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Innere Medizin 7. März 2006

Abnehmen ohne drohenden Zeigefinger

Für übergewichtige PatientInnen das richtige „Mittel“ zum Abnehmen zu finden, erweist sich in der ärztlichen Praxis mitunter als Kampf gegen Windmühlen. An Angeboten mangelt es nicht, langfristige Erfolge sind in der Regel aber nicht so nebenbei zu erzielen. Das Ernährungsprotokoll der Internetplattform KiloCoach® soll Anreize bieten, selbst aktiv und interessiert sein Abnehmziel zu verfolgen.

Im April 2005 startete die Internetplattform KiloCoach®, entwickelt von der Ärztin Dr. Rosa Aspalter. Dieser Online-Service ermöglicht von jedem PC aus die Führung eines Ernährungspro-tokolls. Das Programm setzt darauf, mehr als nur Kalorien zu zählen. Es soll nicht der „strenge Wächter“, der „drohende Zeigefinger“ sein, sondern dazu anregen und einladen, sich mit seinem Essverhalten zu beschäftigten, Lust und Interesse daran zu gewinnen und so das eigene Essverhalten und den Abnehmprozess zu verstehen.„Nach jahrelangen vergeblichen Versuchen abzunehmen, habe ich es mit einem konsequenten Ernährungsprotokoll endlich geschafft“, berichtet Aspalter im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE ihre Intentionen für die Entwicklung des Online-Programms. „Dazu kommt das Wissen als Ärztin, dass es keine sinnvolle Alternative zu einer allmählichen Ernährungsumstellung gibt, wenn man abnehmen will.“ Einrichtungen und Ärzte, die sich ernsthaft mit Adipositas beschäftigen, wissen um die Bedeutung eines Ernährungsprotokolls als Instrument zur Gewichtsabnahme. Es dient zunächst als Katalysator, der bewusst machen soll, was man überhaupt zu sich nimmt. „Sind hier einmal die ersten Aha-Erlebnisse gefallen, kommt es zu vermehrter Bereitschaft, sich damit auseinanderzusetzen und zum aktiven Suchen nach Alternativen“, resümiert Aspalter. „Ein richtig eingesetztes Protokoll wird es zu einem willkommenen Begleiter im Alltag.“

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Die meisten Menschen glauben, Ihre Ernährung einschätzen zu können. Eine häufig gehörte Aussage in Ordinationen ist: „Ich esse ja eh so wenig!“ Warum kommt es gerade in Ernährungsfragen zu solchen Fehleinschätzungen?
Aspalter: Das ist ein wirklich interessantes Phänomen. Studien zeigen, dass diese Fehleinschätzung mit dem Grad des Übergewichts sogar noch zunimmt. Ich selbst habe über mehr als 20 Wochen ein Ernährungsprotokoll geführt. Und auch ich war überrascht, wie falsch ich meine eigene Ernährung eingeschätzt habe, obwohl ich einen sehr gründlichen Ernährungslehreunterricht genossen und als Ärztin den medizinischen Background dazu habe. Es war ein pausenloses Erstaunen und Augenöffnen.

Warum ist es dann in der Praxis doch so schwer, Patienten zur längeren Führung eines Ernährungsprotokolls zu bewegen?
Aspalter: Die meisten Protokolle sind nicht dazu geeignet, das Interesse daran zu wecken. Man hat dabei eher das Gefühl, eine Steuererklärung ausfüllen zu müssen. So kommt es nie zu dem Punkt, an dem ein spürbarer Effekt einsetzt und das Thema letztlich als sehr spannend erlebt wird. Es bleibt bei einer Pflicht-erfüllung, die man über sich ergehen lässt, weil es angeordnet worden ist, weil eine Versicherungsprämie dafür in Aussicht steht oder was auch immer.

Wie lässt sich dieses Interesse wecken, und wie soll ein Computerprogramm das erreichen?
Aspalter: Wir haben uns viel überlegt zu jenen Programmfunktionen, die Anreiz dazu bieten können, einen Schritt weiter zu gehen, selbst aktiv und interessiert zu werden. Das beginnt schon beim Erstlogin auf der Homepage, bei dem das Abnehmziel definiert wird. Da gibt es eine Computersimulation, mit der man verschiedene Szenarien durchspielen kann. Man kann zum Beispiel sehen, wie sein eigenes Gewicht bei einem täglichen Kaloriendefizit von 500 kcal oder 1.000 kcal aussehen wird. Man kann Bewegung einplanen und sehen, welchen Unterschied dies ausmacht. Man kann alles sehr schnell machen, manche passieren die ganze Registrierung und das Erstlogin innerhalb von drei Minuten. Das Programm ist aber eine Einladung, zu verweilen, sich mit seinen eigenen Daten und Zielen zu beschäftigen. Das Wichtigste war aber die Gestaltung des Tagesformulars, also jenes Programmteils, mit dem der Anwender ständig zu tun hat. Unser Programm zeigt in Form der „Tagesuhr“, die sich mit jeder Speise und jedem Getränk auffüllt und bei körperlicher Aktivität wieder entleert, jederzeit den aktuellen Stand an. Ich kenne kein anderes Ernährungsprotokoll, das diese ganz simple Voraussetzung des Ernährungsmanagements erfüllt. Unser Programm kommuniziert auch mit dem Anwender. Der KiloCoach „spricht“, in bestimmten Situationen gibt es anerkennende oder warnende Feedbackmeldungen. Selbstverständlich haben wir auf höchstmögliche Einfachheit bei der Dateneingabe geachtet.

Kann der Anwender seine Daten auch analysieren oder erhält er eine Analyse? Welche konkreten Anleitungen werden angeboten?
Aspalter: Im Analysebereich unserer Applikation kann man sich seine eigene Ernährung nach bestimmten Gesichtspunkten aufschlüsseln lassen. Es gibt keine Analyse im Sinne einer Auflistung wie etwa: „Sie haben so und so viel Milli- oder Mikrogramm von Biotin, Folsäure und so weiter zu sich genommen. Dies ist unter oder über den empfohlenen Richtwerten….“ Diese Informationen kann sich jeder aus einem Programm holen; mit rein ernährungswissenschaftlichem Fokus oder beim Ernährungsberater. Wir bieten die praxisrelevante Zusammenfassung der Daten nach Tageszeit, Mahlzeit, danach, wie viel der Kalorien mit oder ohne Hunger zugeführt wurden, nach Ausgewogenheit der Ernährung und anders mehr. Dies alles wird in Form einer einfachen Grafik mit deren Hauptaussage in einem Satz zusammengefasst. Für Per-sonen, die sich im Detail damit befassen wollen, gibt es die Analysestufe 2, in der sie ihre eigenen Daten tabellarisch aufbereitet mit Grafik zur Einsicht erhalten. Schließlich gibt es noch den Programmbereich „Alternativen“. Hier kann man nach Alternativen für eine bestimmte Speise, etwa Wiener Schnitzel, suchen und erhält bis zu 20 Angebote aus der gleichen Nahrungsmittelgruppe, aber mit niedrigerem Kalorienwert. Gleichzeitig wird angegeben, wie viel Bewegung erforderlich ist, um die entsprechende Speise wieder „abzuarbeiten“. So sollte irgendwann der Punkt eintreten, an dem der Anwender erkennt: „Ich habe die Wahl, entweder jetzt ein Schnitzel zu essen und dafür die Nachspeise wegzulassen, oder auch die Nachspeise zu essen und dafür eineinhalb Stunden zu laufen.“

Welche Schlüsse ziehen Sieaus dem bisherigen Feedback?
Aspalter: Aus zahlreichen Mails, die wir erhalten haben, möchte ich nur zwei zitieren. Diese zwei Passagen sind der schönste Beweis für mich, dass das Programm leistet, wofür ich es entwickelt habe. B.C. schrieb: „Es hat mir unglaublich Spaß gemacht, mich auf diese Weise mit meinem Essverhalten zu beschäftigen. Man hat ja eigentlich keine Ahnung, was man wann isst, und wie viel.“ Und K.L. schrieb: „Bin seit über einer Woche Mitglied, und das erste mal in meinem 37-jährigen von Diäten und Essstörungen begleiteten Leben glücklich, mit dieser Art mein Gewicht zu kontrollieren ... ich freue mich, dass ich endlich die Zusammenhänge begreife, und mir kommt vor, als wäre endlich ein Knoten aufgegangen, der sich vor 30 Jahren zugeknotet, mir die Luft abgewürgt hat, jetzt gelöst wird und mich durchatmen lässt ... und das alles ohne Qual und Verzicht.“

Hier klingt auch der Bereich der Essstörungen an. Gibt es dafür Hilfestellung?
Aspalter: Nein, eigentlich nicht. Das primäre Einsatzgebiet wird immer das Übergewicht bleiben. In einigen Gesprächen mit Psychologen wurde aber bereits die Auffassung vertreten, dass dieses Programm auch bei Essstörungen geeignet sei, da es auf sanfte und unaufdringliche Art die Realität erkennen helfe und damit „entemotionalisiere“ und „deaffiziere“. Die oben angeführte Reaktion scheint diesen Mechanismus zu belegen.

Das klingt alles viel versprechend. In der Praxis sind Abnehmwillige aber doch immer wieder mit der Mühe konfrontiert, die ein Ernährungsprotokoll bereitet.
Aspalter: Zunächst ist ein Ernährungsprotokoll in der Vorstellung der Menschen mit Aufwand, viel Schreiben und Rechnen verbunden. Aber abgesehen davon, dass dieser Aufwand mit unserem Programm auf ein absolutes Minimum reduziert ist, bedarf es scheinbar auch oft einer weiteren Instanz, einer gewissen Autorität wie jener des Arztes, der da sagt: „Jetzt führen Sie mal zwei Wochen ein Ernährungsprotokoll. Und bringen Sie mir das bitte das nächste Mal mit!“. Wenn das Programm gut ist, merken die Anwender, welche Stütze das sein kann. Dann tun sich neue Wege in der eigenen Ernährung auf.

Ihr Slogan ist: „Abnehmen ist lernbar!“ und sie betonen Verstehen und Analysieren, setzen also stark auf die Ratio des Anwenders. Ist das bei diesem Thema nicht zu kurz gegriffen?
Aspalter: Nein, ich glaube dass es gerade hier einer gewissen Rationalisierung bedarf. Die Einschätzung der eigenen Ernährung ist oft sehr subjektiv und emotional gefärbt. Weiters kommt dazu, dass viele Übergewichtige in einer Art Selbstbedauern leben, das Gefühl haben, sich nicht viel leisten zu dürfen. Dazu wirklich einmal Zahlen und Fakten zu sehen, ist zwar ernüchternd, aber auch sehr erleichternd und befreit von diesem Gefühl des Benachteiligtseins.

Welche Art der Ernährung empfehlen Sie Ihren Mitgliedern?
Apsalter: Wir empfehlen keine bestimmte Ernährungsart, sondern stellen – natürlich im Rahmen des medizinisch und ernährungswissenschaftlich Vertretbaren – verschiedene Möglichkeiten vor; ihren Nutzen, aber auch ihre Gefahren. Wir animieren den Webbesucher vor allem dazu, selbst zu testen und das Ergebnis anhand des Ernährungsprotokolls festzustellen. Wir möchten das Instrument dafür bieten, seine individuell gewünschte, qualitativ hochwertige Ernährung bei geringstmöglicher Kalorienbelastung zu finden.

Herbert Hauser, Ärzte Woche 37/2005

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