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Innere Medizin 9. November 2005

Homöopathie: Und sie bewegt sich doch!

Zurzeit steht die Homöopathie im Kreuzfeuer der Kritik. Eine Lancet-Studie warnt vor der Gabe dieser „Scheinmedikamente“. Doch dürfte nicht zuletzt auch die Angst der konventionellen Medizin vor der zunehmenden „Globulisierung“ durch die Homöopathen dabei eine nicht unwichtige Rolle spielen.

Eine vor kurzem im Lancet veröffentlichte Studie zur Homöopathie schlug in den vergangenen Tagen große Wellen: Als Ergebnis einer Metaanalyse wurde der Wert homöopathischer Arzneien in Frage gestellt. Vor allem aber war es die Aufforderung der Studienautoren rund um den Schweizer Dr. Matthias Egger, Universität Bern, an die Ärzte, so „ehrlich zu sein, ihre Patienten über die fehlende Wirkung der Homöopathie aufzuklären“, die die homöopathisch tätigen Ärzten auf die Barrikaden steigen lässt. Das österreichische Wochenmagazin „Profil“ setzte noch nach, zitierte die Studie, sprach vom „großen Bluff“ und konstatierte gar das „Ende der Homöopathie“.

Daten falsch interpretiert

In der umstrittenen Untersuchung (Shang A, et al, Lancet 2005; 366:726-32) analysierten die Forscher die Behandlungseffekte in kleineren, im klassischen Sinne „qualitativ weniger hochwertigen“ und in größeren, „hochwertigeren“ Studien. Bezüglich Erkrankung und Behandlungsziel waren die insgesamt 220 untersuchten Arbeiten vergleichbar. Generell zeigte sich bei allen Studien sowohl eine eindeutige Wirkung der konventionellen Medizin als auch der Homöopathie. Wurde die Analyse allerdings auf die größeren 14 Studien beschränkt, so konnten die Autoren bei der homöopathischen Anwendung keine bessere Wirkung, im Vergleich zu Placebo, feststellen. Prof. Dr. Michael Frass, Klinik für Innere Medizin I, Medizinuniversität Wien, kann dieser Studie nichts abgewinnen: „Sie strotzt vor Fehlern methodischer Art, hinsichtlich Selektion der Arbeiten und Interpretation der Daten.“ Immerhin kommt auch ein für die Homöopathie sensationelles Ergebnis heraus. Frass: „In diesen insgesamt 220 Studien zeigten sowohl die Homöopathie, als auch klassische Schulmedizin eine deutliche Wirksamkeit. Da die größeren Studien, die für das Ergebnis ausschlaggebend waren, meist keine klassisch homöopathischen Interventionen darstellten, konnte hier auch das Hauptprinzip der Homöopathie, die Individualisierung, nicht angewandt werden.“ Auch Egger gibt zu, dass es unmöglich war, in der Studie ein Ausbleiben des Effektes zu beweisen.

Keine absurden Verdünnungen

Vor allem die Voreingenommenheit der Autoren, die Tendenz, mit der offensichtlich diese Metaanalyse erstellt wurde, sei, so Frass, eines derart etablierten Magazins nicht würdig. Dass der Lancet hier von „absurden Verdünnungen“ statt von potenzierten Arzneien spricht, zeige, dass sich das Team um Egger in keinster Weise mit der Wirkungsweise der Homöopathie auseinandergesetzt hat. „Es bleibt rätselhaft, warum eine einzige Metaanalyse alle anderen wissenschaftlichen und empirischen Belege außer Kraft setzen soll. Wir brauchen nicht noch mehr Meta-analysen, sondern neue profunde klinische Studien. Dazu fehlt uns aber das Geld“, so Frass. Da die Homöopathie eine vergleichsweise billige Methode ist, sind auch die Interessen der Industrie nicht allzu ausgeprägt.

Glaube allein reicht nich

Weit über 1.000 Ärzte praktizieren in Österreich homöopathische Medizin und berichten über zum Teil beachtliche Heilerfolge. Dass diese lediglich auf der Suggestionswirkung des Therapeuten, in Kombination mit der Verabreichung eines Placebos, beruhen, wollen die Homöopathen nicht auf sich sitzen lassen. Dr. Gloria Kozel von der Österreichischen Gesellschaft für Homöopathie (ÖGHM): „Es wäre absurd, dass allein der Glaube an die Homöopathie Linderung und Heilung bewirkt, da die Behandlung von Säuglingen und Kleinkindern, die nicht daran glauben, trotzdem hervorragend funktioniert.“ Die Methode sei lehr- und lernbar. Es gibt einen Grundkonsens hinsichtlich der Wahl der Arznei. So ist das Einnehmen von homöopathischen Kügelchen gegen Schnupfen noch lange keine Homöopathie. Erst ein ausführliches Anamnesegespräch führt die Homöopathen zum richtigen „Simile“, zum ähnlichen Mittel. „Wird nicht die allerpassendste Arznei verordnet, kommt keine Heilung zustande.“ Die Furcht der Allopathie, wie die Hahnemann-Schüler die konventionelle Schulmedizin zu bezeichnen pflegen, vor der zunehmenden „Globulisierung“ der medizinischen Landschaft ist nicht ganz unbegründet. Sind doch, rezenten Umfragen zufolge, rund die Hälfte aller Patienten, der Homöopathie prinzipiell zugeneigt und begrüßen die Verfügbarkeit der Methode. In einigen europäischen Ländern besteht bereits die Möglichkeit einer Refundierung der Kosten homöopathischer Behandlungen. In Belgien, Ungarn, England, Brasilien oder Indien ist die Homöopathie ein staatlich anerkannter Teil des Gesundheitswesens. Dies betrifft auch den stationären Bereich. Lehrstühle finden sich in Europa an den Universitäten Liverpool und Bern. Hierzulande bieten bereits mehrere Versicherungen für privatversicherte Patienten diese Therapieform in ihrem Leistungskatalog an. Diesen Trend und die günstige Bewertung der homöopathischen Heilmethode durch die WHO sehen viele Homöopathen als Grund für das, für den Lancet an sich unübliche, scharfe Vorgehen an.

Diplom bürgt für Qualität

Allerdings ist die Kritik an der Homöopathie fast schon älter, als die Heilmethode selbst. Waren es anfangs vor allem Apotheker, die mit dem mitunter recht streitlustigen Begründer der Methode, Samuel Hahnemann, um das Recht auf die Herstellung der Arzneien kämpften, so fürchten nun die konventionellen Mediziner ein allzu leichtfertiges und mitunter fast schon fahrlässiges Umgehen mit Kranken. Doch dass hier lediglich Geschäftemacherei mit der Gutgläubigkeit der Patienten gemacht wird, wie die Kritiker der Methode zur Zeit betonen, weist auch Dr. Rainer Brettenthaler, Präsident der Österreichischen Ärztekammer, im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE zurück: „Jene Kollegen, die in Österreich die Homöopathie ausüben, tun dies mit großen Gewissenhaftigkeit.“ Hierfür sei das Diplom der Kammer als Qualitätsmerkmal zu sehen, für das die Ärzte, nach den Richtlinien der Gesellschaft, eine über dreijährige Ausbildung zu absolvieren haben. „Wir stehen nun einmal der Tatsache gegenüber, dass scheinbar vielen Patienten mit der Homöopathie geholfen wird.“ Brettenthaler wünscht sich jedoch, dass eine wissenschaftstheoretische Diskussion darüber geführt wird, ob und wie die homöopathische Heilmethode objektiviert werden kann.

Homöopathie hilft oft

Dr. Gerhard Weiland, seit 20 Jahren homöopathisch tätiger Allgemeinmediziner, sieht die Aufregung eher gelassen: „Wir sollten uns nicht mit derartigen untergriffigen Attacken aufhalten. Wichtig ist, dass wir mit der Homöopathie vielen Menschen helfen können.“ Mit klassischen Studiendesigns kann die Homöopathie nicht bewertet werden, da der Individualität in den Studien nicht Rechnung getragen wird. „Man würde hier versuchen, ein Handballspiel mit den Regeln des Fußball zu beurteilen“, so Weiland. „Gerade bei chronischen, schweren Erkrankungen ist die homöopathische Methode für mich unverzichtbar!“ Unter Beachtung der Grenzen der Homöopathie könne man mit dieser Heilmethode chronisch kranke Patienten, die an Neurodermitis, Asthma oder Allergien leiden, wirklich heilen. Hier sei, wie sich Frass wünscht, ein konstruktives Miteinander der komplementären und der klassischen Medizin wünschenswert. „Wir sollten die Diskussion auf akademischem Niveau und nicht auf derart emotioneller Weise führen.“

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