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Innere Medizin 7. Oktober 2005

Damit Ihre PatientInnen wieder gesund auftauchen

Das Freizeit- oder Sporttauchen erfreut sich großer Beliebtheit. Bevor es unter Wasser geht, wird von guten Tauchschulen eine gründliche medizinische Untersuchung gefordert. Diese Tauchtauglichkeitsuntersuchung ist nicht in allen Ländern gleich, und die Sprachbarrieren stehen einer guten medizinischen Beratung vor Ort oft im Weg. Umso mehr sollte der Hausarzt den Tauchsportler kompetent beraten können.

Das Verständnis für die besonderen Risiken beim Aufenthalt unter Wasser setzt die Kenntnis der physiologischen und pathophysiologischen Grundlagen des Tauchens voraus. An der Wasseroberfläche herrscht in Meereshöhe ein Atmosphärendruck von einem bar. Der auf den Taucher einwirkende Umgebungsdruck erhöht sich zusätzlich zum Oberflächendruck pro zehn Meter Wassertiefe um ein bar. Der Taucher atmet dabei aus einem Tauchgerät über einen Lungenautomaten Pressluft mit einem Druck ein, der dem jeweiligen Umgebungsdruck unter Wasser entspricht. Bei einem üblichen Tauchgang befindet sich der Sporttaucher 40 bis 60 Minuten unter Wasser. Gefahren entstehen beim Tauchen sowohl aus dem Absolutdruck als auch aus den Druckdifferenzen beim Auf- und Abtauchen. Der Taucher unterliegt dabei den Gesetzmäßigkeiten des Boyle Mayott’schen Gesetzes (p x v = konstant). Beim Menschen hat dies besondere Bedeutung für die gasgefüllten Hohlräume (Lunge, Nasennebenhöhlen).

Flaschentauchen

Bei Atmung über den Lungenautomaten eines Tauchgeräts passt sich der Atemgasdruck dem Umgebungsdruck an. Beim Abtauchen wird der Taucher durch den zunehmenden Druck auf dem Trommelfell an die Notwendigkeit des Druckausgleichs erinnert. In zehn Metern Tiefe benötigt der Taucher das Doppelte des an der Oberfläche eingeatmeten Luftvolumens. Daraus folgt ein mit zunehmender Tiefe steigender Atemgasverbrauch und die Notwendigkeit, das überschüssige Gas beim Auftauchen wieder abzuatmen. Da der absolute Druck beim Abtauchen alle zehn Meter linear um ein bar zunimmt, sind die relativen Druckänderungen nahe der Wasseroberfläche am ausgeprägtesten. Entsprechend sind die druckbedingten Risiken in der Nähe der Wasseroberfläche am größten. Ein besonderes Risiko besteht im Bereich der starr umwandeten gasgefüllten Hohlräume des Körpers (Pauken-, Nasennebenhöhle). Da bereits in drei Metern Tiefe ein Druckunterschied von 0,3 bar zwischen dem äußeren Gehörgang und der Paukenhöhle besteht, genügt eine Tauchtiefe von wenigen Metern, um bei nicht durchgeführtem Druckausgleich das Trommelfell zum Zerreißen zu bringen.

Dekompressionserkrankung

Gase lösen sich in Flüssigkeiten und im Gewebe nach dem Gesetz von Henry entsprechend ihrem Partialdruck und dem Löslichkeitskoeffizienten. Dies bedeutet, dass der Mensch unter normalen Umgebungsbedingungen von jedem in der Atemluft vorhandenen Gasanteil eine dem Partialdruck entsprechende Menge im Blut sowie in allen Körpergeweben gelöst enthält (an der Oberfläche 0,21 bar Sauerstoff, 0,78 bar Stickstoff, 0,1 bar sonstige Gase). Taucht man in eine Tiefe, die einer Partialdruckverdopplung entspricht, so verdoppelt sich auch die in Blut und Geweben gelöste Gasmenge. Umgekehrt wird diese beim Auftauchen wieder frei. Taucht man zu schnell auf, kommt es im Gewebe zu einer Übersättigung und damit zur Möglichkeit einer gefährlichen Gasblasenbildung, einer Dekompressionserkrankung.
So findet sich nach einem längeren Tauchgang noch nach Stunden physikalisch gelöster Stickstoff im Fettgewebe. Dieser Stickstoff kann bei Druckverminderung (Höhenaufenthalt oder Flugreise) noch nach Stunden zur Bildung von Gasblasen im Blut führen. Beim Heimflug aus dem Tauchgebiet entsteht durch den niedrigen Kabinendruck eine weitere Dekompression. Vor dem Rückflug muss daher für mindestens 24 Stunden auf Tauchgänge verzichtet werden. Das Manual Tauchtauglichkeit (www.danshop.com/books.html), ein gemeinsames Werk der deutschen (GTÜM), österreichischen (ÖGTH) und Schweizer (SGUHM) Gesellschaften für Tauch- und Überdruckmedizin, fasst die Erfahrungen der drei Fachgesellschaften zusammen und gleicht die Standards und Richtlinien für die Tauchtauglichkeit in den drei Ländern an.
Für das Sporttauchen gibt es derzeit keine gesetzliche Regelung und keine verbindliche ärztliche Untersuchung. Aus rechtlichen Gründen fordern jedoch fast alle Tauchsportorganisationen eine aktuelle Tauchtauglichkeitsuntersuchung. Eine auffällige Anamnese oder ein klinischer Befund kann weitere Diagnostik erfordern. Sonst wird dem Taucher nach der Untersuchung ein Zeugnis ausgestellt, das bestätigt, dass keine relevanten Kontraindikationen für den Tauchsport vorliegen. Entscheidender Bestandteil der Tauchtauglichkeitsuntersuchung ist eine Beratung grundsätzlicher Art sowie bei Kandidaten mit eingeschränkter Tauchtauglichkeit Weisung über ein sicheres Tauchverhalten. Für Sporttaucher ist die kardiopulmonale Leistungsfähigkeit der entscheidende Beurteilungsfaktor, weshalb nach dem 40. Lebensjahr zur Beurteilung eine Ergometrie durchgeführt werden muss.

Herz, Lungen und Ohren

Nach dem Ausschluss von Herz-Kreislauf-Erkrankungen (siehe Tabelle) soll durch Belastungstests gesichert werden, dass eine ausreichende Leistungsfähigkeit besteht. Lungenerkrankungen sowie anatomische Varianten im Respirationstrakt können zu deletären Zwischenfällen führen. Deshalb gilt es, Krankheiten und Anomalien, die zu Barotraumen prädestinieren, mittels einer Lungenfunktionsprüfung möglichst als Flussvolumendarstellung zu erkennen. Beim Tauchen mit Druckluft-Tauchgeräten ist die Gefahr eines Lungenbarotraumas ein tatsächlich dramatisches Ereignis und gleichzeitig die häufigste Ursache für tödlich verlaufende Unfälle. Die Prüfung der Tubenfunktion ist bei jeder Tauglichkeitsuntersuchung durchzuführen, da auch hier die insuffiziente Druckausgleichmöglichkeit zu Barotraumen führen kann.

Stoffwechselerkrankungen

Die Frage der Tauglichkeit bei Diabetes wird in der Tauchmedizin kontrovers beurteilt. Die Gefahr liegt im Auftreten hypoglykämischer Zustände unter Wasser. Voraussetzung der Tauchtauglichkeit:

  • keine Gefäßveränderungen
  • Mitführen einer Glukosequelle
  • Tauchpartner sowie Tauchausbilder über die Erkrankung informieren Taucher mit Diabetes bedürfen einer individuellen Beratung durch einen kompetenten Tauchmediziner.

Wiederholung der Untersuchung Die Tauchtauglichkeitsuntersuchung soll bei Tauchern unter 40 Jahren alle drei Jahre, ab dem 40. Lebensjahr jährlich erfolgen. Unfälle entstehen nahezu ausschließlich durch Leichtsinn, Selbstüberschätzung und mangelhafte Ausbildung.

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