zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 17. Oktober 2005

Starterlaubnis für Herzpatienten?

Über den Wolken ist die Freiheit angeblich grenzenlos – aber gilt das auch für Flugreisende mit Erkrankungen von Herz oder Lunge? Klären Sie vor Reiseantritt ab, ob der Druckabfall im Flieger, das lange Sitzen und nicht zuletzt der Stress beim Ein- und Auschecken bei einem Patienten zu Komplikationen führen könnten.

Schwer wiegende medizinische Notfälle während Flugreisen kommen insgesamt relativ selten vor. Wie viele es tatsächlich Jahr für Jahr sind, darüber gibt es allerdings nur Schätzungen. Für Fluglinien besteht keine Verpflichtung, darüber Buch zu führen. Zu 250 Notfällen bei insgesamt 9,5 Millionen beförderten Passagieren kam es im vergangenen Jahr bei den Austrian Airlines, wobei es keine Aufzeichnungen darüber gibt, wie dramatisch die Ereignisse waren. Die British Airways registrierten innerhalb eines Jahres bei 38 Millionen Passagieren 3.386 Notfälle, bei 1.000 davon war der Einsatz von Ärzten oder Pflegekräften notwendig. Gastroenterologische Notfälle stellten mit über 25 Prozent das Gros dar, gefolgt von kardiologischen und neurologischen Problemen mit neun bzw. acht Prozent der Fälle.
In den USA wurden 1999 auf 100 Millionen Passagiere sieben Todesfälle gezählt, bei zwei Drittel davon bestand eine kardiologische Erkrankung. Die Zahl erscheint auf den ersten Blick beruhigend niedrig; für die US-Flugsicherheitsbehörden war sie aber Anlass genug, um die Ausstattung von größeren Passagierflugzeugen mit elektrischen Defibrillatoren vorzuschreiben. Physiologische Belastungen Auch bei kürzeren Flügen bewegen sich Flugzeuge in einer Höhe von zehn bis zwölf Kilometern an der Grenze zwischen Stratosphäre und Troposphäre, also oberhalb des Wettergeschehens. Ohne einen Druckausgleich in der Fluggast-kabine wäre menschliches Überleben in dieser Höhe nicht möglich. Tatsächlich wird der Druck in der Kabine entsprechend einer Höhe von 8.000 Fuß konstant gehalten. Aber auch bei dieser Höhe findet sich bereits ein relevanter Abfall des Luftdrucks von 760 auf 565 mmHg und damit ein Abfall des Sauerstoffpartialdrucks (pO2) von 159 auf 118 mmHg. Dies bedeutet einen Abfall der Sauerstoffsättigung des Blutes von 98 auf 90 Prozent. Während beim gesunden Menschen ein Abfall des pO2 des Blutes um zehn bis 20 Prozent keinen Einfluss auf die Sauerstoffsättigung hat, führt dies bei Patienten mit bereits erniedrigtem pO2 zu einem dramatischen Abfall des arteriellen pO2. Ein Problem kann dies z.B. für Patienten mit chronisch obstruktiver Atemwegserkrankung (COPD) darstellen. Im Druckkabinenversuch wurde gezeigt, dass bei COPD-Patienten bei einem Luftdruck entsprechend 2.500 Meter Höhe der pO2 stärker abfällt als bei maximaler fahrrad­ergometrischer Belastung. Bei fallendem Druck dehnen sich Gase entsprechend dem Boyle-Mariott‘schen Gasgesetz aus: bei einem Kabinendruck entsprechend 2.500 Meter um etwa 40 Prozent. Dies nimmt der Gesunde als Druck in den Ohren oder im Magen wahr.

Ernsthafte Gefahr durch Gasausdehnung

Bei Patienten unmittelbar nach einer Operation am geöffneten Thorax mit noch verbliebener Luft in der Brusthöhle kann diese Gasausdehnung zu ernsthaften Problemen führen. Patienten nach einer Bypass- oder Herzklappen-operation sollten demnach zwei bis vier Wochen lang keine Flugreise antreten. Probleme kann auch die verminderte Löslichkeit von Gasen bei Abfall des Drucks in einer Flüssigkeit bereiten. Stickstoffembolien sind als Caisson‘sche oder Taucherkrankheit bekannt. Normalerweise reicht der Druckabfall bei Flügen nicht aus, um zur Freisetzung von Stickstoff im Blut beizutragen. Schwierigkeiten können jedoch auftreten, wenn Taucher kurz nach einem Tieftauchgang die Rückreise im Flugzeug antreten. Hier kann es verzögert zur Luftembolie kommen. Die physiologische Adaptation an den Druckabfall in der Flugkammer besteht in einer Zunahme von Herzfrequenz und Herzzeitvolumen sowie einer Vasodilatation, im Extremfall einer Zentralisierung des Blutes. Die reflektorische Tachykardie zusammen mit dem Abfall der Sauerstoffsättigung des Blutes kann theoretisch zu einer Zunahme von Herzrhythmusstörungen und myokardialen Ischämien führen. Der zweite wichtige Adaptationsmechanismus ist eine pulmonalarterielle Vasokonstriktion bei Abnahme des alveolären pO2. Auch dies kann bei Patienten mit COPD und/oder pulmonalarteri-eller Hypertonie verhängnisvoll sein. Wiederum in der Druckkabine konnte gezeigt werden, dass bei COPD-Patienten bei Abfall des Luftdrucks entsprechend einer Höhe von 2.500 Meter der pulmonalarterielle Druck auf das Zwei- bis Dreifache ansteigt.

Gesicherte Studiendaten

Bei 38 Patienten wurden zwei Wochen nach einem Myokardinfarkt Rückverlegungsflüge in ihre Heimatkrankenhäuser unter Monitorkontrolle durchgeführt. Ein Patient hatte während des Fluges eine Myokardischämie, ein Patient zeigte eine vorübergehende ST-Depression, zwei Patienten gaben Thoraxschmerzen an, fünf zeigten komplexe ventrikuläre Extrasystolen oder eine selbstlimitierende Tachykardie und fünf weitere einen Abfall der Sauerstoffsättigung unter 90 Prozent. In keinem Fall wurde eine medizinische Intervention erforderlich. Die Gabe von Sauerstoff hatte keinen Einfluss auf das Befinden. Hieraus wurde gefolgert, dass Fliegen zwei Wochen nach einem Myokardinfarkt sicher ist. Ein ähnliches Ergebnis erbrachte eine Studie an 21 Israel-Touristen, die 18 plus/minus 11 Tage nach einem akuten Koronarsyndrom nach Europa oder Amerika zurückflogen. Die Patienten hatten entweder einen Myokardinfarkt erlitten oder waren wegen einer instabilen Angina pectoris oder wegen einer LV-Pumpfunktionsstörung 9,8 plus/minus 5 Tage stationär behandelt worden. Bei 13 Patienten war in dieser Zeit eine Koronarangiographie, bei sieben eine Koronarintervention und bei fünf eine Bypassoperation durchgeführt worden. Die mittlere Dauer des Rückflugs betrug 12,5 plus/minus 3 Stunden. Zwei Monate nach dem Rückflug waren 17 von 21 Patienten asymptomatisch und ohne erneute Hospitalisierung geblieben, bei zwei Patienten war erneut eine Angina pectoris aufgetreten bzw. eine Rehospitalisierung erforderlich geworden. Ein Patient war in der Zeit zwischen dem Rückflug und der Nachfrage gestorben. Auch aus diesen Angaben wurde gefolgert, dass Flugreisen zwei Wochen nach einem Herzinfarkt oder Koronarsyndrom angetreten werden dürfen.

Herzrhythmusstörungen

Komplexe Herzrhythmusstörungen und atrioventrikuläre Überleitungsstörungen können unter Abfall des pO2 zunehmen. Es kann daher sinnvoll sein, diese Patienten vorher einem Hypoxietest zu unterziehen. Patienten mit instabilen Rhythmusstörungen, mit einer dekompensierten Herzinsuffizienz oder einem akuten Koro-narsyndrom gehören nicht in ein Flugzeug. Für während des Fluges auftretende maligne Rhythmus-ereignisse, vor allem tachykarde Rhythmusstörungen, wird heute durch die Ausrüstung von Passagierflugzeugen mit automatischen elektrischen Defibrillatoren vor-gesorgt, allerdings nicht bei allen Flügen, denn deren Vorhandensein an Bord ist nicht vorgeschrieben.

Stress beim Einchecken

Die australischen Qantas-Air- lines verfolgten über einen Zeitraum von 65 Monaten 31 Millionen Passagiere, die zusammen 210 Milliarden Passagiermeilen zurückgelegt hatten. Während im Flughafen ventrikuläre Tachykardien und Kammerflimmern überwogen, traten im Flugzeug selbst häufiger bradykarde Rhythmusstörungen inklusive ventrikulärem Ersatzrhythmus und Asystolie auf. Während des Beobachtungszeitraums kam es zu 27 plötzlichen Todesfällen im Flugzeug und 19 in Flughäfen. Demnach stellt nicht nur der Flug selbst, sondern auch die Anreise zum Flughafen, der Check-in und der Weg in das Flugzeug für Herzpatienten eine Belastung dar. Sie sollten also möglichst ihr Gepäck transportieren lassen und für die Zeit bis zum Start mehr Spielraum einplanen, um Hektik und damit körperliche Überanstrengung zu vermeiden. Eine Besonderheit stellen Patienten nach Herztransplantation dar. Zwar erlaubt die Klima- und Filtertechnik in modernen Flugzeugen einen häufigen Luftaustausch und garantiert einen hohen Reinheitsgrad der Kabinenluft, dennoch ist ein gewisses Infektions-risiko für immunsupprimierte Patienten im Flugzeug nicht auszuschließen.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben