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Innere Medizin 7. März 2006

Vorbehalte gegen übergewichtige Ärzte

Gewicht und Erscheinungsbild des Arztes wie auch des Patienten und alle damit verbundenen Einstellungen spielen in der Ernährungsberatung eine bedeutende Rolle. Umgekehrt ist eine erfolgreiche Gewichtskontrolle von einer effektiven Beziehung zwischen Arzt und Patient abhängig, da nur so Motivation und Compliance über einen längeren Zeitraum und damit die Wirksamkeit eines Programms gewährleistet sind.

„Wie viel wiegen Sie?“ Diese Frage wird von Ärzten nicht sehr gerne gestellt, auch wenn sie angebracht wäre. Was aber macht es so schwer, danach zu fragen? Liegt es daran, dass der Arzt dem Patienten nicht zu nahe treten will, oder ist es die daraus folgende Konsequenz, eine (auch funktionierende) Anleitung zur Gewichtsreduktion anbieten zu müssen? Sind es frühere ambitionierte Versuche, die mit einem enttäuschenden Ergebnis endeten? Liegt es daran, dass man unter Umständen nicht an das eigene Übergewicht denken möchte? In jedem Fall spielt das Thema Übergewicht eine bedeutende Rolle in der Gesamtsituation eines Patienten und beeinflusst – mehr oder weniger bewusst – auch die Beziehung zwischen Arzt und Patient.

 detail

Leben Ärzte gesünder?

Obwohl Ärzte sehr wohl die gesundheitlichen Risiken von Übergewicht einschätzen können, kämpfen doch relativ viele selbst damit. So ergab z.B. eine Studie in Wales, dass AllgemeinmedizinerInnen gesündere Lebensgewohnheiten haben als der Durchschnitt der Bevölkerung. Nur 17% der männlichen Studienteilnehmer rauchten. 56% der Männer und 32% der Frauen machten regelmäßig Sport. Allerdings waren 39% der männlichen und 29% der weiblichen Mediziner übergewichtig. Die männlichen Kollegen hatten überdies relativ hohe Choles-terinwerte und konsumierten größere Mengen an Alkohol (Quelle 1; siehe Kasten „Literatur“). Interessanterweise ist auch die Selbsteinschätzung der Ärzte bezüglich ihres eigenen Gewichts nicht besser als jene der Durchschnittsbevölkerung. In einer Studie in North Carolina stuften sich fast die Hälfte (49%) der befragten übergewichtigen KinderärztInnen selbst nicht als übergewichtig ein (2).

Probleme mit der Beratung

Problembewusstsein bei der eigenen Gesundheit scheint auch mit einem Problembewusstsein in Bezug auf die ärztliche Tätigkeit einherzugehen. Diejenigen, die sich selbst als übergewichtig klassifizierten, berichteten viermal häufiger über Schwierigkeiten in der Beratung als jene, die sich fälschlicherweise als normalgewichtig einstuften (2).
In einer Studie aus Georgia wurden über 200 PatientInnen danach gefragt, wie sehr sie den Gesundheitsratschlägen ihres Hausarztes vertrauten. Dabei kamen schlanke ÄrztInnen mit ihren medizinischen Weisungen deutlich besser an als ihre übergewichtigen KollegInnen. Sie wurden sowohl in der Behandlung als auch in der Beratung als besser eingeschätzt (3).

Was Patienten erwarten

ÄrztInnen haben eine wichtige Vorbildwirkung. PatientInnen erwarten Führung in Bezug auf Gesundheit und Wohlbefinden. Von Medizinkundigen, die die Risiken und Auswirkungen eines ungesunden Ernährungsverhaltens kennen, wird erwartet, dass sie ihren PatientInnen sagen, was Sache ist, und sich auch selbst danach richten. Das nahmen sich 875 deutsche Ärzte im Zuge der „Physician Health Study“ zu Herzen und machten bei einem Gewichtsabnahme-Programm mit. Dadurch konnten sie das Programm, das im Wesentlichen aus Ernährungsumstellung und -tagebuch bestand, selbst ausprobieren, bevor sie es weiter empfahlen und konnten leichter überzeugen. Einer der Ärzte, die erfolgreich abgenommen haben, berichtete, dass die Reaktionen seiner PatientInnen durchwegs positiv gewesen seien. Seine eigene Gewichtsabnahme erleichterte den Gesprächseinstieg, wenn er einem adipösen Patienten nahe legen wollte, abzunehmen (4).
Ebenso verhält es sich bei Ärztinnen, die selber gezielt Sport betreiben. Das ergab eine Studie, die in Georgia durchgeführt wurde: Ärztinnen, die genug trainieren, um den Empfehlungen des American College of Sports Medicine zu entsprechen, beraten eher in Bezug auf körperliches Training (5).
Die eigenen Erfahrungen mit Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten beeinflussen also die Art und Weise, wie Patienten in Bezug auf Übergewicht beraten werden. Umgekehrt beeinflusst das körperliche Erscheinungsbild der Ärzte die Art und Weise, wie Patienten diese Ratschläge aufnehmen und befolgen. Das Erscheinungsbild der Menschen, die beim Arzt Hilfe suchen, ist ein weiterer Faktor, der die Behandlung beeinflusst. In Texas fanden Forscher heraus, dass Ärzte übergewichtigen Patienten zwar mehr Untersuchungen verordnen, ihnen aber weniger Zeit widmen. Darüber hinaus schätzten sie diese auch signifikant negativer ein (6).

Kampf gegen Vorurteile

Laut einer Studie in Connecticut haben Ärzte zwar deutlich weniger Vorurteile als die allgemeine Bevölkerung, sie zeigen aber doch deutlich negative Einstellungen, wenn sie nicht nach ihren bewussten Meinungen gefragt, sondern auf implizite Assoziationen getestet werden (7). Gewisse Stereotypien, wie „Dicke sind faul“, scheinen tief in uns verankert, so dass es schwer ist, sich davon loszulösen und seine Interaktionen und Reaktionen davon frei zu bekommen. Vor allem übergewichtige Männer fühlen sich schlechter behandelt als normalgewichtige, während übergewichtige Frauen über bessere Behandlung berichten. Das ergab eine Studie in Texas. Die Männer beklagten sich über die geringe Zeit, die ihnen zugestanden wurde und über das geringe Ausmaß, in dem „gewichtige“ Themen behandelt wurden (8).

Geschlechtsspezifische Aspekte

Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Behandlung von Übergewicht ergab auch eine Studie in Minnesota: Frauen mit einem BMI von 25 wurden eher zum Abnehmen ermutigt als Männer mit diesem Wert. Umgekehrt wurden Männer mit einem BMI von 32 stärker ermutigt als Frauen mit dem gleichen Wert (9).
Die Beziehung zwischen Arzt und Patient ist ausschlaggebend für eine gute Compliance. Im Falle von Übergewicht und Adipositas ist es daher hilfreich, sich der eigenen Einstellungen bewusst zu werden und diese zu hinterfragen, damit das Vertrauensverhältnis Patient-Arzt nicht unabsichtlich, z.B. durch nonverbale Signale, untergraben wird.
Eine Untersuchung in Frankreich ergab, dass die meisten praktischen Ärzte wissen, dass Gewichtsprobleme gesundheitsgefährdend sind. 79% stimmten darin überein, dass es Teil ihrer Rolle ist, sich mit diesen Problemen zu befassen. Nichtsdestotrotz haben 58% das Gefühl, dass sie diese Aufgabe nicht effizient erfüllen, und ein Drittel fand sie nicht befriedigend. 57% waren pessimistisch in Bezug auf die Fähigkeit der Patienten, ihr Gewicht zu reduzieren, und weder Ernährungsprotokolle noch -beratung wurden systematisch eingesetzt (10). Fast alle würden es bei einem krankhaft adipösen Patienten tun, aber viel weniger bei früheren Anzeichen eines Gewichtsproblems. Dabei wäre es leichter, mäßiges Übergewicht zu behandeln als sehr ausgeprägtes, und es ist auch leichter, Adipositas vorzubeugen als zu behandeln. Dabei sind schon kleine Fortschritte, wie die Abnahme von wenigen Kilos, wichtig und die Anstrengung wert.

Positive Erwartungshaltung

Wesentlich für eine wirkungsvolle „Behandlungsbeziehung“ ist, dass der Arzt eine positive Erwartungshaltung in Bezug auf das von ihm angebotene Abnehmprogramm hat und dem Patienten auch zutraut, es zu schaffen. Ähnlich wie bei Medikamenten wird die Wirksamkeit empfohlener Abnehmprogramme durch die Erwartungshaltung stark beeinflusst. Wichtig für das Vertrauensverhältnis in der Arztpraxis ist, ausreichend Information anzubieten. Patienten, die verstehen, wie es zu Übergewicht kommt und wie sie es durch ein geändertes Essverhalten verringern können, sind motivierter und halten sich eher an vorgeschlagene Maßnahmen. Zudem ist es auch wichtig, die Selbstkontrolle zu fördern, indem z.B. das Führen eines Ernährungsprotokolls als Bestandteil des Programms fix vorgesehen ist.

Weissenböck, Ärzte Woche 38/2005

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