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Innere Medizin 8. März 2006

Sinnvolle Allergiediagnostik mit Fokus auf das ­Kindesalter

Der Pricktest ist in der Praxis erst ab dem Schulalter sinnvoll. Er muss auch nicht immer sein – die IgE-Bestimmung aus dem Serum korreliert bei Kindern besser mit der Klinik als bei Erwachsenen. Dabei bleibt zu beachten, dass allergische Kinder wahre IgE-Athleten sein können: mit ungleich höheren Werten ist besonders bei Neurodermitis zu rechnen. Dr. Jörg Kleine-Tebbe vom Allergie- und Asthma-Zentrum Westend, Berlin, stellte beim 10. Grazer Allergietag unterschiedliche Diagnoseverfahren und ihren Stellenwert beim Kind vor.

Das typische Allergenspektrum wandelt sich in den ersten Lebensjahren drastisch: Während Säuglinge und Kleinkinder mit Nahrungsmittelproteinen, vorwiegend aus Milchprodukten, Hühnerei, Fisch, Weizen und Nüssen reagieren, treten ab der Schulzeit pollenassoziierte Nahrungsmittelallergene als Auslöser auf. Dazu gehören nicht nur Äpfel oder anderes Kern- und Steinobst, sondern auch Karotten, Sellerie oder frisches Sojaprotein. Die verbreiteten Reaktionen auf inhalative Allergene wie Baum- und Gräserpollen, Tierepithelien oder Milbenproteine treten ebenfalls in dieser Lebensphase in den Vordergrund.

Nicht immer ist ein Pricktest möglich

Beim Pricktest gelangen geringe Mengen der Testallergene durch einen „Pieks“ in die Dermis. Reagiert der Patient mit Proteinen aus diesen Extrakten, kommt es innerhalb weniger Minuten zur IgE-vermittelten Sofortreaktion – eine Quaddel mit Erythem entsteht. Dieser einfache Test ist nach wie vor der häufigste Test in der Allergiediagnostik. Allerdings darf er nur angewandt werden, wenn die Möglichkeit einer Notfallbehandlung besteht, da sehr selten systemische Reaktionen beobachtet wurden. Zu beachten bleibt auch, dass Hauttests bei Antihistaminika-Einnahme und bestimmten Hauterkrankungen (z.B. Urtikaria factitia) wenig sinnvoll sind. „Andere Tests wie die IgE-Bestimmung ergänzen die Diagnostik beim Erwachsenen. Bei Kindern kommen IgE-Tests häufig als Erstdiagnostik zum Einsatz“ sagte Dr. Jörg Kleine-Tebbe vom Allergie- und Asthma-Zentrum West­end, Berlin, im Rahmen des 10. Grazer Allergietags. Bei Untersuchungen an der Kinderklinik der Charité Berlin wurden die gemessenen allergenspezifischen IgE-Spiegel mit der Wahrscheinlichkeit einer klinischen Reaktion in Verbindung gebracht. Kleine-Tebbe: „Es konnte gezeigt werden, dass ab einer gewissen IgE-Konzentration für das betreffende Allergen (Hühnerei, Kuhmilch) bei 95 Prozent aller Kinder eine klinische Reaktion auftrat. Eine vergleichbare Aussage ist bei Erwachsenen noch nicht möglich, hier ist die Beziehung zwischen IgE-Antikörpertiter und Symptomatik nicht hinreichend untersucht.“ Bei der Beurteilung von IgE-Messungen sollte das Verhältnis zwischen spezifischem und gesamtem IgE berücksichtigt werden. „Besonders die Einteilung in logarithmische IgE-Einheiten oder Klassen kann bei fehlender Erfahrung irreführend sein: die beiden Klassen 2 und 3 decken einen Bereich zwischen 0,7 und 17,5 kU/l der spezifischen IgE-Konzentration ab“, räumte Kleine-Tebbe ein. „Der alleinige Nachweis spezifischer Antikörper oder einer positiven Hauttestreaktion rechtfertigt die Diagnose einer Allergie nicht. Dazu gehören immer korrespondierende Symptome. Die Frage der klinischen Relevanz ist bei jeder Diagnostik zu klären. Sensibilisierung bedeutet nicht automatisch Allergie, sondern Allergiebereitschaft.“

Sensibilisierung bedeutet nicht immer Allergie

Einzel- oder Gruppentests, die mehrere Allergenquellen erfassen, helfen beim Ausschluss von Sensibilisierungen. Dazu stehen sowohl bei den Pricktests als auch in der IgE-Bestimmung entsprechende Kompositionen, wie Baumpollen-, Gräserpollen-, Nahrungsmittel-, oder Inhalationsallergenmischungen zur Verfügung. Erhärtet sich hier ein Verdacht, wird auf Einzelallergenquellen oder gelegentlich Einzelproteine getestet. Grundsätzlich sind Kinder voll immunkompetent, ein Pricktest ist bei ihnen ebenso aussagekräftig wie beim Erwachsenen. In der Praxis kommt er aus psychologischen Gründen häufig erst ab dem 6. bis 7. Lebensjahr zum Einsatz. Kleine-Tebbe: „Wer keine Möglichkeit zur Pricktestung hat, ist mit der IgE- Bestimmung gut beraten. Umgekehrt ist eine Doppeltestung mit Pricktest und IgE-Messung nur selten erforderlich. Die Abstände der Testung orientieren sich nach der Klinik des Kindes. Gegen eine Durchführung der Tests innerhalb der Pollensaison ist nichts einzuwenden.“ Von der häufig im paramedizinischen Bereich angebotenen Bestimmung des IgG gegen Nahrungsmittel riet Kleine-Tebbe ab: „Dieses Verfahren ist zur Allergiediagnostik nicht geeignet, genauso wenig wie Elektro-Akupunktur, Bioresonanz oder Kinesiologie, die ebenfalls als untaugliche Verfahren gelten.“

Link: www.allergie-experten.de

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