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Innere Medizin 19. Jänner 2006

Die Basis zum Patienten erhalten

Trotz der vorwiegend wissenschaftlichen Ausrichtung positioniert sich die ÖGGH auch sozialpolitisch. Die noch vor einem Jahr beklagte „höfliche Ignoranz seitens des Hauptverbandes“ ist etwas abgebröckelt, die Gesprächsbasis wurde größer. Besorgt verfolgen Gastroentero- und Hepatologen aber den Einfluss der Ökonomie auf die Medizin.

Mitte vergangenen Jahres übernahm Dr. Ernst Kerstan, Oberarzt an der 4. Medizinischen Abteilung des Wilhelminenspitals in Wien, die Präsidentschaft der Österreichischen Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie (ÖGGH). „Bei unserem letzten Gespräch zu Beginn meiner Amtsperiode zeigte ich die Notwendigkeit auf, unsere an sich wissenschaftliche Gesellschaft in Richtung Standespolitik zu öffnen“, resümiert Kerstan. „Obwohl dies eigentlich Aufgabe der Ärztekammer ist, sollten auch wir die Anliegen unserer Mitglieder in diversen Gremien klar darlegen. Tatsächlich werden wir vielerorts beigezogen und um Rat gefragt.“ Ob dies letztlich auch Konsequenzen zur Folge hat, lässt der ÖGGH-Präsident im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE noch dahingestellt.

Aber Sie resignieren nicht ...
Kerstan: Im Gegenteil. In einigen Bereichen konnten wir bereits – trotz vieler Hindernisse – erfreuliche Fortschritte erzielen. So ist die gesetzliche Grundlage zur Etablierung der Vorsorge-Koloskopie erfolgt. Ein Erfolg, der nicht zuletzt meinem Vorgänger Werner Weiss zu verdanken ist. Allerdings geht es nun um die Durchführung in der Praxis. (Anm.d.Red.: siehe dazu ÄRZTE WOCHE Nr. 30 vom 1.9., S. 2.) Die ÖGGH war von Anfang an beratend eingebunden. Nun kommen vom Hauptverband völlig absurde Vorschläge, zum Beispiel der, die Zuständigkeit dieser Vorsorgeuntersuchung an die Spitäler zu übertragen. Neben der ohnehin bereits völligen Überlastung der Ambulanzen würde es hier aufgrund der Deckelung zu massiven ökonomischen Problemen kommen. Tatsache ist, dass diese Aufgabe nur gemeinsam mit den niedergelassenen Kollegen bewältigt werden kann. Allerdings ist die Frage der Honorierung noch nicht geklärt.

Die Koloskopie sollte an sich bereits in der „Gesundenuntersuchung Neu“ implementiert sein ...
Kerstan: Zu Beginn dieses Jahres hatten wir zahlreiche Gespräche mit dem Hauptverband, und ich denke, dass wir den Wert einer qualitativ hochwertigen Koloskopie gut rübergebracht haben. Zurzeit ist die Ärztekammer in Verhandlung, meines Wissens gibt es gegenwärtig einen Stillstand bei den Gesprächen. Neben einer nicht kostendeckenden Honorierung soll auch die Qualität von der Sozialversicherung überprüft werden, nach dem Motto: „Wer zahlt, kontrolliert“. Das hört unsere Standesvertretung nicht gerne.

Müssen sich die Mediziner nicht den Vorwurf des ausschließlichen Profitdenkens gefallen lassen?
Kerstan: Das wird mitunter in den Verhandlungen auf den Tisch gebracht. Tatsache ist, dass eine gute Vorsorgemedizin auch etwas kostet. Gerade eine Koloskopie ist mit großem technischen Aufwand verbunden und bedarf einer ausreichenden Expertise. Worauf wartet man nun? Es gibt ein diesbezügliches Gesetz, es gibt eine Minis-terin, die das will, es gibt einen Finanzierungsplan. Der Hauptverband kommt allmählich in Erklärungsnotstand, warum er diese Vorsorgeuntersuchung nicht endlich umsetzt.

Was hält die ÖGGH von der neuen Ausbildungsordnung?
Kerstan: Hier haben wir es mit einem Kuriosum zu tun, bei dem Vertreter eines anderen Additivfaches derselben Fachrichtung Forderungen an die Formulierung unserer Ausbildungsordnung stellen. Die Hämato-Onkologen können es offenbar nicht akzeptieren, dass wir das chemotherapeutische Management von Tumoren, die in den gastroenterologischen und hepatologischen Bereich fallen, in der Ausbildungsordnung und im Rasterzeugnis unserer Ausbildung haben. Das hat durchaus praktische Relevanz. Nach dem Strukturplan, der möglicherweise auch bald greifen wird, geht es um genau diese Ausbildungsordnung, die einen Kollegen berechtigt, gewisse Tätigkeiten durchzuführen. Im Prinzip sind wir kompromissbereit, aber dies sollte auf Gegen-seitigkeit beruhen. Die geforderte Interdisziplinarität muss bedeuten, dass auch die Gastroentero-logen in der onkologischen Ausbildung hinzugezogen werden. Ich bin aber zuversichtlich, dass sich alles in Wohlgefallen auflösen wird.

Die Ausbildung soll ja generell verkürzt werden ...
Kerstan: Wir wollen damit auf europäisches Niveau kommen. Wenn man bedenkt, wie lange es in Österreich dauert, bis man sich in einem Zusatzfach etablieren kann, so kann das im Einzelfall wirtschaftlich schwierig werden. Die Straffung des allgemein-internen Teils soll bei allen Zusatzfächern eine Reduktion um zwei Jahre bringen.

Welche Themen der im Juni 2005 abgehaltenen Jahrestagung in Graz sind besonders erwähnenswert?
Kerstan: Man kann den Kongress wirklich als gelungen bezeichnen. Vor allem die Grazer Kollegen waren durch ihren Einsatz in der Organisation maßgeblich am Gelingen der Veranstaltung beteiligt. Neben wissenschaftlichen top-aktuellen Vortragsblöcken wurden auch standespolitische Aspekte diskutiert und mit brisanten Themen, wie den juristischen Aspekten der Endoskopie, eine große Praxisrelevanz erzielt.

Welche Ziele haben Sie sich für das kommende Jahr gesetzt?
Kerstan: Ein standespolitisches Thema wird sicher das Operations-Gruppenschema der Privatversicherungen sein. Grund dafür ist, dass die koloskopische Polypektomie, unser tägliches Brot, heruntergestuft wurde. Hier wird es im Herbst sicher noch Diskussionen geben. Interessanter Weise werden diesbezügliche Verhandlungen aber dann anberaumt, wenn von unserer Seite kaum jemand verfügbar ist, wie etwa während des gastroenterologischen Weltkongresses.

Sie haben national einiges auszufechten. Wie sieht es außerhalb der Grenzen unseres Landes aus?
Kerstan: International kann sich unsere Gesellschaft sehen lassen, viele Mitglieder sitzen in wichtigen Gremien, auch der Nachwuchs ist stark vertreten. Bei den „Rising Stars“ der ASNEMGE, einem Zusammenschluss der europäischen und mediterranen gastroenterologischen Gesellschaften, und bei den internationalen Kongressen sind immer wieder junge Österreicher dabei. Darauf kann man schon stolz sein. Die Nachwuchsarbeit hat bei uns einen hohen Stellenwert, wie die bei der Jahrestagung verliehenen Preise zeigen. Zudem laufen bereits die Vor-bereitungen für den bayrisch-österreichischen Kongress 2006. Die Zusammenarbeit mit den deutschen Kollegen ist von großem Respekt erfüllt und funktioniert reibungsfrei.

Welche Entwicklungen erwartet die Gastroenterologie in den kommenden Jahren?
Kerstan: Die Entwicklung in unserem Fachgebiet ist rasant: Vor allem die Bereiche Genetik, molekulare Biologie und Immunologie machen enorme Fortschritte. Eine Bewertung zukünftiger Möglichkeiten ist daher kaum möglich. So sind die Heilungschancen bei bestimmten Formen der Hepatitis C unter entsprechender Therapie äußerst gut. Es scheint tatsächlich so zu sein, dass wir diese Erkrankung in den Griff bekommen hätten, was noch vor wenigen Jahren kaum denkbar war. In Zukunft dürften neben Fortschritten auf dem Gebiet der minimal invasiven endoskopischen Therapie vor allem Neuerungen in der Organ- und Zellersatztherapie bis hin zur Stammzellentherapie eine wichtige Rolle für die Gastroenterologie und die Hepatologie spielen. Auch Durchbrüche im Sinne einer individualisierten molekularen Medizin zeichnen sich ab, was durch die Entwicklung individueller molekularer Krankheits- und Progressionsmarker möglich wurde. Summa summarum erleben wir zurzeit einen Paradigmenwechsel im Sinne einer Realisierung des Unvorstellbaren. Leider sind viele derartige Entwicklungen weltweit einer Elite vorbehalten. Es bleibt aber zu hoffen, dass letztlich auch Menschen in Entwicklungsländern von den Forschungsergebnissen profitieren können.

Welchen vorrangigen Wunsch haben Sie an die nähere Zukunft?
Kerstan: Wir stehen am Übergang zu einer neuen Ökonomie der Medizin. Stillschweigend werden Management-Care-Elemente in unser System integriert. Zuletzt sind wir nicht mehr Interessenvertreter der Patienten, sondern, wie zum Beispiel in den USA, Verbündete der Versicherungen. Wir verlieren so die Basis zum Patienten. Das in Mitleidenschaft gezogene Vertrauensverhältnis gipfelt mitunter darin, dass unzufriedene Patienten den Weg zum Gericht beschreiten. Ich habe darüber ausführlich in meiner Rede in der Presidential Session bei unserer heurigen Jahrestagung nachgedacht. Die ÖGGH sollte, wie auch die anderen wissenschaftlichen Fachgesellschaften, intellektuell Flagge zeigen und sich auf diese Weise aktiv in der Gesundheitspolitik engagieren.

 

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 32/2003

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