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Innere Medizin 7. März 2006

Das Kalorienkonto im Griff behalten

Bei dem Gedanken an ein Ernährungsprotokoll fragen sich wohl viele: „Geht es nicht auch ohne?“ Die Antwort darauf ist: „Ja, es geht auch ohne – mit einer immerhin 15-prozentigen Chance, ein paar Kilos abzunehmen.“ So können die Ergebnisse mehrerer unabhängig voneinander durchgeführter Studien (Fußnote 1) zusammengefasst werden. Ein zumindest über eine Woche geführtes Ernährungsprotokoll erhöht die Chance allerdings beträchtlich.

Zahlen zur Effizienz von Ernährungsprotokollen (EP) sind kaum aufzutreiben. Unzählige Studien verwenden zwar ein EP als Methode, kaum eine untersucht jedoch den Effekt eines solchen per se. Eine erste Auswertung nach einem Monat Bestehen der Internetplattform KiloCoach™ ergab, dass der Anteil der Mitglieder, die abnahmen, innerhalb einer Woche auf 75 Prozent anstieg und über den gesamten Beobachtungszeitraum von 28 Tagen gleich blieb. „Dies sind vorläufige Ergebnisse“, wie die Initiatorin Dr. Rosa Aspalter selbst meint, „die erst durch Langzeitergebnisse bestätigt werden müssen. Bemerkenswert dabei ist jedoch, dass der sonst so regelmäßig auftretende Effekt nur kurzfristiger Abnehmerfolge hier nicht zu bemerken ist.“

 detail

Fehleinschätzung des Kalorienkonsums

Studien haben gezeigt, dass der eigene Kalorienkonsum oft nur unzureichend eingeschätzt werden kann und die Tendenz zur Fehleinschätzung mit dem Grad des Übergewichtes ansteigt (1). Auch beim Versuch, Kalorien zu reduzieren, passieren Fehleinschätzungen. So mancher trinkt im guten Glauben an eine Kalorieneinsparung den Kaffee ohne Zucker oder mit Süßstoff. Damit werden pro Tasse etwa 10 kcal eingespart. Der Austausch einer panierten Hauptspeise mit Pommes gegen zart Angebratenes á la nature mit Reis bringt dagegen gleich einen Effekt von etlichen hundert Kilokalorien. Sich mit den verschiedenen Alternativen zu beschäftigen, kann also durchaus lohnend, zeit- und frustsparend sein. Das Körpergewicht stellt die Summe der langfristigen Kalorienbilanz dar. Ein EP bedeutet, hier einmal Bilanz zu ziehen. Immer wieder ist jedoch zu beobachten, dass Anwender ein Ernährungsprogramm längerfristig einsetzen wollen, wozu auch ein gelegentlicher Blick auf das „Kalorienkonto“ gehört.
Die häufigste Empfehlung zur Führung eines EP liegt bei einer Woche. Damit holt man sich aber nur einen Teil des Nutzens, der daraus gezogen werden könnte. Für eine schrittweise Ernährungsumstellung ist empfehlenswert, sich das bequemste und aufschlussreichste Protokoll zu suchen und dieses über einige Wochen konsequent zu verwenden. Manche erfolgreiche „Ernährungsprotokollmarken“ empfehlen zehn Wochen oder ein halbes Jahr. Zwei bedeutende Fragen sind: Welches EP ist für wen geeignet und wie erkennt man ein gutes Ernährungsprotokoll? Grundsätzlich besteht die Wahlmöglichkeit zwischen EP auf Papier oder elektronisch. Computerunterstützte Ernährungsprotokolle stellen sicher eine Vereinfachung dar, doch nicht jeder hat einen Computer zu Hause bzw. Erfahrung im Umgang damit.

Grenzen der Strichliste

Als sehr einfache Form eines schriftlichen EP gilt eine Strichliste, in der für einzelne Lebensmittel oder Lebensmittelgruppen Striche für jede verzehrte Portionseinheit gemacht werden. Dies erspart viel Such- und Rechenarbeit, bietet einen groben Überblick über die verzehrten Mengen und gibt einen recht guten Aufschluss über die Zusammensetzung der Ernährung. Der Nachteil dieser Methode ist, dass sie die tatsächliche Kalorienbilanz nur ungenau widerspiegelt und dem Anwender für das momentane Essverhalten wenig Orientierung gibt. Elaborierte EP auf Papier erfordern wiederum enormen Einsatz, da die entsprechenden Mengen an Kalorien erst aufzufinden und dann auf die jeweils verzehrte Menge umzurechnen sind. Dennoch sind solche EP oft ein erster Anstoß für eine Ernährungsumstellung und deshalb immer als Möglichkeit mit in Betracht zu ziehen.
Auch EP am Computer können dem Anwender einige Rätsel aufgeben. Viele der Programme scheitern an einer gewissen Starre, wenn sie nur bestimmte Einträge zulassen. Findet man z.B. das Verzehrte nicht in der Datenbank, ist ein vollständiges Protokoll für den Tag nicht möglich. Die Komplexität von Ernährungsdaten ist sicher eine enorme Herausforderung, doch der Laie sollte allenfalls eine einfache, praxisrelevante Mitteilung erhalten anstatt ernährungswissenschaftliches Detailwissen.

Datenbank als Kernstück elektronischer Protokolle

Für ein gutes elektronisches EP lassen sich einige maßgebliche Kriterien festlegen. Kernstück jedes EP ist die zugrunde liegende Datenbank, aus der Kalorien-, Fett- und eventuelle andere Angaben bezogen werden. Für den Anwender ist wichtig, wie er zu diesen Daten kommt, ob sie übersichtlich gegliedert und wie umfangreich sie sind. Als Richtwert dafür kann gelten, dass weniger als 5.000 mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit unzureichend sind, während mehr als 10.000 Datensätze vermutlich viel Unnötiges beinhalten. Egal ob auf Papier oder am Bildschirm: Je länger die Liste, desto aufwendiger das Durchmustern der Informationen. Weitere wichtige Anhaltspunkte für ein gutes EP sind: Ist die Datenbank auch einigermaßen international? Ein paar italienische, spanische, chinesische oder auch japanische Gerichte sollten sich darin finden. Sind auch Markenprodukte in der Datenbank enthalten bzw. Bewegungsdaten? Gibt das Programm in irgendeiner Form Anleitung zu einer effektiven Datensuche? Was ist, wenn der Anwender etwas in der Datenbank nicht findet?
Im Sinne des Anwenders ist auch die Möglichkeit, die Datenbank individuell zu erweitern, z.B. ein neues Fertiggericht, aufnehmen zu können. Alternativ dazu sollte die Verfügbarkeit regelmäßiger Updates von Seiten des Herstellers geprüft werden. Ein weiteres wichtiges Kriterium ist die Möglichkeit der Eingabe eigener Speisen, Getränke und Aktivitäten. Welche Suchfunktionen stellt das Programm zur Verfügung? Können bereits einmal gewählte Speisen rasch wieder gefunden werden, gibt es eine eigene Suchfunktion dafür? Können bereits gemachte Einträge nachträglich korrigiert, gelöscht oder anders bearbeitet werden? Ganz raffinierte Programme bieten sogar die Möglichkeit, eigene Kombinationen als Menüzusammenstellungen abzuspeichern und ersparen so viel Eingabezeit. Fehlen diese Parameter bei einem Programm, sollte ein Wechsel überlegt werden. Weitere Anforderungen, anhand derer die Qualität eines Programms gecheckt werden kann, sind: Bietet das Programm eine Darstellung des aktuellen Tagesstandes an? Ist eine tageweise und abschnittsweise Übersicht, z.B. pro Woche, möglich oder nur eines davon? Erstere ist wichtig für den augenblicklichen Essplan und das Auffinden von Alternativen, letztere ist entscheidend für das Abschätzen von Tendenzen und Prognosen. Bietet das Programm auch die Möglichkeit, nach Alternativen zu suchen? Und wenn ja, ergeben die gefundenen Alternativen einen Sinn oder wird beispielsweise eine Gemüsesuppe für ein Wiener Schnitzel angeboten? Kann auch von Speisen und Getränken in Bewegung umgerechnet werden? Schließlich sollte es mit Hilfe des Programms möglich sein, auf gesunde und ausgewogene Ernährung zu achten. Weiters empfiehlt es sich zu prüfen, ob das Protokoll in irgendeiner Weise die Esssituation oder Essmotivation erfasst? Je mehr dieser Funktionen ein Programm erfüllt, desto mehr wird aus einem Ernährungsprotokoll echtes Ernährungsmanagement. „Die Intention, mit der ein Ernährungsprotokoll geführt wird, kann sehr unterschiedlich sein“, berichtet Aspalter über Erfahrungen mit dem KiloCoach™-Programm. „So gibt es Anwender mit rein kalorientechnischem Interesse. Diese meinen, dass der Wahlparameter ‚Hunger - ja/nein’ bei der Essenseingabe in unserem Programm automatisch angekreuzt sein soll. Es ist für sie nicht wichtig, unter welchen Umständen sie etwas zu sich genommen haben. Andere wiederum wollen sogar eine weitere Differenzierung – etwa: kein Hunger, leichter Hunger, starker Hunger oder noch anderes mehr.“ Was kann nun mit diesen Daten gemacht werden? „Langsam ändern, aber bestimmt“, so Aspalter, „und das Wort ‚nie’ aus dem Programm streichen! Sagen Sie nie: ‚Nie mehr Süßes!’“ Wer dreimal am Tag Süßes isst, sollte zunächst die Menge halbieren. Das ist möglich, indem dreimal jeweils die Hälfte oder aber die gewohnte Menge nur ein- bis zweimal pro Tag konsumiert wird - je nachdem, was leichter fällt. Erst dann sollte die Latte etwas höher gelegt und z.B. dreimal pro Woche ein schokoladefreier Tag eingehalten und in einem Kalender vermerkt werden.„Sinnvoll ist, sich kleine Etappenziele zu setzen“, empfiehlt Aspalter. „Wichtig bei der Betreuung von Patienten, denen man ein EP empfiehlt, ist, diese in relativ kurzer Zeit wieder zu bestellen und die Protokollführung zu begutachten, um eventuelle Verbesserungen vorschlagen zu können“, rät Prof. Dr. Kurt Widhalm, Präsident des Österreichischen Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin und Professor für Ernährungsmedizin, Medizinische Universitätsklinik, Wien.

Literatur: (1) C. Ayyad et al.: Long-term
efficacy of dietary treatment of obesity: a systematic review of studies published between 1931-1999. Bes. Rev. 2000/1, 113-119.
(2) Johnson RK et al.: Correlates of over- and underreporting of energy intake in healthy older men and women. American Journal of Clinical Nurtrition. 1994/59(6): 1286-90

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