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Innere Medizin 8. März 2006

Transdisziplinäre Arbeit hat Zukunft

Österreichs Allergiespezialisten setzen starke Impulse in der Grundlagenforschung. Deren Transfer in die ärztliche Praxis liegt der Österreichischen Gesellschaft für Allergologie und Immunologie (ÖGAI) aber genauso am Herzen.

In den wenigsten EU-Ländern stehen einander Allergologie und Immunologie so nahe wie in Österreich. Die ÖGAI ist mit mehr als 550 Mitgliedern ein starkes Diskussionsforum für Grundlagenforscher und Kliniker. Die Präsidentin der ÖGAI, Prof. Dr. Beatrix Grubeck-Loebenstein, Direktorin des Instituts für Bio-medizinische Alternsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Innsbruck, hat wesentliche Impulse für die Gestaltung dieses FOKUS ALLER-GOLOGIE eingebracht. Grubeck-Loebenstein ist keine Allergologin. Als Immunologin setzt sie ihre wissenschaftlichen Schwerpunkte im Bereich der Gerontologie und der Biologie des Alterns. Als Präsidentin der ÖGAI steht sie einer großen nationalen Fachgesellschaft vor. Allerdings gibt es derzeit in Österreich keinen Facharzt für Allergologie, das Sonderfach Immunologie ist in erster Linie an Forschungstätigkeit gekoppelt. In der Praxis führen dennoch viele Wege zur Allergologie, kaum ein klinisches Gebiet ist so stark interdisziplinär zugänglich. Neben Dermatologie, Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde und Pädiatrie beschäftigen sich Internisten, Pulmologen, Patho(physio)logen und Labormediziner mit allergischen Erkrankungen – ganz abgesehen vom Allgemeinmediziner, der heute in großem Maß mit allergischen Erkrankungen konfrontiert ist. „Nicht überall in Europa besteht diese enge Verknüpfung zur Immunologie wie in Österreich“, betonte Grubeck-Loebenstein im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. „Die engere Einbindung in euro-päische Partnerstrukturen bringt gewisse Umbrüche für uns mit sich. So werden heuer erstmals zwei große europäische Tagungen den nationalen Kongress der ÖGAI ersetzen. Dabei werden die österreichischen Forscher wichtige Akzente einbringen können. Europas Immunologen treffen sich im Sommer in Paris.“

Österreich ist stark in der Grundlagenforschung, man könnte von einem Global Player in der Allergologie sprechen. Wie können ein kleines Land und seine nationale Fachgesellschaft dieser Tradition weiter gerecht werden?
Grubeck-Loebenstein: Der Erfolg der österreichischen Grundlagenforschung in der Allergologie geht auf sehr gezielte Impulse und die Strategie eines Wissenschafters zurück: Dietrich Kraft, dem Doyen der österreichischen Allergologie, gelang es gegen Ende der 1980-er Jahre, viel Schwung in ein bislang stiefkindlich behandeltes Fach zu bringen. Er erkannte, dass in einem kleinen Land mit verhältnismäßig bescheidenen Mitteln nur durch die Spezialisierung auf ein konkretes, eng begrenztes Thema ein Durchbruch an die weltweite Spitze möglich war. Diese Idee kam genau zum richtigen Zeitpunkt: Molekulare Methoden begannen gerade Einzug in die immunologische Forschung zu halten. Die Arbeitsgruppe brachte neue Techniken nach Wien und von dort an die heutigen Schwerpunkte in Österreich. Nach dem Durchbruch in ganz spezifischen Fragestellungen begannen die Horizonte zu wachsen, immer mehr wurde erforscht. Vor kurzem hat der Nachfolger Dietrich Krafts, Rudolf Valenta, das Christan-Doppler-Labor für Allergieforschung eröffnet. Auch die Fachgesellschaft hat eine wichtige Rolle als Treffpunkt für den Erfahrungsaustausch gespielt. Das spiegelt sich jedes Jahr in der hohen wissenschaftlichen Qualität der präsentierten Themen bei den Veranstaltungen der ÖGAI wider. Im produktiven Austausch zwischen Klinikern und Grundlagenforschern sowie zwischen den Fachrichtungen liegt das Erfolgsrezept des österreichischen Weges.

Kaum eine andere Fachgesellschaft bringt Vertreter so vieler Fachrichtungen an einen Tisch wie die ÖGAI. Ist dieses interdisziplinäre Konzept auch in der Ausbildung der Weg in die Zukunft oder könnten Sie sich einen Facharzt für Allergologie vorstellen?
Grubeck-Loebenstein: Seit geraumer Zeit bestehen Diskussionen um die Einführung eines Zusatzfaches Allergologie. Allerdings sah ein rezentes Konzept der Österreichischen Ärztekammer diese Zusatzausbildung lediglich für die Kinderheilkunde vor, was für die anderen Fachgruppen nicht annehmbar war. Jetzt werden die Karten neu gemischt und nach Möglichkeit alle beteiligten Fachärzte eingebunden. Natürlich muss hier eine gewisse Kompetition um Kompetenzen befürchtet werden. Ich glaube dennoch, dass die Einführung eines Zusatzfaches den Bedürfnissen der Patienten am besten gerecht würde. Wenn die Ausbildung und Zuständigkeit der Zusatzfachärzte sorgsam verteilt wird, werden letztlich alle profitieren. Die Einführung eines unabhängigen Facharztes für Allergologie streben wir zurzeit nicht an.

Welche Aspekte werden im Bereich Forschung und Entwicklung in den Vordergrund rücken?
Grubeck-Loebenstein: Die allergologischen Forschungsgruppen sind in Österreich heute sehr gut etabliert und decken ein extrem vielfältiges Spektrum ab. Beginnend bei einer starken pädiatrischen Arbeitsgruppe in Wien über die Molekularbiologie in Salzburg hin zu verschiedenen dermatologischen Schwerpunkten und natürlich die Wiener Pathophysiologie, um nur einige zu nennen. Welche Wege die Allergieforschung in Zukunft auch gehen wird, österreichische Experten werden sicher richtungweisend dabei sein. Thematisch werden molekulare Methoden immer mehr Bedeutung gewinnen. Die Perspektiven, die sich durch rekombinante Allergene sowohl diagnostisch als auch therapeutisch eröffnen, sind nicht mehr allzu fern. Das wissen auch die Biotech-Unternehmen, und bei einigen Projekten haben sich produktive Kooperationen zwischen Forschung und Wirtschaft aufgetan.
So beginnt beispielsweise die Diagnostik für Einzelallergene – Rudolf Valenta und Kerstin Westritschnigg berichten in diesem FOKUS (Seite 32) – ihren Einzug in die Routine, vor zehn Jahren war das noch Zukunftsmusik. Auch die Erforschung der Mechanismen allergischer Erkrankungen schreitet voran. Doz. DI Dr. Bar-bara Bohle erhielt für ihre Arbeit im Bereich der T-Zellforschung den Novartis-Preis 2005.

Gelingt es, die großen wissenschaftlichen Erfolge in die Praxis einzubringen? Wie wird der klinisch tätige Arzt eingebunden?
Grubeck-Loebenstein: Hier ist sich die ÖGAI ihrer Vermittlerrolle besonders bewusst. So gehörte zu jeder Jahrestagung der Gesellschaft auch der bekannte „Allergietag“, eine Veranstaltung zum klinischen Erfahrungsaustausch, der Allgemeinmediziner ansprechen sollte. Am Allergietag 2005 in Graz beispielsweise wurden allergologische Fälle aus der Praxis diskutiert. Dieser FOKUS stellt zwei der Präsentationen zu pädiatrischen Allergien vor. Da die Jahrestagung heuer durch den Europäischen Kongress ersetzt wird, sind ein eigener Wiener Allergietag sowie eine neue Veranstaltung, das Clemens-von- Pirquet-Festsymposium der ÖGAI, für Dezember 2006 vorgesehen.

Bei der Jahrestagung der ÖGAI wurden renommierte Preise vergeben. Können Sie einige der ausgezeichneten Arbeiten vorstellen?
Grubeck-Loebenstein: Der bedeutendste allergologische Preis der Gesellschaft ist der Pirquet-Preis, benannt nach dem Österreicher Clemens von Pirquet, der zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts den Begriff „Allergie“ eingeführt hat. Die eingereichten Arbeiten wurden dabei nicht durch Mitglieder der Gesellschaft selbst, sondern von einem unabhängigen internationalen Expertenkomitee beurteilt. Der Pirquet-Preis wurde heuer an Dr. Beatrice Jahn-Schmid vom Institut für Pathophysiologie der Medizinischen Universität Wien vergeben. Die prämierte Arbeit befasst sich mit T-Zellepitopen des Allergens Art v 1 aus der Artemisia, dem Hauptverursacher von Pollinosen im Spätsommer. Jahn-Schmidt erkannte, dass 96 Prozent der sensibilisierten Personen mit dem einzigen T-Zellepitop des Allergens reagieren. Damit konnte sie Art v 1 als idealen Kandidaten für eine Peptid-Immuntherapie ausfindig machen. Neben dem Pirquet-Preis zeichnet die ÖGAI bewusst auch junge Forscher aus. Heuer wurden zwei Dissertationen mit allergologischem Schwerpunkt prämiert: Merima Bublin wurde für eine Arbeit aus dem Bereich der Nahrungsmittelallergien und Maximilian Gabler für seine Forschung an Vakzinen gegen die Allergie geehrt. Als Präsidentin der ÖGAI ist es mir in diesem Zusammenhang ein besonderes Anliegen, die hohe Qualität ausnahmslos aller eingereichten Arbeiten hervorzustreichen. Wir erhalten jedes Jahr mehr und bessere Publikationen zur Begutachtung.

 

Dr. Alexander Lindemeier, Ärzte Woche 24/2001

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