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Innere Medizin 21. Februar 2006

Die Zukunft der Diabetesbetreuung

Alle wollen ihn, von einem großen Fortschritt ist die Rede: Der Diabetesplan steht, die Umsetzung wird alle Beteiligten fordern. Nur: Anfang Februar 2006 ist die Finanzierung noch immer nicht gesichert.

In Österreich sind derzeit etwa 250.000 Typ-2-Diabetiker in ärztlicher Behandlung. Die Dunkelziffer ist hoch. Noch einmal so viele dürften erkrankt sein, ohne es zu wissen. Epidemiologisch wird von einer jährlichen Inzidenz von etwa 2,5 bis 3 Prozent ausgegangen. Die Tendenz ist steigend, die daraus resultierenden Belastungen für das Gesundheitsbudget voraussehbar.

Gesundheitspolitischer Erfolg

„Wir haben einen großen Erfolg aus der Diabetes-Tagung 2004 mitgenommen. Es ist uns tatsächlich gelungen, den angestrebten Diabetesplan zu bekommen“, freute sich Prof. Dr. Michael Roden, Past-Präsident der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG), anlässlich des gesundheitspolitischen Roundtable-Gesprächs bei der 33. Jahrestagung der ÖDG im Dezember 2005 in Baden. Die wesentlichen Grundlagen für die Erarbeitung des Plans waren der von Prof. Dr. Anita Rieder et al., Institut für Sozialmedizin, Universität Wien, erhobene Österreichische Diabetesbericht 2004 sowie die Publikation von Evidenz-basierten medizinisch-wissenschaftlichen Leitlinien durch die ÖDG. „Eine Reihe von Fragen waren ungelöst“, betonte Roden, „unter anderem, wie wir die Betreuungsqualität der Diabetes-Patienten verbessern und wie wir möglicherweise bestehende Über- und Unterversorgung ausgleichen können.“ Oberste Priorität haben nun die Prävention der Stoffwechselerkrankung und die leitliniengerechte Behandlung, fasste Roden den in Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen und dem Bundesministerium für Gesundheit und Frauen erarbeiteten interdisziplinären und interprofessionellen Konsens zusammen. „Für uns ist die Tatsache, dass Leitlinien vorliegen, ein Disease-Management-Programm angedacht und in der Planungsphase ist, ein wesentlicher erster Schritt zu einer flächendeckenden, qualitätvollen Betreuung von Diabetikern“, sagte Dr. Doris Langeder, Selbsthilfegruppe Arge Diabetes.

Umsetzung wird „dornenvoll“

Als „dornenvoll“ erwartet Langeder den Weg der Umsetzung: „Wir haben gewisse Bedenken hinsichtlich der vielen zu lösenden Pro­bleme. Dazu zählen die effektive Umsetzung und die Qualitätssicherung, wirklich notwendige Präventionsmaßnahmen sowie ein breiter niederschwelliger Zugang. Das alles bedeutet eine Strukturänderung und einen Umdenkprozess in allen Bereichen. Es bedeutet auch eine Änderung der Finanzierung.“ Die Diabetikerschulung ist nun erstmalig ein fixer Bestandteil der Versorgung. Bisher war es dem Zufall oder den einzelnen Krankenhäusern überlassen, ob es eine Schulung gab oder nicht. „Wir stehen bereit und freuen uns auf die Arbeit, weil wir einen großen Vorteil für unsere Patienten darin sehen“, betonte DGKS Gertraud Sadilek vom Verband der Österreichischen Diabetesberaterinnen. Dr. Bernhard Fürthauer, Österreichische Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (ÖGAM), schloss sich der Meinung der Patientenvertreterin an und befürwortet ebenso die Notwendigkeit des Disease-Management-Programms (DMP): „Wir wollen strukturierte Betreuung in unseren Praxen anbieten, sonst können wir die vorgegebenen Ziele nicht erreichen. Das DMP ist konsens-fähig, wir können damit leben.“ Zwei Aspekte sind den Hausärzten wichtig: Dass das DMP einfach in die Praxis implementierbar und dass es freiwillig sowohl für Ärzte als auch für Patienten ist. „Wir können die Patienten nicht zwingen, in so ein Programm hinein zu gehen, und wir können auch die Ärzte nicht dazu zwingen“, gab Fürthauer zu bedenken. „Wir glauben nicht, dass wir großartige Verordnungen von politischer Seite brauchen. Wir brauchen ein DMP, aber bitte keine verordneten Inhalte dazu. Die sollen gemeinsam von der ÖDG, der ÖGAM, den Patienten und den Sozialversicherungen erarbeitet werden.“ Sozialmedizinerin Rieder denkt bereits mehrere Schritte weiter: „Mit dem Diabetesplan werden wir Risikogruppen erfassen, die wir in dieser Form heute noch nicht sehen. Das sind Patienten mit 30, 40 und 50 Jahren, die einen Diabetes haben.“ Auch Franz Bittner, WGKK und Vertreter des Hauptverbandes, begrüßt die enge Zusammenarbeit aller Experten sowie die weitere Entwicklung zur gemeinsamen Finanzierung. „Die wird“, so Bittner, „seitens des Bundes wahrscheinlich kein Problem darstellen. Wir werden sehen, wie sich die Landesgesundheitsplattformen an dem System beteiligen. Das wird der wesentliche Punkt sein.“ „Jede Österreicherin und jeder Österreicher hat das Recht auf eine qualitätsgesicherte Behandlung“, betonte Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat. „Das heißt nicht, dass unsere Versorgung nicht gut ist. Wir haben ausgezeichnete Ärztinnen und Ärzte, aber es gibt auch in dieser Berufsgruppe solche, die sich wenig und solche, die sich viel weiterbilden. Wie soll ein Patient herausfinden, welcher Arzt garantiert, dass er oder sie in den besten Händen ist?“ Der Diabetesplan sei ein erster wichtiger Schritt.

Finanzierung noch offen

Die Ministerin bedankte sich bei den Sozialversicherungen für deren Bereitschaft, ein DMP zu finanzieren: „Wer mit dem Geld der Versicherten zahlt, hat das Recht, das Beste zu bekommen – und das qualitätsgesichert.“ Ihr Wort in die Ohren der Zuständigen, denn am 1. Februar 2006 war die Finanzierung des Diabetesplans noch nicht gesichert.

Dr. Sabine Schneider, Ärzte Woche 14/2001

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