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Innere Medizin 19. Jänner 2006

„Etagenwechsel“ in der Asthmaentwicklung

Bislang als lästig, aber harmlos eingestuft, gewinnt die allergische Rhinosinusitis aufgrund neuerer Erkenntnisse immer mehr an Interesse: Studien bestätigen die schon lange bekannte Entwicklung eines Asthma bronchiale, auch als „Etagenwechsel der Allergie“ bezeichnet.

„Mit der Rhinitis und Sinusitis fängt das Übel an“, beschrieb Doz. Dr. Wolfgang Pohl vom LKH Hochegg, NÖ, beim Jahreskongress der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie in Wien das Frühstadium eines allergischen respiratorischen Syndroms. Umgekehrt sind etwa 80 Prozent aller Asthmatiker auch von der Rhinosinusitis betroffen. Insgesamt werden vor allem perenniale, also ganzjährig belastende Allergene aus Tierhaaren und Staubmilben für den Krankheitsprozess verantwortlich gemacht. Bei Pollenallergikern wird der so genannte „Etagenwechsel“ seltener gesehen. Dabei kommt es bei Menschen mit Allergiesymptomen im HNO-Bereich zum Neuauftreten von Asthma bronchiale. Pohl: „Klassisch passiert das bei Jugendlichen, die schon als Kinder von der Rhinosinusitis und Nasenpolypen betroffen waren. Guerra et al. wiesen 2002 anhand von Bronchusbiopsien nach, dass Patienten mit allergischer Rhinosinusitis auch in den tiefen Atemwegen entzündliche Infiltrate aufweisen. Eine Studie von Braunstahl et al. zeigte ähnliche Ergebnisse: Nach bronchialer Provokation wurden Entzündungszellen, allen voran Eosinophile, nicht nur in der Nase, sondern auch in den Bronchien von Patienten mit allergischer Rhinosinusitis gefunden.“ Eine isolierte allergische Sinusitis gibt es nicht (Bachert et al.), doch kommt einer Entzündung der Nasennebenhöhlen eine prognostische Schlüsselrolle im Krankheitsgeschehen zu: Guerra et al. konnten 2004 zeigen, dass eine präpubertäre Sinusitis mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einem postpubertären Asthma bronchiale assoziiert ist. Dabei konnte eine Korrelation der Krankheitsaktivität in den Nebenhöhlen mit der späteren Schwere des Asthmas gezeigt werden.

Die Sinusitis im Vordergrund

Es bestehen zahlreiche epidemiologische Daten über die Verbreitung der Sinusitis bei Allergikern: Grundsätzlich ist die allergische Rhinitis bei 53 Prozent der Patienten von einer Sinusitis begleitet. Über 50 Prozent aller Menschen mit perennialen Allergien zeigen radiologische Veränderungen in den Nasennebenhöhlen (Steinke et al.). Bresciani et al. untersuchten Veränderungen der Sinus bei Asthmatikern im CT: Während selbst Patienten mit mittelschwerem Asthma in 88 Prozent Schleimhautschwellungen zeigen, sind schwere Asthmatiker nahezu immer und in der Regel ausgeprägter betroffen. „First-line Medikamente bei der allergischen Rhinosinusitis sind Antihistaminika“, hielt Pohl fest. „Im Gegensatz dazu sind intranasal applizierte Corticosteroide für die Sinusitis nicht näher untersucht. Beim Asthma bronchiale ist ihre Wirksamkeit jedoch mit bester Evidenz nachgewiesen.“ Eine optimale Behandlung der Allergiesymptome kann nach heutigem Wissensstand den Etagenwechsel zum Asthma bronchiale aufhalten, möglicherweise sogar gänzlich verhindern. „In jedem Fall senkt eine richtige Therapie die Zahl von Hospitalisierungen deutlich. Bereits eine verbesserte Belüftung der Nebenhöhlen ist vorteilhaft“, so Pohl. Neben medikamentösen Strategien bietet die HNO-Chirurgie zahlreiche Operationsverfahren zur Nebenhöhlensanierung an. Pohl: „Sinus-Surgery kann auch die Asthmasymptomatik für verhältnismäßig lange Zeit verbessern. Es gibt diesbezüglich jedoch weder ausreichende Metaanalysen noch definierte Richtlinien. Zudem lässt sich die Sinusitis bestimmt nicht aus der Komplexität von Rhinitis, Sinusitis und Asthma bronchiale herauslösen.“

Dr. Alexander Lindemeier, Ärzte Woche 30/2002

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