zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 7. März 2006

AIDS als Herausforderung im grenzenlosen Europa

Die HIV-Pandemie breitet sich in Osteuropa und Zentralasien rasant aus. Wie aktuelle Untersuchungen zeigen, könnte sich die Verabreichung einer antiretroviralen Kombinationstherapie im Rahmen der Primärinfektion günstig auf den Verlauf der HIV-Infektion auswirken. Der dauerhafte Behandlungserfolg steht oder fällt jedoch mit der Qualität der Therapieadhärenz. Auch eine neue antiretrovirale Substanzklasse zur „Viral Entry Inhibition“ wird derzeit in Phase II/III-Studien geprüft.

Die hochaktive antiretrovirale Therapie (HAART) veränderte den Charakter der HIV-Infektion vom akuten Krankheitsbild hin zur chronischen Verlaufsform. Die gemeldeten Aidsfälle spiegeln daher nicht mehr das Ausmaß der HIV-Pandemie wider, weil wesentlich mehr HIV-Infizierte in leichten bis mäßig schweren Stadien der HIV-Infektion bleiben und deutlich weniger Patienten in das Vollbild von AIDS fortschreiten. Um das wahre epidemiologische Ausmaß zu bestimmen, müsste laut WHO die HIV-Infektion anonym gemeldet werden und nicht nur eine AIDS-definierende Erkrankung. Die Vision des 10. Deutschen und 16. Österreichischen Aidskongresses, der vom 1. bis 4. Juni 2005 in der Wiener Hofburg stattfand, bestand in der Entstigmatisierung und Akzeptanz von HIV/AIDS als chronische Infektion bei Chancengleichheit für alle Infizierten in einem grenzenlosen Europa.

Osteuropa-Pandemie

Zusätzlich zu den HIV-Hochprävalenz-Ländern südlich der Sahara liegt das Hauptaugenmerk im Zusammenhang mit HIV-Infektionen seit einigen Jahren auf Osteuropa und Zentralasien. In diesen Ländern beträgt laut UNAIDS die HIV-Prävalenz 0,8 Prozent. Innerhalb der letzten zehn Jahre erhöhte sich die Zahl der HIV-Infizierten um den Faktor 9. 80 Prozent der gemeldeten Infektionen betreffen junge Menschen unter 30 Jahren mit einem überproportionalen Anteil an intravenösen Drogenabhängigen.

Therapie der Primärinfektion

In Deutschland startete 2001 mit Prime-DAG (144 Patienten) eine Studie mit einer Kohorte mit frühzeitiger antiretroviraler Therapie der HIV-Primärinfektion sowie einer Kohorte ohne Behandlung der Primärinfektion. Kriterien der Primärinfektion waren ein negativer ELISA verbunden mit einem positiven Viral Load oder ein Western-Blot mit weniger als fünf positiven Banden. 89 der 144 Patienten beendeten die HAART nach durchschnittlich 9,4 Monaten. 76 Prozent dieser Patienten hatten eine Virusbelastung unterhalb der Nachweisbarkeitsgrenze erreicht. Sechs Monate nach der Serokonversion hatten die unbehandelten Patienten einen signifikant höheren Viral Load und niedrigere CD4+-Zellzahlen als die behandelte Kohorte.

Wichtige Therapieadhärenz

Medikamententreue (Adhärenz) ist die wichtigste Voraussetzung für den Erfolg einer antiretroviralen Therapie. Maximale Suppression der HI-Virusreplikation, welche das Auftreten von Resistenzen gegen antiretrovirale Medikamente verhindert, ist nur durch eine Medikamententreue von über 95 Prozent zu erreichen, wie DGKS Manuela Teleu, 2. Interne Abteilung, Otto Wagner Spital, Wien berichtete. Resistenzen führen zum unkontrollierten Anstieg der Virusbelastung mit Erkrankungsprogression, Erhöhung der Übertragungswahrscheinlichkeit und Anstieg der Kosten durch gehäufte und längere Spitalsaufenthalte, zusätzliche Medikamentenkosten und Berufsausfall. Eine Studie, die an der HIV-Abteilung des Otto Wagner Spitals in Wien im Zeitraum von Oktober 2003 bis September 2004 durchgeführt wurde und in deren Rahmen insgesamt 1.103 Patientengespräche geführt wurden, unterstützte eindrucksvoll das Konzept einer spezifischen Adhärenzberatung mit dem Ziel der Maximierung der Patienten-Compliance und des therapeutischen Erfolges.

Pilzinfektionen bei HIV

Die orale Candidose führt oft zur HIV-Erstdiagnose. Systemische Pilz­erkrankungen wie die Pneumocystis jiroveci (früher carinii) Pneumonie oder die Soorösophagitis waren vor Einführung der HAART in Westeuropa die häufigsten AIDS-definierenden Erkrankungen. Interaktionen zwischen Antimykotika und antiretroviralen Substanzen komplizieren ebenso wie sich potenzierende Nebenwirkungen die gemeinsame Therapie von Pilzinfektionen und HIV. Resistenzen gegen Antimykotika sind unter HIV-Infizierten verbreitet. Neue Substanzen wie Caspofungin, Voriconazol oder Micafungin erweitern die therapeutischen Möglichkeiten. Pilzinfektionen bei HIV-Infizierten zeigen oft atypische Verläufe, sind häufig therapierefraktär und neigen zu Rezidiven.

Schlafstörungen und Restless-Legs-Syndrom

Patienten mit HIV-Infektion weisen in hohem Maße Hypersomnien, Insomnien und ein Restless-Legs-Syndrom, häufig assoziiert mit einer Polyneuropathie, auf, die oft von depressiven Episoden begleitet werden. Therapeutisch ist bei Restless-Legs Gabapentin, bei Insomnien Schlaftraining und bei Depressionen z. B. Cipramil wirksam.

Viral Entry Inhibition

Die beiden zellulären Rezeptoren CCR5 und CXCR4 sind Chemokinrezeptoren, werden aber auch als Korezeptoren bezeichnet, da sie für den Zelleintritt von HIV (Viral Entry)eine zentrale Rolle spielen. Je nachdem ob HIV CCR5 oder CXCR4 als Korezeptor benutzt wird, werden CCR5-trope oder CXCR4-trope HIV-Stämme unterschieden. CCR5 benutzende Stämme finden sich insbesondere in den frühen Stadien der HIV-Infektion, da der Infektionsweg hauptsächlich über Makrophagen erfolgt (M-trope Viren). Im Gegensatz dazu werden vor allem in späteren Stadien T-Zellen überwiegend über den CXCR4-Rezeptor infiziert (T-trope Viren). T-trope Viren sind mit einem aggressiveren Verlauf der HIV-Infektion verknüpft. Auch unter voll suppressiver HAART kann es zu einem Shift des Virustropismus kommen. Derzeit befinden sich drei Substanzen aus der Gruppe der CCR5-Antagonisten in fortgeschrittenen Stadien der klinischen Entwicklung: Maraviroc (UK427, 857;Pfizer), Vicriviroc (SCH 417690; Schering) und GW 873140 (GSK). CCR5-Antagonisten können, da keine Kreuzresistenz zu anderen Substanzklassen besteht, möglicherweise bei vorbehandelten Patienten mit multiplen Resistenzen eine Rolle spielen. In vitro gibt es Hinweise, dass CCR5-Inhibitoren und Fusionshemmer wie T-20 (Fuzeon®) synergistisch wirken können. Hieraus ergeben sich laut Prof. Dr. Gerd Fätkenheuer, Klinik I für Innere Medizin, Köln, für die Zukunft interessante Kombinationsmöglichkeiten, und zwar sowohl in den frühen Stadien als auch bei fortgeschrittener Erkrankung. Eine weitere attraktive Option wäre die Kombination von CCR5- und CXCR4-Inhibitoren, mit der theoretisch eine komplette Hemmung des Viruseintritts möglich sein sollte.

Quelle: www.univie.ac.at/virologie

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben