzhemmung beeinträchtigen und damit, als Chronifizierungsfaktoren, zur Konsolidierung neuroplastischer Schmerzprozesse beitragen. Zusätzlich bewirken sie, wie bei anderen Schmerzsyndromen auch, eine verringerte Schmerzschwelle bzw. einen gesteigerten Schmerzausdruck. Damit lassen sich klinische Beobachtungen, wie das neuerliche Auftreten von RSI-Symptomen nach mehrwöchiger Tätigkeitspause bereits nach wenigen Stunden Berufstätigkeit, die häufig geringe Bedeutung aktuell bestehender Gewebeläsionen und der Einfluss nichtmechanischer Faktoren auf das Beschwerdebild erklären.

Aufgaben sollten wechseln

Es gibt kein Allheilmittel gegen RSI, betont Sorgatz. Am wichtigsten ist die Prävention durch Variation des Tätigkeitsmusters, durch regelmäßiges Wechseln der Aufgaben. Denn alles schädigt, was repetitiv gemacht wird. Eine chirurgische oder medikamentöse Behandlung erzielt häufig nur eine vorübergehende Symptomreduktion, wenn die Berufstätigkeit später unverändert fortgeführt wird. Von der Ruhigstellung betroffener Gliedmaßen (Gipsverband!) wird ebenso abgeraten wie von einer vollständigen Unterbrechung der Berufstätigkeit. Falls die Beschwerden es zulassen oder medikamentös gut kontrolliert werden können, sollte der gewohnte Arbeitsplatz als „Lernfeld für neue Bewegungsmuster“ genutzt werden. Dies setzt eine zunächst zeitlich begrenzte Umgestaltung der Arbeitsbedingungen voraus, wie veränderter Bewegungsablauf, Einfügung von Mischaufgaben, natürliche Bewegungspausen durch Entfernung von Arbeitsgeräten wie Telefon oder Drucker aus dem „bequemen“ Greifraum. Wichtigste Konsequenzen für die Vorbeugung und Behandlung sind laut Sorgatz: die Beachtung aller (verhaltens-) ergonomischen Regeln; Bewegungen nur unter völliger Schmerzfreiheit (Medikation) und monatelange physikalische und mentale Gegenstimulation. Es ist wichtig, alternative Fingerbewegungen zu lernen, wie z.B. Klavierspielen, um dem Hirn zu zeigen, da ist nichts krank. Bei Maus-RSI rät Sorgatz zu PC-Upgrade, Mauswechsel und Sensibilitätstraining und dazu, statt der „Maus“ mehr „short cuts“ zu verwenden.

Dr. Klaus Huber, Ärzte Woche 39/2005

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