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Innere Medizin 29. November 2005

Abgesang an den Body-Mass-Index

Schon seit einiger Zeit ist der Body-Mass-Index (BMI) als Gefahrenindikator für Herz-Kreislauf-Erkrankungen in die Schusslinie der Mediziner geraten. Eine aktuelle Multicenter-Studie könnte ihm endgültig den Todesstoß versetzen.

In den Achtzigerjahren auf Betreiben von US-Lebensversicherungen eingeführt, setzte sich der BMI rasch als Maßeinheit für die Körperfülle durch. Medizinische Laien schüttelte es jedes Mal, wenn sie ihr Körpergewicht durch das Quadrat ihrer Größe dividieren sollten, um zu ermitteln, ob sie nun eigentlich zu dick seien. Mehrmals revidierte die WHO die Adipositasdefinition nach unten. Derzeit gelten als normalgewichtig Menschen mit einem BMI zwischen 18,5 kg/m² und 24,9 kg/m², ab 30 kg/m² sind übergewichtige Personen behandlungsbedürftig.
Von Internistenseite wurden jedoch in letzter Zeit vermehrt Bedenken laut, der Körpermassenindex wiege Menschen mit geringer Muskelmasse, aber viel Körperfett in falscher Sicherheit – sie bringen ja relativ wenig Gewicht auf die Waage. Die vor kurzem im Lancet veröffentlichte Studie1 von Prof. Dr. Salim Yusuf, Leiter der kardiologischen Abteilung an der kanadischen McMaster University, könnte der komplizierten Rechnerei endgültig ein Ende bereiten.
Der Topwissenschaftler, der mit der Veröffentlichung der HOPE-Studie über die Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen im Jahr 2000 eines der „Hot Papers in Medicine“ gelandet hatte, war auch federführend bei der INTERHEART-Studie an 27.000 Probanden in 52 Ländern, bei der es darum ging, das Herzinfarktrisiko zu ermitteln.
Die Multicenter-Forschertruppe verglich Lebenswandel und körperliche Merkmale von 12.461 Personen, die bereits einen Herzinfarkt erlitten hatten, und von 14.637 Herzgesunden gleichen Alters bzw. Geschlechts. Bereits im Vorjahr konnten anhand der Untersuchungsergebnisse neun Risikofaktoren für den Myokardinfarkt dingfest gemacht werden – zu viel Fett um die Körpermitte führt diese Liste an. Nun verglichen die Wissenschaftler die verschiedenen Maßeinheiten für Übergewicht hinsichtlich ihrer Risiko-Aussagekraft.
Resultat: Das Verhältnis von Taillen- zu Hüftumfang ist unabhängig von anderen Faktoren ein weit deutlicherer Gefahrenindikator als der BMI, und zwar bei beiden Geschlechtern sowie in sämtlichen Alters- und ethnischen Gruppen. „Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Bedeutung der Fettleibigkeit bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen in den meisten Regionen der Welt neu bewertet werden muss“, fasst Yusuf im Lancet zusammen. Insgesamt würde die Zahl der als gefährdet einzustufenden Personen bei Nutzung des Taillen-Hüft-Verhältnisses dreimal höher liegen als bei Verwendung des BMI.

1 Yusuf S et al.: Obesity and the risk of myocardial infarction in 27,000 participants from 52 countries: a case-control study. Lancet 2005; 366(9497):1640-9

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