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Innere Medizin 4. November 2005

Metabolisches Syndrom betrifft dick und dünn

Die viszerale Adipositas ist ein starker Prädiktor für das Vorliegen eines metabolischen Syndroms. Neben der Erhöhung anderer Risikofaktoren ist diese Form des Übergewichts essenziell für die Entstehung der Insulinresistenz.

Ein metabolisches Syndrom wird diagnostiziert, wenn, neben einer viszeralen Adipositas, mindestens zwei weitere Faktoren, wie etwa Hypercholesterinämie und Dys- und Hyperlipidämie, Insulinresistenz und Diabetes mellitus Typ 2, vorliegen. „Aber auch jeder dieser Risikofaktoren für sich genommen, stellt bereits ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Folgeerkrankungen und Diabetes mellitus Typ 2 dar“, sagte der Endokrinologe Prof. Dr. Bernhard Ludvik, AKH-Wien, im Rahmen eines Vortrags anlässlich der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Innere Medizin, Ende September in Salzburg.

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Nicht nur Dicke betroffen

Aber nicht nur Menschen, deren Bauchumfang nach den ATP III-Kriterien 102 cm (Männer) und 88 cm (Frauen) überschreitet, tragen ein erhöhtes Risiko für das metabolische Syndrom. „Auch im nichtadipösen Bereich zeigt eine viszerale Fettverteilung, dass das Risiko für die Ausbildung eines metabolischen Syndroms eindeutig gesteigert ist“, so Ludvik weiter. „Dies führt auch dazu, dass derzeit diskutiert wird, die Maßzahl für den Bauchumfang bei Männern und Frauen zu senken.“ Die Ursachen für die ungünstigere Prognose bei Vorliegen einer viszeralen Adipositas im Gegensatz zu einer peripheren Fettverteilung erklärt Ludvik mit der Biologie der Adipozyten: „Die viszeralen Adipozyten haben z.B. einen höheren Turnover an freien Fettsäuren als die peripheren Adipozyten.“ Es hängt aber auch mit der Lokalisation der viszeralen Adipositas zusammen. „Wir haben eine Reihe von Substanzen, die bei einer viszeralen Adipositas vermehrt sezerniert werden, was, wie beim Adiponektin, beispielsweise auch einen systemischen Effekt auf die Insulinresistenz hat“, stellte Ludvik weiter fest. Wird Gewicht reduziert, so nimmt zuerst das viszerale Fettgewebe ab, was direkt proportional mit einer Verbesserung der Insulinresistenz einhergeht. Dabei geht es gar nicht immer um den Verlust großer Mengen an Körpergewicht. „Schon eine moderate Gewichtsabnahme von einigen Kilogramm sowie körperliche Aktivität im Ausmaß von rund 150 Minuten pro Woche führt zu einer Reduktion des Diabetes-Risikos um 58 Prozent“, fasste Ludvik die Ergebnisse einer finnischen Diabetes-Präventionsstudie zusammen.

Problem Gewicht halten

Ähnliche Daten zeigt die Growing prevalence of abdominal ­obesity-study aus den USA: In dieser Studie wurden drei Interventionen getestet: Eine Medikation mit Metformin, Lebensstilmodifikation und Placebo: „Im Ergebnis zeigte sich, dass die Lebensstilmodifikation, wie in der finnischen Studie, eine Risikoreduktion für Diabetes um 58 Prozent gebracht hat“, erläuterte Ludvik: „Die Metformin-Therapie reduzierte das Risiko um 31 Prozent.“ Unter Studienbedingungen einige Kilogramm an Gewicht zu verlieren, ist verhältnismäßig einfach. „Das Problem ist allerdings, dieses Gewicht auch unter Normalbedingungen zu halten“, hielt Ludvik weiter fest. Er schlägt hier durchaus auch medikamentöse Interventionen vor: „Patienten, die mittels Orlistat in Verbindung mit einer fett- und kalorienreduzierten Diät Gewicht reduzieren, können dieses auch über weitere zwei Jahre gut halten.“
Ludvik zitierte die Xendos-Studie, in die Patienten mit einem BMI von 37 kg/m2 eingeschlossen wurden. Neben Lebensstilmodifikationen erhielten diese Patienten über drei Jahre täglich 120 mg Orlistat. 21 Prozent der PatientInnen hatten bereits zu Beginn der Studie eine gestörte Glukosetoleranz. „Es zeigte sich, dass über drei Jahre eine Gewichtsreduktion von fast sieben Kilogramm erreicht werden konnte“, resümierte Ludvik. Auch das Risiko für Typ-2-Diabetes reduzierte sich in dieser Studie um rund 37 Prozent. Eine Gruppe, bei der internistische Therapiemaßnahmen wenig bringen, ist für Ludvik jene der morbid Adipösen mit einem BMI ab 40 kg/m2. „Für diese Patienten hat sich die chirurgische Therapie mittels Magenband bzw. Bypass durchgesetzt.“ Ludvik präsentierte Zehnjahresdaten, die zeigen, dass sich das Körpergewicht jener Patienten, bei denen chirurgisch interveniert wurde, nach zehn Jahren um 16 Prozent vermindert hatte. „Besonders interessant ist aber die signifikante Reduktion des Diabetes- Risikos bei den operierten Patienten um 75 Prozent“, hielt Ludvik weiter fest. Abschließend präsentierte er die neuen Angaben, die derzeit von den Experten für jenen Bauchumfang diskutiert werden, der bereits auf das Vorliegen eines metabolischen Syndroms hindeutet. So soll in Zukunft bei Frauen ein Bauchumfang von 80 cm und bei Männern von 94 cm die kritische Grenze sein.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 43/2005

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