zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 14. Dezember 2005

Hypertonie: Entwicklungsländer holen auf

Bluthochdruck wird zu einem Problem niedriger sozialer Schichten. Vermehrte Aufklärung und nicht-medikamentöse Maßnahmen werden gefordert.

Die Hypertonie stellt weltweit ein zunehmendes Problem dar. „Galt der Bluthochdruck lange Zeit als fast schon kennzeichnend für reichere Industrienationen, so holen nun die Länder der Dritten Welt auf“, weiß Dr. Albert Holler, Interne Abteilung am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, Graz, im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE zu berichten. Es zeichnet sich eine Tendenz ab, die von der WHO bereits als besorgniserregend eingestuft wird: Denn einerseits wird die steigende Lebenserwartung und Überalterung der Bevölkerung, in den nächsten Jahrzehnten, die Zahl an Herz- und Kreislauferkrankungen erhöhen. Gleichzeitig kommt es aber auch in den Entwicklungsländern, zu einem als „zweite Welle“ der Epidemie bezeichneten massiven Anstieg der kardiovaskulären Erkrankungen.

Wellness und gesunde Lebensführung: Themen der Oberklasse

Hypertonie ist wie Adipositas oder Diabetes oft ein Problem nie­drigerer sozialer Schichten, Wellness und gesunde Lebensführung Themen für die Oberklasse. Mit zunehmendem Einkommen nimmt die Häufigkeit der Hypertonie ab. Holler: „Mittlerweile stehen uns eine Reihe sehr effizienter Medikamente zur Senkung des Blutdrucks zur Verfügung. Für die breite Palette an modernen Therapiekonzepten wird eine Menge Geld ausgegeben.“ Doch angesichts einer erschreckend niedrigen Compliance helfen die besten Präparate nichts, die Medikamente werden nicht oder nur zum Teil eingenommen. Der Umstand, dass Zielblutdruckwerte oft nur durch die Kombination mehrerer Substanzen zu erreichen sind, die Zahl an einzunehmenden Tabletten daher steigt, wirkt sich zusätzlich negativ auf die Compliance aus. Daher sind zusätzliche Strategien nötig, die Patienten von der Notwendigkeit eines normotonen Zustandes zu überzeugen. Für diesen Bereich fehlen, so der Internist, jedoch oft der Wille und damit auch finanzielle Mittel für entsprechende Aktionen. Der derzeitigen Datenlage folgend macht eine Hypertonie-Schulung der Patienten absolut Sinn. „Entsprechende Erziehungsmaßnahmen hätten bereits im Schulwesen ihren Platz“, so Holler. Es sollte vermehrtes Augenmerk auf Aufklärungskampagnen, wie etwa die Initiative „Herz.Leben“ der steiermärkischen Ärztekammer, gerichtet werden. „Es ist wichtig, die Patienten zur Selbstmessung zu motivieren.“ Werden die Ergebnisse dokumentiert, so ist auch für die Betroffenen klar ersichtlich, ob ein zu hoher Blutdruck vorliegt und welchen Effekt die verschiedenen Maßnahmen darauf haben. Mit dem von der Hochdruckliga entwickelten Blutdruckpass lassen sich auch Effekte einer Lebensstilmodifikation beobachten. Zudem wird nicht-medikamentösen Maßnahmen zu wenig Beachtung geschenkt: „Neben der Überernährung spielt auch der erhöhte Salzkonsum eine nicht zu unterschätzende Rolle.“ Rund die Hälfte der Menschen ist als „salz-sensitiv“ einzustufen. Holler: „Viele Patienten verzichten zwar auf zusätzliches Salz, vergessen aber das versteckte Salz in der Industrienahrung. Schon für Kinder ist der ‚Salzweltmeister’ Ketchup ein möglicher Wegbereiter für einen späteren Hypertonus.“ Eine Senkung der Mortalität, wie sie für viele medikamentöse Therapien in großen randomisierten Studien gezeigt wurde, konnte jedoch für eine Reduktion des Salzkonsums evidence based noch nicht belegt werden.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben