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Innere Medizin 9. November 2005

Thaumetopoea – die stille Gefahr

Die toxinbehafteten Entwicklungsstadien von Thaumetopoea processionea führen über direkten oder aerogenen Kontakt zu Reizerscheinungen an Haut und Schleimhäuten. Die Symptome dieses Lepidopterismus reichen von juckenden Hautausschlägen bis hin zu Asthmaanfällen und im Extremfall zum anaphylaktischen Schock. Schutz bieten Expositionsvermeidung und Schädlingsbekämpfung.

Im Sommer des Jahres 2000 kommt ein 60-jähriger Mann mit juckendem Exanthem, Appetitlosigkeit, Übelkeit und allgemeinem Unwohlsein Hilfe suchend zu seinem Arzt. Am Vortag, berichtet der Patient, habe er, als er durch seinen Garten gegangen sei, Juckreiz am Unterarm, Ellbogen und im Genick bemerkt. Innerhalb von zwei Stunden wären an diesen Bereichen Rötung und Schwellungen aufgetreten, die sich zu papulopustulösen Effloreszenzen weiterentwickelt hätten. Seit mittlerweile 19 Jahren ist besagter Patient, ein bekannter Opernsänger, wegen seiner chronisch obstruktiven Lungenerkrankung in fachärztlicher Betreuung. Medikamentös ist er auf Salbutamol, Formeterol, Theophyllin und Beclomethason eingestellt. Nun klagt er seinem Arzt, beim Singen Schwierigkeiten zu haben. Er erzählt auch, dass er vor zehn Tagen Tausende von Raupen beobachtet hätte, wie diese entlang den Ästen einer alten Eiche, die in seinem Garten steht, gekrochen seien. Obwohl er anfänglich keinen Zusammenhang zwischen den Raupen und seiner körperlichen Befindlichkeit sehen konnte, fiel ihm dann doch mit der Zeit auf, dass, wann immer er das Fenster öffnete oder in den Garten ging, der Juckreiz an der Haut und seine Atembeschwerden sich deutlich verschlechterten. Wir besuchten ihn in seinem Haus und fanden Tausende von grau-gelben, behaarten Raupen von Thaumetopoea processionea am Stamm besagter Eiche in seinem Garten. Damit war die Diagnose klar, es handelte sich um Lepidopterismus: Darunter ist ein Symptomenkomplex zu verstehen, der von heftig juckenden Hautausschlägen (Raupendermatitis) bis zu Asthmaanfällen reichen kann. Da die mikroskopisch kleinen Gifthaare bis zu hundert Meter weit mit dem Wind vertragen werden können, stellen sie eine wichtige, bis jetzt allerdings wenig beachtete Ursache einer „non-infectious airborne disease“ dar. Unser Patient reagierte aufgrund seiner COPD ganz ausgeprägt mit respiratorischem Distress. Wir modifizierten seine Medikation mit topischen Kortikoiden, parenteral verabreichten Antihistaminika und erhöhten die ß2-Sympathomimetikadosis.

Akuter Asthmaanfall

Einige Tage später besuchten wir den Patienten abermals zu Hause, diesmal um Larven zur Untersuchung mitzunehmen. Als wir ein vom Baum gefallenes Nest in eine Schachtel packten, mussten wir miterleben, wie der etwa acht Meter entfernt stehende Patient einen Anfall heftiger Bronchokonstriktion mit entsprechender Dys- und Tachypnoe und Husten erlitt. Unter sofortiger intravenöser Theophyllingabe konnte der Asthmaanfall innerhalb weniger Minuten beherrscht werden. Die einzig sinnvolle Vermeidung der Allergenexposition war schwierig zu bewerkstelligen, da die Setae (mit Gift besetzten Härchen) und die Toxin-tragenden Larvenhäute mit dem Wind vertragen werden. Wie schon damals, als Sigmund Freud 1931 in diesem Haus lebte, steht die mittlerweile denkmalgeschützte Eiche immer noch vor dem Wohnzimmerfenster, und so ist der betroffene Opernsänger zur Reexposition „verdammt“. In den Sommern 2001 und 2002 wiederholten sich die Symptome bei unserem Patienten, 2003 war ein raupenfreies, erholsames Jahr.

Thaumetopoea processionea

Dieser Falter gehört zur Spezies der Lepidoptera (Schuppenflügler) und ist als Eichenprozessionsspinner bekannt. Während der Nacht wandern die Tiere prozessionsähnlich – daher der Name – in die Baumkrone, um sich dort von den jungen Blättern zu ernähren. Die giftigen T. processionea sind in vielen Ländern vorwiegend an Eichen, seltener an Buchen, endemisch. 150 Spezies der Lepidoptera erweisen sich als humanpathogen. Das dritte bis sechste Larvenstadium ist mit Gifthaaren versehen, an denen das Urtikariatoxin (Thaumetopoein) haftet. T. processionea bildet bis zum dritten Larvenstadium keine Gift-härchen aus, was erklären könnte, warum unser Patient, als er die Raupen das erste Mal sah, beschwerdefrei blieb. Allergische Reaktionen können über direkten Kontakt mit den giftigen Raupenhaaren, etwa durch Berühren oder Essen, ausgelöst werden, aber auch in Form aerogener Transmission, also durch unbemerkten Anflug, hervorgerufen werden. Diese mit Gift besetzten Setae initiieren eine Fremdkörperreaktion, die über direkte Mediatorfreisetzung, vermittelt durch Thaumetopoein oder als Typ I Überempfindlichkeitsreaktion der Haut und Schleimhäute Entzündungszeichen hervorrufen können. Am häufigsten finden sich entzündliche Veränderungen an der Haut, als Raupendermatitis bekannt. Neben dieser zwar unangenehmen, aber insgesamt ungefährlichen Reaktion kann es aber auch zur Ausbildung einer Keratokonjunktivitis und/oder Nasopharyngitis kommen. Die Beteiligung des Gastrointestinal- oder Respirationstraktes sowie systemische Mitbeteiligung bis hin zum Anaphylaktischen Schockgeschehen ist ebenso beschrieben. Weite Teile der Mischwälder rund um Wien sind schon lange von T. processionea befallen. In dem von uns beschriebenen Fall war es uns möglich, durch die befallene Eiche im Wohngebiet Wiens diese Erkrankung, deren Kontaktmodus auch aerogen sein kann, als Fall von Lepidopterismus zu erkennen und zu beschreiben. Passen die Umweltbedingungen und es tritt ein Fall von Überempfindlichkeitreaktion auf, müssen Ärzte diese seltene Ursache in Erwägung ziehen. In Zusammenarbeit mit der forstwirtschaftlichen Verwaltung ist es sodann am sinnvollsten, die Exposition zu minimieren beziehungsweise die Nester von gut ausgerüsteten, professionellen Forstarbeitern entfernen zu lassen.

Dieser Fallbericht erschien in der Fachzeitschrift The Lancet im Mai 2004.
Verfasst wurde dieser Artikel von

Dr. Wolfgang Spiegel, Arzt und Universitätslektor für Allgemeinmedizin, allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger, Fachgebiet Allgemeinmedizin, Notarzt und Neuraltherapeut

Dr. Harald Maier, Leiter der Allgemeinen Ambulanz der Abteilung für Spezielle
Dermatologie und Umweltdermatosen der Medizinischen Universitätsklinik Wien

Prof. Dr. Manfred Maier, Universitätsprofessor für Allgemeinmedizin der
Medizinischen Universität Wien

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