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Innere Medizin 4. November 2005

Herzinfarkt und Schlaganfall vermeiden

Beim Kongress der Europäischen Kardiologengesellschaft (ESC) in Stockholm Anfang September trafen sich 25.000 Herz-Spezialisten. Es wurde eine Vielzahl aktueller Erkenntnisse und neuer Entwicklungen präsentiert.

Herzinfarkt und Schlaganfall stellen in Europa die bei weitem häufigste Todesursache dar. Prof. Dr. Gerald Maurer, Klinische Abteilung für Kardiologie, Universitätsklinik für Innere Medizin II, Medizinische Universität Wien, zieht nach dem Kongress Bilanz.

Studien zu Innovationen

Aus dem Bereich der Arzneimittel-Innovationen fand etwa die OASIS 5/MICHELANGELO-Studie große Beachtung, die anhand von mehr als 20.000 Patienten die Wirksamkeit der Therapie mit dem Antithrombotikum Fondaparinux, einem synthetischen Faktor-Xa-Hemmer, im Vergleich mit einer Behandlung mit dem Heparin Enoxaparin bei Patienten mit akutem Koronarsyndrom – zusätzlich zur plättchenhemmenden Therapie – untersuchte. Fazit: „In der Prophylaxe von Herzinfarkt, Tod oder kardialen Ischämien innerhalb von neun Tagen nach dem Ereignis sind beide Substanzen gleich wirksam. Allerdings geht der synthetische Faktor-Xa-Hemmer mit weniger Blutungen einher, was sich für die Patienten langfristig günstig auswirkt“, so Maurer. So brauchten 1,3 Prozent der Patienten mehr als vier Blutkonserven wegen schwerer Blutungen im Vergleich zu 1,7 Prozent in der Heparin-Gruppe. Dieser Effekt ist umso bedeutsamer, als er in allen Untergruppen signifikant auftritt. Gestorben waren nach sechs Monaten in der Heparin-Gruppe 6,3 Prozent, in der mit dem Faktor-Xa-Hemmer behandelten Vergleichsgruppe 5,6 Prozent.

Statine nach Infarkt

Diskutiert wurde auch ein Bericht des American Journal of Cardiology, wonach nach einem Herzinfarkt eine Behandlung mit Statinen innerhalb von 24 Stunden die Sterberate halbieren kann. Eine Untersuchung der Universität von Kalifornien in Los Angeles mit mehr als 170.000 Patienten zeigt, dass bei Patienten, die vorher keine Statine eingenommen hatten, die Sterblichkeitsrate um 58 Prozent sank; bei Patienten, die schon zuvor Statine eingenommen hatten, reduzierte sich die Mortalität um 54 Prozent.
Die meisten Schlaganfälle und Herzinfarkte bei Patienten mit Hypertonie ließen sich vermeiden, wenn moderne Antihypertensiva mit einem Cholesterinsenker kombiniert werden. Der Erfolg dieser Behandlungsmethode wurde zum ersten Mal bei der Studie Anglo-Scandinavian Cardiac Outcomes Trial (ASCOT) gezeigt. Dabei wurden knapp 20.000 Männer und Frauen mit Bluthochdruck behandelt, die ein gemäßigtes Schlaganfall- und Herzinfarktrisiko aufwiesen. Sie erhielten entweder die neueren Medikamente, nämlich den Calzium-Antagonisten Amlodipine und den ACE-Inhibitor Perindopril, oder die herkömmliche Kombination eines Beta-Blockers (Atenolol) mit einem Diuretikum. 10.000 Patienten wurden zusätzlich mit dem Cholesterinsenker Atorvastatin oder einem Placebo therapiert. Die Endergebnisse bewiesen, dass die Kombination von neueren blutdrucksenkenden Medikamenten das Risiko von Schlaganfällen um etwa 25 Prozent, von Herzinfarkten um 15 Prozent, von kardiovaskulärem Tod um 25 Prozent, und neue Fälle von Diabetes um 30 Prozent senkte – im Vergleich zur Standardbehandlung.

Homocysteinsenkung versagte

Nicht erfüllt haben sich der norwegischen NORVIT-Studie mit 3.749 Patienten zufolge die Erwartungen, dass eine Homocystein-Senkung mittels Vitamin B6 und Folsäure Herzinfarkt-Patienten vor einem neuerlichen Infarkt oder einem Schlaganfall schützt. Durch die Kombitherapie mit Vitamin B6 und Folsäure wurden zwar die Serum-Homocystein-Spiegel deutlich gesenkt, einen Einfluss auf das Infarktrisiko hatte das nicht. Im Gegenteil: in der Vitamin B6- und der Folsäure-Gruppe gab es sogar mehr Komplikationen. Interessante Entwicklungen wurden auch aus dem Bereich der Stents berichtet. Neue Drug eluting stents (DES) ersetzen in der Behandlung von Gefäßverengungen immer mehr die herkömmlichen Metallgitter, weil sie das Risiko neuerlicher Gefäßverschlüsse deutlich senken. Doch weil DES wesentlich teurer sind als nichtbeschichtete Stents, sollten sie differenziert eingesetzt werden, war das Ergebnis einer deutschen Untersuchung. „Auf dem ESC wurde der mitunter erhobenen Forderung widersprochen, routinemäßig DES einzusetzen“, berichtet Maurer.

Weltweites Problem: Adipositas

Die weltweite Verteilung des Problems Übergewicht, eines entscheidenden Risikofaktors für Herz-Kreislauferkrankungen, hat eine internationale Forschergruppe im REACH-Register (Reduction of Atherothrombosis for Continued Health) unter die Lupe genommen. Die Forscher untersuchten knapp 65.000 Menschen in 47 Ländern. Maurer: „Nur 27 Prozent der Untersuchten sind demnach mit einem BMI von weniger als 25 normalgewichtig oder unter dem Normalgewicht.“ Während in Asien mit 54 Prozent und Lateinamerika mit immerhin noch 30 Prozent deutlich mehr Normalgewichtige leben als im Durchschnitt, liegen die USA (22 Prozent) und Westeuropa (26 Prozent) unter dem weltweiten Durchschnitt, was die Anzahl von Schlanken betrifft. Folgerichtig war ein weiterer Schwerpunkt des ESC-Kongresses das metabolische Syndrom (MetS). Maurer: „Insgesamt berichteten finnische Forscher nach der Auswertung von mehr als 10.000 Patientendaten, dass 38 Prozent der untersuchten Männer und 36 Prozent der untersuchten Frauen bereits unter einem MetS litten.“ Innerhalb eines durchschnittlichen Zeitraumes von knapp 9 Jahren zeigte sich, dass die Sterblichkeit aufgrund von Gefäßkrankheiten bei Männern mit einem MetS um 45 Prozent und bei Frauen um 73 Prozent erhöht war – gegenüber Männern und Frauen ohne MetS.

Quelle: B&K; Bettschart & Kofler, Medien- und Kommunikationsberatung

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