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Innere Medizin 18. Oktober 2005

Handauflegen wirkt tatsächlich

Ungewöhnliche Forschungsarbeit im Wiener Wilhelminenspital: Mediziner wollten wissen, ob heilende Hände tatsächlich Einfluss auf die Befindlichkeit von Krebspatienten haben – und engagierten als „Placebo“ einen Schauspieler.

„Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Organe.“ So umriss Prof. Dr. Heinz Ludwig bei einer Pressekonferenz am vorvergangenen Donnerstag die Intention der 1. Medizinischen Abteilung des Wiener Wilhelminenspitals, im Zentrum für Onkologie und Hämatologie das gesamte Spektrum der modernen Krebsbehandlung anzubieten: neben der pharmakologischen Therapie auch Ernährungsberatung und komplementäre Verfahren wie Homöopathie, Qi Gong oder Aromatherapie.

Die Lebensqualität verbessern

Ludwig weiß aus Erfahrung: „Wer Krebs hat, sucht überall Unterstützung.“ 80 Prozent der Patienten greifen auf zusätzliche alternative Behandlungsmethoden zurück, vor allem Krebskranke im fortgeschrittenen Stadium, das massive Beeinträchtigungen der Lebensqualität mit sich bringt. Besonders Frauen und Menschen mit höherem Bildungsgrad sind den Zusatztherapien zugetan. Das Angebot der alternativen Heilkunst gegen Symptome wie Müdigkeit, Schmerzen, Übelkeit, Depression, Angst, Atemnot und Appetitlosigkeit ist groß. In Deutschland wird der Markt solcher Therapien auf 750 Millionen Euro geschätzt, auf Österreich umgelegt wären das rund 74 Millionen Euro. So vertrauen sich immer mehr Krebspatienten auch Wunderheilern an, die Handauflegen praktizieren – und zahlen dafür zuweilen exorbitante Honorare, selbst wenn die therapeutischen Effekte durch keinerlei wissenschaftliche Forschungen belegt sind.
Grund genug für Ludwig und sein Team, zusätzlich zur klassischen klinischen Forschung Stu­dien zur ganzheitlichen Krebsbehandlung zu betreiben und den Effekten der heilenden Hände auf den Grund zu gehen: 80 Krebspatienten im fortgeschrittenen Stadium nahmen an dieser randomisierten Studie teil. Jeweils 40 sollten von einem selbst ernannten Heiler bzw. von einem sozusagen als „Placebo“ engagierten Schauspieler behandelt werden. Der Schauspieler war zuerst inkognito als Patient beim Heiler in die Lehre gegangen, hatte sich eine Biografie, die über seine vermeintlichen Heilkräfte Aufschluss gab, zurechtgelegt, Handgriffe und Habitus studiert. So wurde nach der Begrüßung jedem Patienten von seinem Betreuer einige Sekunden die Hand aufgelegt, abwechselnd auf den Kopf, den Bauch oder die Schulter.
Mit dem direkten Körperkontakt sollen Energieblockaden aufgespürt und gelöst werden. Doch offenbar ist noch etwas anderes im Spiel: „Wenn man beispielsweise einer Krebspatientin mit Haarausfall die Perücke abnimmt und ihr die Hand auf den Kopf legt, ist das eine sehr intime Berührung, die Verbindung schafft“, berichtete der Schauspieler Marcel Mollik, der selbst überrascht war, wie sehr sich die von ihm Behandelten öffneten. Jeweils vor und nach der Sitzung beurteilten die Patienten ihren Allgemeinzustand anhand einer Wohlbefindlichkeitsskala.

Positive Wirkungen

Zwar gab der Heiler während der Studie plötzlich auf, da er sich angeblich durch die Auswahl der Patienten benachteiligt fühlte. Die Auswertung der Daten ergab jedoch, dass Handauflegen durchaus positive Wirkungen hat. „Der Allgemeinzustand der Patienten verbesserte sich signifikant, die Schmerzen und Depressionen wurden gelindert, die Kranken waren entspannter und innerlich ruhiger“, berichtete Dr. Gudrun Pohl, die Leiterin der Studie. Allerdings stellte sich auch heraus, „dass es keinen Unterschied machte, ob der Heiler oder der Schauspieler die Behandlung vornahm“. Der positive Effekt beruhte augenscheinlich nicht auf irgendwelchen Heilkräften, sondern auf der menschlichen Zuwendung. „Für uns bedeuten die Ergebnisse dieser Studie ein klares Signal“, resümierte Ludwig. „Es braucht keinen Wunderheiler, um Unterstützung zu geben.“ Und: „Wir Mediziner sind oft so beschäftigt mit den naturwissenschaftlichen Fragen, dass wir alles andere gern delegieren. Das natürliche Verlangen der Patienten nach Empathie darf dabei nicht in den Hintergrund treten.“

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