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Innere Medizin 1. Februar 2006

Varizellen sind keine harmlose Kinderkrankheit

Varizellen sind die in unserer Region häufigste durch Impfung vermeidbare Erkrankung. Etwa 75.000 Personen erkranken jährlich in Österreich daran. Die Impfung kann für Kinder ab neun Monaten eingesetzt werden.

Die Erreger der Varizellen, die humanen Herpesviren, sind hochinfektiös. Die Virusübertragung erfolgt durch Tröpfchen- oder Schmier-infektion, wobei die Kontagiosität bereits vor Ausbruch des Exanthems besteht. Die Hauptlast der Erkrankung tragen die Kinder, 90 Prozent der Erkrankten sind jünger als 12 Jahre. Komplikationen treten bei fünf bis zehn Prozent auf, Todesfälle betreffen ein bis zwei pro 100.000 Erkrankten.
Varizellen sind keine harmlose Kinderkrankheit. Gefährlich sind vor allem die möglichen schweren Komplikationen, die auch bei immunologisch Gesunden vorkommen können. Dazu zählen vor allem bakterielle Superinfektionen (meist Streptokokken und Staphylokokken) etwa an Haut (Narben) und Weichteilen (z.B. nekrotisierende Fasciitis) oder Osteomyelitis, sowie Otitis media, Varizellen-Pneumonie (im Erwachsenenalter bei bis zu 20 Prozent) und ZNS-Manifestationen (z.B. Enzephalitis, zerebrale Ataxie).
Die Komplikationsrate steigt bei Infektionen im Erwachsenenalter. Bei einer Varizellen-Primärinfektion in der Schwangerschaft vor der 21. SSW kann es zu einer intrauterinen Virusübertragung mit dem Risiko für das Auftreten eines kongenitalen Varizellensyndroms kommen. Erkrankt eine Schwangere um den Geburtstermin, so können beim Neugeborenen die Windpocken sehr schwer und auch tödlich verlaufen.
„Nach dem Primärkontakt verbleiben die Varicella-Zoster-Viren (VZV) lebenslang als latente Infektion in Spinal- und Hirnnervenganglienzellen. Die endogene Reaktivierung von VZV kann zum Auftreten eines Herpes Zoster führen“, berichtete Prof. Dr. Heidemarie Holzmann, Klin. Institut für Virologie der Med. Universität Wien, bei der 43. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde. Die möglichen Folgen: Neuralgien, Facialisparese und aseptische Meningitis. Bei Immundefizienz kann es auch zum disseminierten Zoster kommen, der letal enden kann.

Erkrankungsrate stark gesenkt

In den USA wird die Varizellen-Impfung bereits seit 1994/95 allen Kindern empfohlen. Die Impfstrategie zeigt mittlerweile sehr positive Auswirkungen: Es konnte nicht nur die Anzahl der Varizellen-Erkrankungen signifikant gesenkt (zwischen 1994 und 2002 um über 80 Prozent), sondern auch eine Herdenimmunität aufgebaut werden. Die Wirksamkeit des Lebendimpfstoffes liegt bei über 95 Prozent Schutz der Geimpften vor schweren Verläufen, in 70 bis 90 Prozent verhindert er eine Erkrankung. Die Verträglichkeit ist sehr gut.
Prinzipiell ist in Europa vorgesehen, die Impfung gegen Varizellen mit Verfügbarkeit eines Kombinationsimpfstoffes Masern-Mumps-Röteln-Varizellen (MMR-V) allgemein zu empfehlen. In den USA ist ein MMR-V Impfstoff seit 5. September 2005 erhältlich.
Im Österreichischen Impfplan 2005 wird darauf hingewiesen, dass die Varizellen-Impfung für alle Kinder ab neun Monaten verwendet werden kann, die empfänglich sind. Die Impfung wird allen ungeimpften Neun- bis 17-Jährigen, die noch nicht an Varizellen erkrankt waren, empfohlen, da die Erkrankung in dieser Altersgruppe mit einer höheren Komplikationsrate einhergeht.

Dr. Klaus Huber, Ärzte Woche 5/2006

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