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Innere Medizin 16. Jänner 2006

24 Stunden Hilfe für das Herz

Seit Jahren kämpfen die Kardiologen um eine flächendeckende Versorgung mit Katheterlabors, die rund um die Uhr für eine optimale Betreuung von Patienten mit akutem Koronarsyndrom offen sind. Nun ist dieses Vorhaben in greifbare Nähe gerückt.

Mit der Jahrestagung der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft (ÖKG) im Juni in Salzburg hat Prof. Dr. Helmut Baumgartner die Präsidentschaft übernommen. Zahlreiche Themen und Anliegen stehen an. Bei der Umsetzung von Guidelines möchte Baumgartner, der an der Abteilung für Kardiologie an der Medizinischen Universität Wien tätig ist, den Brückenschlag zwischen Klinik und Praxis vollziehen. „Ich sehe es als Aufgabe unserer Gesellschaft, die vorliegenden Empfehlungen für die Kollegen in der Praxis zu analysieren, die Verwirrung zu beseitigen und tatsächlich eine Hilfestellung für die Arbeit mit den Patienten zu bieten“, sagte der ÖKG-Präsident im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE über die kardiologische Versorgung in unserem Land.

Sie stehen am Beginn Ihrer Funktionsperiode als Präsident der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft. Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?
Baumgartner: Eine wesentliche Aufgabe, die viel Zeit in Anspruch nimmt, ist sicher die Vorbereitung unserer Kongresse. Bereits jetzt müssen wir die Jahrestagung 2006 planen. Ein Schwerpunkt dieser Veranstaltung soll die zurzeit bestehende Problematik mit der Umsetzung der verschiedenen Guidelines in die Praxis sein. Viele dieser Empfehlungen wurden in letzter Zeit modifiziert, zum Teil auch ohne ausreichende Datenlage. Die Umsetzung in verschiedenen Bereichen, etwa beim Einsatz von Defibrillatoren und beim Management des akuten Herzinfarktes, stellt sich zurzeit als sehr konfliktbehaftet dar. In der Praxis gibt es logistische und ökonomische Hindernisse. Wir wollen daher den Schritt von der Publikation der Guidelines in die Praxis aufzeigen. Auch das Thema „Frau in der Kardiologie“ ist topaktuell. Viele der Erkenntnisse, die wir in den Studien der vergangenen Jahre gewonnen haben, sind recht männerdominiert, die Ergebnisse oft nicht ohne weiteres auf die weibliche Bevölkerung umzusetzen. Auf jeden Fall soll der Kardiologenkongress 2006 eine attraktive Veranstaltung sein und die wichtigsten aktuellen Themen unseres Fachgebietes abdecken.

Was wird in nächster Zeit auf Sie zukommen?
Baumgartner: In den kommenden Jahren werden uns mehrere Schwer-punkte in der Kardiologie beschäftigen, etwa das Management des akuten Koronarsyndroms. Die Notwendigkeit einer raschen interventionellen Behandlung ist zwar von wissenschaftlicher Seite her bestätigt, die Praxis hinkt aber zeitlich noch hinterher. Obwohl in den vergangenen Jahren schon ein Umdenkprozess stattgefunden hat und viel in den Ausbau kar-diologischer Akuteinrichtungen investiert wurde, ist eine weitere strukturelle Verbesserung in ganz Österreich nötig. Es muss möglich sein, in einer zumutbar kurzen Zeit von jedem Ort in unserem Land über 24 Stunden eine kompetente Therapie durch ein spezialisiertes Team im Katheterlabor zu erhalten. Wir wissen, welch große prognostische Rolle die Zeit bei einem akuten Myokardinfarkt spielt. Auch das schnelle Eingreifen bei Hochrisikopatienten mit instabiler Angina pectoris muss in ganz Österreich möglich sein. Hier müssen wir dem internationalen Standard folgen, wonach derartige kardiologische Akuteinrichtungen genauso selbstverständlich sind wie etwa unfallchirurgische Einrichtungen.

Wo liegt dabei die Aufgabe der ÖKG?
Baumgartner: Einerseits müssen wir die fachliche Aus- und Fortbildung der beteiligten medizinischen Fachkräfte unterstützen. Nur wenn hier alle an einem Strang ziehen, erhalten wir ein optimales Ergebnis. Auf der anderen Seite dürfen wir auch die Aufklärung der Patienten nicht vernachlässigen. Bei einem akuten Myokardinfarkt muss das Gefäß so rasch wie möglich eröffnet werden. Die beste Rettungs-Kette hilft aber wenig, wenn die Betroffenen selbst zu spät oder gar nicht die Symptome und den dringenden Handlungsbedarf erkennen. In diesem Sinne sind entsprechende Kampagnen für die Bevölkerung geplant. Nicht zuletzt muss eine Öffentlichkeitsarbeit auf die erforderlichen Strukturveränderungen hinweisen, um eine gewisse Sen-sibilisierung für diese Thematik zu schaffen. Dies stellt schließlich auch eine Grundbedingung für den notwendigen politischen Willen zur Umsetzung dar. Katheterlabors mit 24-Stundendienst kosten natürlich Geld – um Verständnis dafür wird zu werben sein.

Wie sieht die aktuelle landesweite Versorgung aus?
Baumgartner: Regional betrachtet gibt es hier noch große Unterschiede. Tirol zum Beispiel ist schon sehr gut strukturiert, die Patienten werden teilweise per Helikopter direkt an die Uniklinik Innsbruck geflogen. In Wien sind neben dem AKH derzeit vier weitere KAV-Spitäler in die Rund-um-die-Uhr-Betreuung eingebunden: Von Montag bis Donnerstag ist jeweils ein KAV-Spital in der Nacht hauptverantwortlich – das AKH steht zusätzlich zur Verfügung –, von Freitag bis Sonntag ist ausschließlich die Universitätsklinik in Betrieb. Auch in einer Reihe weiterer Institutionen, z.B. in St. Pölten, Klagenfurt, Linz und anderen, werden Akuteingriffe rund um die Uhr angeboten. Generell fehlen aber noch Personal und Geld, und es bedarf sicher noch Überzeugungskraft von unserer Seite gegenüber den Krankhausverwaltungen und den verantwortlichen Politikern.

Ihr Vorgänger, Professor Glogar, hatte mit ökonomischen Schwierigkeiten bezüglich einer flächendeckenden Versorgung mit Drug-Eluting-Stents (DES) zu kämpfen ...
Baumgartner: In der Zwischenzeit konnte der Anteil an Patienten, die mit Drug-Eluting-Stents behandelt werden können, stark gesteigert werden. Es wird aber zweifellos eine Anpassung der Preissituation geben müssen. Prinzipiell können auch höhere Ausgaben damit gerechtfertigt werden, dass durch den Einsatz der Drug-Eluting-Stents die Wiedereingriffsrate deutlich herabgesetzt werden konnte, was wiederum Kosten reduziert. Dadurch ist die Bereitschaft für die Finanzierung dieser Behandlung durchaus gestiegen.

Welche praktischen Neuerungen gibt es auf kardiologischem Gebiet sonst noch?
Baumgartner: In letzter Zeit haben die nicht-invasiven Verfahren zur Darstellung der Koronararterien mittels Multislice-CT (MSCT) von sich Reden gemacht. Dies ist einerseits sehr zu begrüßen, da mit der verbesserten Auflösung durch die Einführung von 64-Zeilern tatsächlich teilweise sehr gute Darstellungen möglich geworden sind. Auf der anderen Seite haben wir derzeit mit einer übersteigerten Erwartungshaltung von Patienten, aber auch Ärzten zu kämpfen. Aufgrund der Euphorie, dass nun eine „sanfte Diagnostik“ Herzkatheteruntersuchungen ersparen könnte, und einer entsprechenden medialen Aufarbeitung wurden unrealistische Vorstellungen geschürt. Die Methode kann in den meisten Fällen zur Zeit eine koronarangiografische Darstellung nicht ersetzen. Vielmehr ist zu befürchten, dass es durch die ungezielte Anwendung häufig zu falsch positiven oder zumindest diagnostisch nicht schlüssigen Befunden kommen wird, die dann weitere nicht-invasive Untersuchungen und letztlich auch unnötige Katheteruntersuchungen nach sich ziehen. Die Validierung als Methode mit harten klinischen Aussagen, die das Patientenmanagement bestimmen können, fehlt hier noch eindeutig. Die Patienten sind immer wieder enttäuscht, wenn die Untersuchung keine eindeutige Klärung bringt. Dabei ist zu bedenken, dass die Durchführung der MSCT zurzeit aus der eigenen Tasche bezahlt werden muss.

Für welche Indikationen sehen Sie den sinnvollen Einsatz der MSCT?
Baumgartner: Es gibt einzelne Fragestellungen, bei denen die Methode jetzt schon für Therapieentscheidungen hilfreich sein kann. So etwa bei Frage der Wiedereröffnung von chronischen Gefäßverschlüssen mit unklarer Länge des Verschlussstücks. Auch nach Bypassoperationen kann die Untersuchung Aussagen liefern. Wir sind zwar zuversichtlich, dass die Bildgebung in weiteren Fragestellungen in Zukunft eine Rolle wird spielen können, allerdings müssen wir dies erst genauer in Studien evaluieren. Zudem ist auch eine direkte Zusammenarbeit von Radiologen und Kardiologen in der Durchführung dieser Methode unumgänglich.

Wie sieht es im Bereich der Stammzellenforschung aus?
Baumgartner: Wir sind hier nach wie vor in einer Evaluierungs-Situation. Viele Fragen sind noch offen, und wir werden erst nach Vorliegen weiterer Studienergebnisse sehen, welchen Stellenwert die Methode tatsächlich haben kann.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 4/2004

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