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Innere Medizin 9. November 2005

Klarheit in der Hypertonie-Therapie

Vor allem im vergangenen Jahr wurden in Amerika und Europa mehrfach Richtlinien zur Diagnostik, Klassifikation und Therapie des Bluthochdrucks veröffentlicht, die sich zum Teil widersprechen. Die Österreichische Gesellschaft für Hypertensiologie möchte deshalb mit eigenen Empfehlungen zur Verbesserung der Bluthochdruck-Vorbeugung und -Therapie beitragen.

Die neue Strategie der „Österreichischen Hochdruckliga" beruht auf vier Säulen: Blutdruckselbstmessung, erweiterte Diagnostik, konkretere Therapie-Empfehlungen und bessere Patientenaufklärung.„Entgegen der Einschätzung behandelnder Ärzte – immerhin glauben 86 Prozent, die Blutdrucktherapie sei gut oder ausreichend – ist die Effizienz der Therapie schlecht", zu diesem Schluss kommt Prof. Dr. Gert Mayer, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Hypertensiologie. In 90 Prozent der Fälle wird der zu erreichende Zielwert von 135/85 mmHg verfehlt.

Die Selbstmessung: ein österreichisches Spezifikum

Die in den Pocket-Guidelines „Klassifikation, Diagnostik und Therapie der Hypertonie 2004" veröffentlichten Empfehlungen enthalten auch sehr sinnvolle Maßnahmen, die im Ausland noch nicht zum Standard gehörten. Während in anderen Ländern noch immer die „einzelne“ Arztmessung allein als Beurteilungsstandard favorisiert werde, empfiehlt die österreichische Gesellschaft für Hypertensiologie, die Arztmessung durch laufende Selbstmessungen zu ergänzen. Die Erhöhung der Zahl der Messwerte erlaubt eine wesentlich bessere Beurteilung des Blutdrucks. Wenn sieben von 30 Messwerten beim Unbehandelten über 135/85 mmHg liegen, dann kann die Diagnose einer Hypertonie gestellt werden, beziehungsweise wenn mehr als sieben von 30 Messwerten beim behandelten Hochdruckpatienten gefunden werden, sollte die Hochdruckeinstellung weiter verbessert werden.

Erweiterte Diagnostik und Therapieziele

Prof. Dr. Karl Silberbauer, Abteilung für Innere Medizin Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, Eisenstadt, weist darauf hin, dass es wichtig ist, das gesamte kardiovaskuläre Risikoprofil zu beurteilen. „Die von uns empfohlene erweiterte Diagnostik zielt auf die Erfassung aller Faktoren, die zur Feststellung des kardiovaskulären Gesamtrisikos benötigt werden.“ Dazu gehören hauptsächlich die exakte Erfassung von Hinweisen auf

  • Risikofaktoren (wie Alter, Geschlecht, Familienanamnese, Rauchen),
  • Zielorganschäden am Herz etc.
  • Begleit- und Folgeerkrankungen (wie Diabetes mellitus, eingeschränkte Nierenfunktion etc.).

Die „Hypertonie-Liga“ empfiehlt in ihren „Pocket-Guidelines“ (nicht pharmakologische) antihypertensive Maßnahmen und eine regelmäßige Bludruck-Kontrolle ab einem Blutdruckwert von 120/80 mmHg.„Grundsätzlich soll die Therapie mit lebensstiländernden Maßnahmen wie Gewichtsreduktion, Ernährungsumstellung, Ausdauertraining,  Nikotinabstinenz, weniger Kochsalz, weniger Alkohol begonnen werden“, sagt Silberbauer. Prinzipiell empfehlen die österreichischen Bluthochdruckexperten zusätzlich zu den allgemeinen Maßnahmen eine medikamentöse Therapie ab einem Wert von 140/90 mmHg oder bei drei Risikofaktoren, Diabetes oder Zeichen einer Zielorganschädigung bereits ab einem Wert von 130/85 mmHg.

Diuretika senken Kosten nicht

Mayer warnt allerdings davor, sich zu sehr auf die Modifikation des Lebensstils zu konzentrieren: „Ein monatelanges Zuwarten, ob nicht pharmakologische Maßnahmen erfolgreich sind, bevor eine medikamentöse Therapie eingeleitet wird, ist nicht vertretbar.“ Zu der immer wieder aufgeworfenen Frage der Therapiekosten meint Mayer: „In Anbetracht der unzureichenden Therapiesituation in Österreich sind wir der Meinung, dass ohnehin weniger die Frage besteht, ob nun niedrig dosierte Diuretika oder andere, teurere Antihypertensiva eingesetzt werden sollen. Erfahrungen zeigen, dass meist nur eine Kombinationstherapie erfolgreich ist. Leider ergibt sich daraus auch, dass der vermehrte Einsatz von niedrig dosierten Diuretika die Kosten der Therapie nicht senken kann.“ Mayer weist auch auf die Problematik hin, dass die Angiotensin-II- Rezeptorantagonisten vom Hauptverband nur bei ACE-Hemmer-Unverträglichkeit akzeptiert werden. „Die Hochdruckliga vertritt die Ansicht, dass diese Einschränkung nicht zulässig ist und die Angiotensin-II-Rezeptorantagonisten als eigene, gleichwertig verschreibbare Substanzklasse zu behandeln sind.“
Daneben stellt die Hochdruck-Liga einen neuartigen Blutdruckpass vor, der schon in kurzer Zeit bei niedergelassenen ÄrztInnen erhältlich sein wird. Prof. Dr. Falko Skrabal, Abteilung für Innere Medizin, Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, Graz: „Wir hoffen damit langfristig die Blutdrucksituation der Bevölkerung in den Griff zu bekommen und zu verbessern. Der Pass zeigt auf Anhieb die Qualität der Blutdruckeinstellung. Ein weiteres Ziel ist vor allem die Vermeidung von Folgekrankheiten und eine deutliche Kostensenkung.“

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