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Innere Medizin 9. November 2005

Chronische Hepatitis im Vormarsch

Weltweit sind rund 550 Millionen Menschen mit dem Hepatitis-B- oder Hepatitis-C-Virus infiziert. Sie alle laufen Gefahr, eine chronische Form der Leberentzündung zu entwickeln. Nur bei rechtzeitiger Diagnose und rascher Einleitung der Therapie können diese Menschen vor den Spätfolgen einer chronischen Hepatitis, wie Leberzirrhose oder Leberkarzinom, bewahrt werden. Ziel der Hepatitis-Plattform www.hep-links.com der Firma Roche ist es, Betroffene zu informieren, Kontakte zu Selbsthilfegruppen herzustellen und so die Angst vor der Erkrankung zu nehmen.

Mangelndes Wissen über Krankheitsverlauf, Gefahren und Therapiemöglichkeiten sowie die häufig drohende Stigmatisierung durch Hepatitis machen Betroffenen oft schwer zu schaffen. Als praxisnahe Unterstützung für die internationale Selbsthilfegruppengemeinschaft hat die Pharmafirma Hoffmann la Roche die „European Liver Patients Association“ (ELPA), eine Plattform im Internet, geschaffen. Auf www.hep-links.com bekommen Betroffene Basisinformationen über „ihre“ Krankheit, über dia-gnostische und therapeutische Möglichkeiten und anderes mehr:

  • Fakten über Hepatitis C
  • Häufig gestellte Fragen und Antworten
  • Links zu Selbsthilfegruppen
  • Informationen über medizinische Kongresse und Meetings
  • Links zu wichtigen medizinischen Zeitschriften

Die ELPA sammelte europaweit Unterschriften für eine Petition, die eine europäische Informations- und Präventionskampagne zum Thema Hepatitis fordert. Diese wurde gemeinsam mit den gesammelten Unterschriften dem Europäischen Parlament am Freitag, den 30. September, übergeben. Allen Betroffenen soll ein Zugang zu Diagnose und Therapie gewährt werden.

Die Situation in Österreich

Die Vordringlichkeit, die chronische Hepatitis in Österreich in der Öffentlichkeit zu einem Thema zu machen, bestätigten renommierte heimische Leber-ExpertInnen im Rahmen des 2. Internationalen Hepatitis Awareness Day. Prof. Dr. Rudolf Stauber, Klin. Abt. für Gastroenterologie und Hepatologie, Medizinische Univ.-Klinik Graz: „Rund 130.000 Menschen in Österreich sind von einer chronischen Hepatitis B oder C betroffen. Ein Großteil weiß aber nichts von der Erkrankung. Aufgrund epidemiologischer Daten über die Zahl der durch chronische Hepatitis entstandenen Fälle von Leberzirrhose und Leberkrebs sowie der dadurch verursachten Todesfälle bzw. der notwendigen Lebertransplantationen muss davon ausgegangen werden, dass die ‚Spitze des Eisberges‘ erst in etwa zehn Jahren erreicht sein wird. Viele der jetzt Infizierten werden dann Komplikationen entwickelt haben.“
Das Hepatitis-B-Virus ist 100-mal ansteckender als HIV. „Damit ist Hepatitis B die wichtigste sexuell übertragbare Erkrankung“, erklärte Prof. Dr. Petra Munda, Klin. Abt. für Gastroenterologie und Hepatologie, Univ.-Klinik für Innere Medizin IV, Wien. „So banal es klingen mag: Die wichtigsten ‚Waffen’ der Hepatitis-B-Prävention sind die Schutzimpfung und das Kondom.“

Infektion mit Hepatitis-C-Virus

Das Hepatitis-C-Virus wird ausschließlich durch Blut, auch in geringen Mengen, übertragen. „Sowohl direkter Blutkontakt als auch kontaminierte Nadeln und unter Umständen kleine Verletzungen, beispielsweise bei gemeinsamem Benutzen von Rasierer oder Zahnbürste, aber auch bei Tätowierung und Piercing, kann zu einer Infektion führen. Im alltäglichen sozialen Umgang besteht jedoch keine Ansteckungsgefahr“, betonte Doz. Dr. Christian Datz, Leiter der Internen Abteilung KH Oberndorf.
„Erhöhte Leberwerte, die zum Beispiel bei einer Vorsorgeuntersuchung festgestellt werden, sind ernst zu nehmen und sollten auf jeden Fall auch hinsichtlich des möglichen Vorliegens einer chronischen Hepatitis B oder C abgeklärt werden. Bei einem Großteil der Hepatitis-Infizierten sind zum Zeitpunkt der Diagnose sowohl Infektionszeitpunkt als auch -quelle unklar“, so Prof. Dr. Edward Penner, Klin. Abt. für Gastroenterologie und Hepatologie, Univ.-Klinik für Innere Medizin IV, Wien.
Folgeschäden kommen teuer Doz. Dr. Michael Gschwantler, 4. Med. Abt., Wilhelminenspital Wien, warnte: „Das Problem der chronischen Hepatitis B oder C besteht darin, dass sich nach jahrelangem, scheinbar symptomlosem Verlauf bei einem Teil der PatientInnen eine Leberzirrhose oder ein Leberkarzinom entwickeln kann. Hepatitis B und C kommen wegen der durch sie entstehenden chronischen Folgeschäden größte gesundheitspolitische Bedeutung zu.“ Die durch Hepatitis C verursachte Leberzirrhose ist in Österreich derzeit die häufigste Ursache für eine Lebertransplantation. Konnten die Hepatitis-Viren vor der Organübertragung im Blut nicht eliminiert werden, dann können sie sich erneut nach der Transplantation innerhalb weniger Wochen bis Monate im Körper ausbreiten. „Daher ist eine frühzeitige Therapie, idealerweise noch vor der Lebertransplantation, wünschenswert“, erläuterte Prof. Dr. Markus Peck-Radosavljevic, Intensivstation 13H1, Univ.-Klinik für Innere Medizin IV, Wien. Die Therapie der chronischen Hepatitis B und C hat sich in den letzten zehn Jahren grundlegend geändert. Prof. Dr. Wolfgang Vogel, Leiter der Abt. für Gastroenterologie und Hepatologie der Univ.-Klinik Innsbruck: „Bei einem großen Teil der Hepatitis-B-Patienten bewirkt pegyliertes Interferon nachweislich einen anhaltenden Rückgang der Krankheitssymptome. Bei Hepatitis C ist die Kombination von pegyliertem Interferon mit Ribavirin heute gültiger Therapiestandard.“
„Die wichtigsten Faktoren sind frühzeitige Diagnose und Therapie. Je nach Virus-Genotyp können bis zu 84 Prozent der PatientInnen mit Hepatitis C dauerhaft geheilt werden“, erläuterte Prof. Dr. Peter Ferenci, Klin. Abt. für Gastroenterologie und Hepatologie, Univ.-Klinik für Innere Medizin IV, Wien. „Nach derzeitigem Wissensstand wird die Interferon/Ribavirin-Therapie mit dem Ziel der Elimination des Hepatitis-C-Virus bei der chronischen Hepatitis C in den nächsten Jahren auch durch neue Substanzen nicht zu ersetzen sein“, so Prof. Dr. Harald Brunner, Leiter der 1. Medizinischen Abteilung, KH Lainz Wien.
In Anbetracht der vielen tausenden noch unentdeckten Erkrankten, des Risikos einer Ansteckung weiterer Menschen und der schwerwiegenden Folgen für deren Gesundheit betonen die ExpertInnen unisono: Dem Themenkreis Hepa-titis muss in Zukunft wesentlich mehr Augenmerk geschenkt werden. Dies vor allem im Hinblick auf die Tatsache, dass ein Großteil der Hepatitis-C-Infizierten auf Grund der heute hoch effizienten therapeutischen Möglichkeiten bei zeitgerechter Therapie heilbar ist.

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