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Zuviel Last lässt nicht nur Karosserien ächzen und Motoren heißlaufen, sondern auch Köpfe rauchen. Passiert dies einem Fernfahrer, so hat der allerdings die schlechteren Karten als der Kollege im Büro, der die Frachtlogistik plant.
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Eine Migräne kann auch Ausdruck einer zentralen Reizverarbeitungsstörung sein. Dann werden einströmende Reize bei Überbeanspruchung inadäquat kanalisiert.

 
Innere Medizin 12. September 2016

Migräne und soziales Prestige

Kopfschmerz wird abhängig vom Beruf unterschiedlich gedeutet. Auf dem Bau ist er verpönt, im Büro dagegen sozial akzeptiert.

Schmerzen werden in sozialen Interaktionen artikuliert und moduliert und repräsentieren je nach Sinnzuweisung sowohl Normen und Praktiken kultureller Milieus als auch die Abweichungen davon. Aus diesem Grund berühren Schmerzen das Verhältnis des Einzelnen zu den Anderen, indem sie den physischen Körper zu einem sozialen Körper machen und mit anderen Menschen und Dingen verknüpfen.

Im Schmerz schreibt sich Gesellschaft in den einzelnen Körper ein, Schmerz macht gesellschaftsfähig und sozialisiert. Gerade weil Schmerz eine Universalie ist, besitzt er die Eigenschaft, dem Einzelnen seinen Platz im gesellschaftlichen Miteinander zuzuweisen. Nur wenn der Körper für die geforderten Aktivitäten trainiert ist, können diese auch erfolgreich ausgeführt werden.

Schmerz hat eben nicht nur eine physiologische Warnfunktion, die eine angemessene und lebenserhaltende Reaktion auf noxische Reize ermöglicht, er ist auch ein Medium, mit dem der soziale Zusammenhalt arrangiert wird.

Das gilt auch für Sozialisationsprozesse in der Schmerzmedizin, in der soziale Positionierungen durch das Etikett „chronische Schmerzen“ repräsentiert werden. Damit ist ein Blick über die medizinische Deutung von Schmerzen hinaus notwendig, mit denen Deutungslogiken und Wirkungen von Krankheitsetiketten zu untersuchen sind.

Die strukturalistische Inkorporierungstheorie Bourdieus geht davon aus, dass Inhaber von Positionen in der sozialen Struktur Körpereinsatz und Körperdeutungen habitualisieren: Die Notwendigkeiten von Reproduktionsbedingungen („Wie und unter welchen Umständen verdiene ich meinen Lebensunterhalt?“) verlangen jeweils einen typischen Gebrauch des Körpers („Wie muss mein Körper für diese Tätigkeiten beschaffen sein?“), der dementsprechend gedeutet und „trainiert“ wird.

In der vorliegenden Untersuchung wurden Angehörige von Produktionsberufen (Arbeiter, Handwerker und Landwirte) sowie von Dienstlesitungsberufen (Büroangestellte, Verkaufsberufe, medizinische Berufe, Sozial-, Erziehungs- und Wissensberufe) gegenübergestellt. Entscheidend für die Zuordnung zu einem Berufssegment ist die vorwiegende Körpernutzung durch körperlich-mechanische bzw. kommunikativ-emotionale Beanspruchungen.

Untersucht wurden Deutungen des Kopfschmerzes, die sich aus den jeweiligen Belastungsformen ergeben. Diese Alltagsdeutungen werden mit medizinischen Expertendeutungen kontrastiert, die Patienten in der schmerzmedizinischen Versorgung kennenlernen. Es werden keine statistisch-epidemiologischen Quantifizierungen vorgestellt, sondern prominente Sinngebungen von Schmerzen extrahiert.

Zur Untersuchung von Einstellungen, Normen und Darstellungen bei Kopfschmerzen und Migräne wurden Personen interviewt, die ihrer Kopfschmerzen wegen in Behandlung sind. Bei der Auswahl der Interviewpartner wurde auf die Variation sozialstruktureller Merkmale (Geschlecht, Alter, Beruf, Bildung) geachtet, um Kontrastierungen der Deutungsmuster zu ermöglichen.

Interviews mit Schmerzpatienten

Um möglichst große Kontraste der Medikalisierungserfahrungen, der Schmerzeinstellungen sowie der Häufigkeit und Intensität von Kopfschmerzen zu erheben, wurden Patienten in 3 Schmerzkliniken (n = 24), einer psychosomatischen Klinik (n = 13) sowie aus der ambulanten Versorgung (n = 12) in 1- bis 1,5-stündigen Interviews befragt. Mit 14 Interviewpartnern wurde am Wohnort ein zweites Interview durchgeführt, bei 16 Interviewpartnern wurden auch nahe Angehörige befragt. Die Altersspanne der Patienten betrug 22 bis 68 Jahre, unter den 49 befragten Patienten waren 12 Männer.

Die qualitative Befragung gab Auskunft über Schmerzerfahrungen und alltägliche Umgangsformen mit Schmerzen sowie deren Kontextualisierung in der Alltagswelt, in biografischen Projekten sowie in Arbeit und Familie. Für die inhaltsanalytische Auswertung der Interviews orientierend war die Deutung von Kopfschmerzen in Bezug auf die Arrangierung und Gestaltung des Alltags. Vorgestellt werden Handlungs- und Deutungsmuster, die nach Handlungskontexten und Belastungsformen variieren. Die Ergebnisse werden anhand von Ankerbeispielen (Zitate und paraphrasierte Fallgeschichten) aus den Interviews herausgearbeitet. Alle Klarnamen wurden pseudonymisiert.

In den Interviews mit Angehörigen der Produktionsberufe gibt es viele Aussagen, in denen Kopfschmerzen in Verbindung mit körperlichen Belastungen gebracht werden. Herr Richter (48 Jahre alt, Handwerksmeister) berichtet von starken Kopfschmerzen in seiner Kindheit und Jugend, mit denen er als Lehrling regelmäßig weitergearbeitet hat. Frau Gerhold (68 Jahre alt, verschiedene Tätigkeiten) wuchs auf einem Bauernhof auf: „Ich musste als Kind viel arbeiten und da hatt‘ ich auch schon viel Kopfschmerzen.“ Informanten, die die Kriegs- und Nachkriegszeit bewusst erlebt haben, kontextualisieren ihre Kopfschmerzen neben harter Arbeit auch mit Mangelerfahrungen und Erfahrungen existenzieller Nöte.

Schmerzertragen wird als Schmerzignorieren betrieben, es hilft Ablenkung, und man geht wegen der Schmerzen nicht zum Arzt und schon gar nicht wegen Kopfschmerzen. Körperliche Tätigkeiten, mit denen man sich stark identifiziert, sind erfolgreich zu erfüllen, und der Körper wird auf die Beanspruchungen hin trainiert. Sie sind Schmerzursache und zugleich Heilmittel. Schmerz ist die Münze, mit der Erfolg, Identität und Zugehörigkeit bezahlt wird, und eine Investition, die auf soziale Gewinne hoffen lässt. Das Ertragen von Schmerzen symbolisiert die typischerweise in Produktionsberufen geforderten Eigenschaften von Körpereinsatz, Kraft, Mut, Entschlossenheit und Durchhaltevermögen. Ethnografische Studien zeigen regelmäßig, dass die Untersuchten ein positives Verhältnis zu Schmerz haben.

Die typischen Schmerzen harter Arbeit sind allerdings nicht Kopfschmerzen, sondern Schmerzen des Rückens oder der Gelenke, die die Deutungsfolien bilden, vor denen die Kopfschmerzen bewertet werden. So führt Frau Gerhold auch einen „Knick in der Wirbelsäule“ an, um ihre Schmerzsymptome, einschließlich ihrer Kopfschmerzen, einzuordnen. Von Frauen wird erwartet, weniger schwere Arbeit zu verrichten, und sie können ihre Kopfschmerzen mit weiblichen Rollenbildern, v. a. im Zusammenhang mit Menstruationsschmerzen, plausibilisieren. Männer assoziieren Kopfschmerzen hingegen mit Verweichlichung, wie das Beispiel von Herrn Hintze zeigt:

Herr Hintze (50 Jahre alt, Feuerwehrmann) lehnt die Migränediagnose, die ihm seine Ehefrau und sein Hausarzt nahelegen, ab. Für ihn resultieren seine starken Kopfschmerzen aus dem erheblichen Alkoholkonsum. Im Stillen befürchtet er einen Hirntumor, geht deswegen aber nicht zum Arzt. Stattdessen lässt er seine Weisheitszähne extrahieren.

Kopfschmerzen, insbesondere in der diagnostizierten Form der Mi-gräne, sind in den Produktionsberufen nicht anerkannt, sie haben kein Pendant zu für typisch gehaltenen Belastungen, und sie zeigen keinen messbaren Körperverbrauch an. Sie spielen, auch bei stärkerer Intensität, im Schmerzspektrum eine untergeordnete Rolle. Man findet Alltagserklärungen in unspezifischen stofflichen und mechanischen Belastungen: Es wurde zu viel Alkohol getrunken oder zu wenig Flüssigkeit zu sich genommen, der Hals hat sich verrenkt, am Kopf wurde sich verletzt. Frauen berichten von Kopfschmerzen während der Menstruation oder davon, Ernährungszusätze nicht zu vertragen. Selbst wenn der Körpereinsatz auf den Arbeitsstellen zunehmend eine geringere Bedeutung hat, sind doch die älteren robusten Körperbilder habitualisiert.

Schmerz und Gefühlsarbeit

Kontrastierend zu den Produktionsberufen werden in den Dienstleitungsberufen Kopfschmerzen in einen kommunikativ-emotionalen Kontext gesetzt. Frau Schildbauer (53 Jahre, Psychologin) deutet sich als „kopflastigen Menschen“. Ihre Migräneanfälle geben ihr das Gefühl, „ich verblöde so ein bisschen im Kopf, weil das Denken mir schwerfällt. Ich kann nicht lesen, Unterhalten ist ziemlich schwer, das Zuhören anstrengend, und das Selbersprechen fällt mir schwer“.

In den Dienstleistungsberufen werden Kopfschmerzen als eigenständige Schmerzart angesehen und gehen nicht im Körperschmerzgeschehen auf. Die personenbezogene Dienstleistungsarbeit erfordert umfangreiche kommunikative und emotionale Kompetenzen. Sozialarbeiter, Telefonistinnen in Callcentern, Lehrer, Pflegekräfte, Erzieherinnen und Verkäufer müssen die Gefühle und Motive ihrer Gegenüber mitbedenken, sich in sie hineinversetzen und strategisch in ihre eigenen Handlungskalküle aufnehmen. Auch die konventionellen Bürotätigkeiten sind zunehmend projekt- und teambezogen organisiert und erfordern kontinuierliche kommunikative Abstimmungen. Um ihre Aufgaben zu erledigen, werden situationsangemessene Gefühle bei Klienten hervorgerufen, wozu an den eigenen Gefühlen gearbeitet wird, die authentisch darzustellen sind. Der Optimismus des Krankenpflegers, die Freundlichkeit der Verkäuferin, aber auch die Autorität der Lehrerin sollen nicht nur ausgestrahlt, sondern tatsächlich empfunden werden.

Zunahme der Empfindlichkeit

Gefühlsbezogene Tätigkeiten setzen eine hohe Reflexionsfähigkeit für soziale Situationen, Umweltreize, Stimmungen und Wahrnehmungen des eigenen Körpers voraus. Die Empfindlichkeit dafür bezieht sich nicht auf die Schwellen, an denen Empfindungen und Missempfindungen physisch wahrgenommen werden, sondern auf deren Deutungen, Bewertungen sowie auf Ausdrucksnormen und -fähigkeiten.

Eine robuste Empfindlichkeit heißt nicht, dass Schmerzen nicht gespürt werden, so wie auch eine hohe Empfindlichkeit nicht bedeutet, dass Schmerzen nicht ertragen werden. Bei höherer Empfindlichkeit macht man sich nur größere Sorgen um seinen Körper, geht geringere Risiken ein und wägt Belastungen ab.

Bei Angehörigen der Dienstleistungsberufe gilt der Körper generell als fragiler als bei Angehörigen der Produktionsberufe und wird mit größerer Aufmerksamkeit beachtet. So spürt man keine diffusen Kopfschmerzen, sondern beschreibt in den Interviews, wie und wann sie auftreten, mit welchem Verlauf und in welcher Intensität. Vor allem werden Auslöser in Umweltreizen sowie in Gefühlen und Stimmungen gesehen, wie etwa das Beispiel von Herrn Bettenhausen zeigt:

Herr Bettenhausen (49 Jahre alt, Lehrer) berichtet über einen Migräneanfall bei der Autofahrt mit Kollegen: „Dann saßen wir da in einem Auto, die dünsten ja auch ein bisschen aus. Also da ist ja nicht so eine tolle Luft drin.“ Sein Kollege hatte „von so einer Naturschutzfrau ziemlich einen auf den Deckel gekriegt. Die Stimmung war also irgendwie ein bisschen gedrückt, und da hatte ich das erste Mal so richtig Kopfschmerzen.“

Erinnert werden nicht nur Art und Intensität der Schmerzen, ihr Auftauchen und Verschwinden, sondern auch die beteiligten Personen und deren moralische Zuschreibungen, Stimmungen und Gefühle wie Aufregung und Gereiztheit oder sinnliche Wahrnehmungen.

Schmerzen erhalten emotionale, sinnliche und atmosphärische Konnotationen und werden in sozialen Situationen kontextualisiert. Mit den kognitiven und emotionalen Fähigkeiten sowie dem nötigen Spürsinn in den Dienstleistungsberufen bekommen Kopfschmerzen oft den elaborierten Deutungscode der Migräne, die als Erkrankung starker Reizanfälligkeit gilt. In den Produktionsberufen gibt es diese Deutung weniger, da das Belastungsgegenüber physisch und gegenstandsorientiert ist und im geringeren Umfang im Management sozialer Situationen besteht. Migräne ist dort ein fremdes und bedrohliches Schmerzetikett, das die normativen Voraussetzungen der Bezugsgruppe angreift. In Dienstleistungsberufen dagegen festigt Migräne als eine gruppentypische Abweichung gerade die normative Basis, sie folgt dem kognitiv-emotionalen, körperlosen Kommunikationscode und bildet die entsprechenden Belastungen ab.

Üblicherweise wird die Medizin nicht als ein soziales Milieu betrachtet, dennoch ist auch sie eine Kultur mit eigenen Deutungsangeboten und Praxisnormen, die für viele Patienten alltäglich und lebensbestimmend sind. Das hat auch Konsequenzen für Schmerzvorstellungen:

In den Handlungslogiken des Alltags werden Schmerzen an Belastungen und Leistungsanforderungen relativiert. In der Medizin aber müssen Schmerzen vorgeführt werden, sollen sie diagnostisch relevant sein und ihnen ein Krankheitswert zugewiesen werden.

Bei einem Teil der Patienten, u. a. denjenigen, die als „chronische Schmerzpatienten“ bezeichnet werden, habitualisiert sich in den unentwegten Therapeutenkontakten der Schmerzausdruck, und Schmerz geht nach der Behandlung nicht mehr im Alltag auf.

Zunächst schließen in der ambulanten Versorgung Hausärzte und Neurologen noch an alltagsweltliche Vorstellungen an. Diese Medizin sieht die Kopfschmerzpatienten ganz konventionell als Symptomträger, denen Schmerzmittel zu verschreiben sind und denen ein paar Ratschläge zur Lebensführung mitgegeben werden, ansonsten halten sich die Ärzte zurück. Dennoch werden die vorher unspezifischen Kopfschmerzen als Migräne plausibilisiert, oder Patienten und Ärzte festigen die bereits vorhandenen Deutungsmuster von Migräne. Im Deutungskosmos der Patienten wird mit dem Arztkontakt aus einem Alltagsleiden eine ernst zu nehmende Erkrankung. Wenn Patienten in die schmerzspezialisierte Versorgung eintreten, übernehmen sie die dort vorgefundenen Kopfschmerzdeutungen. Die neuen Wissensbestände werden entsprechend des beruflichen Habitus‘ aufgenommen.

Kopfschmerz wird umgedeutet

Für Patienten aus den Produktionsberufen gehören Kopfschmerzen nicht zu den üblich akzeptierten Abweichungen und beschädigen deren Identität. Der Eintritt in die schmerzmedizinische Versorgung hebt aber gerade dieses beschädigende Merkmal hervor; gleichzeitig ist die Pathologisierung ein Deutungsangebot, mit dem beschädigte Identität repariert werden kann.

Herr Hintze ist ein Beispiel für die Umdeutung seiner Kopfschmerzen in einer biografisch problematischen Situation:

Als sein Alkoholismus auf der Arbeitsstelle auffällt und eine Entlassung droht, macht er einen Entzug und wird tatsächlich abstinent. Im gleichen Zeitraum liest er einen Zeitungsbericht über Clusterkopfschmerzen, woraufhin er seine Symptome mit dieser Etikettierung versieht und Schmerzspezialisten konsultiert. Auf der Arbeitsstelle macht er seine Clusterkopfschmerzen nun öffentlich und erreicht eine Gleichstellung mit dem Behindertenstatus, die seinen Arbeitsplatz auf Dauer sichert. Der Feuerwehrmann, der früher mit seinen Kameraden regelmäßig trinken gegangen ist, hat sich nun auf die stärkste aller Kopfschmerzformen festgelegt. Diese Umdeutung wird durch medizinische Diagnosen und Interventionen erst ermöglicht und sichert seine männliche Identität in einem körperbetonten Milieu. Das bedeutet aber auch, dass Herr Hintze dauerhaft das Etikett „Clusterpatient“ beansprucht, um diese Identität weiterhin aufrechtzuerhalten.

Identität des Aufsteigers

Die Medikalisierung der Kopfschmerzen korrespondiert mit lebensgeschichtlichen Einschnitten und der Veränderung sozialer Positionierungen. Auch für Herrn Richter sichern Kopfschmerzen eine Identität, diesmal allerdings die Identität des Aufsteigers:

Herr Richter, der aus „einfachen Verhältnissen“ stammt, steigt zu einem wohlhabenden selbstständigen Handwerksmeister auf. Seine normative Orientierung ist gutbürgerlich, mit einem traditionellen Familienideal, er präsentiert sich als „Familienmensch“ mit einer hohen Arbeitsethik. Bei einer „70-Stunden-Woche“ lässt sich beides jedoch nicht vereinbaren. Tatsächlich ist er kaum zu Hause, und wenn doch, hat er immer mal wieder eine sonntägliche Migräne, von der er am nächsten Morgen wieder genesen ist.

Obwohl er schon seit seiner Kindheit mit den Kopfschmerzen lebt und medizinische Deutungsangebote auch in früheren Lebensphasen greifbar waren, begibt sich Herr Richter erst im Alter von 30 Jahren in intensivere neurologische Betreuung und versucht verschiedene Alternativtherapien. Die Migräne kontex-tualisiert er im Zusammenhang mit seiner Handwerkstätigkeit und den emotionalen Idealen einer bürgerlichen Familie: Er rekurriert auf die Eigenschaften von Migränikern, die „feinfühlig, sensibel, pflichtbewusst“ sind und „ein Gewissen“ haben.

Einstellungen ändern sich

Diese medizinpsychologisch unterstützte Deutung der Migräne repräsentiert seinen sozialen Aufstieg auf der Basis harter Arbeit. Das Beispiel von Herrn Richter zeigt auch, dass sich Einstellungen zu Schmerzen ändern, wenn sich Bezugsgruppen und Lebensverhältnisse ändern. Mit seinem sozialen Aufstieg werden dann auch Einstellungen der Empfindlichkeit übernommen, die typisch für Dienstleistungsberufe sind.

In den Schmerzkliniken setzt sich das Lernprogramm aus der ambulanten Versorgung mit einem anspruchsvolleren Lernstoff fort. Zunächst bildet sich eine gemeinsame Schmerzsprache heraus.

Frau Gude (41 Jahre alt, Modefachverkäuferin) fühlt sich schon in der ersten Konsultation vom Klinikarzt verstanden, der ihre Aurasymptome entziffert: „Ah, Kaleidoskop-Sehen, meinte der Arzt. Und da habe ich gedacht: Ok, die wissen, wovon sie reden.“ Auf dieser Grundlage des einvernehmlichen Verstehens bildet sich in verhaltensmedizinischen Schulungen und Edukationsprogrammen zunehmend eine Verständigung auf der Ebene medizinischen Expertenwissens heraus. Neurophysiologische Wissensbestände gehen in Laientheorien der Patienten ein, wie am Beispiel des „Migräne- Gehirns“ dargestellt wird, ohne dabei deren naturwissenschaftliche Evidenz diskutieren zu können.

Das Migränehirn

Typisch dafür ist der Fallverlauf von Frau Klabusch (29 Jahre alt, Sachbearbeiterin), die ihre Migräne als eine Störung der Reizverarbeitung im Gehirn erklärt. Ihr Gehirn ist bei Stresssituationen schnell überlastet, weil ihr ein „Filter fehlt“, um einströmende Reize zu kanalisieren, und reagiert bei Überbeanspruchung mit einem Migräneanfall. Aufgrund ihrer Reizverarbeitungsstörung seien Mi-gränepatienten sinnesempfindlich, perfektionistisch und überdurchschnittlich leistungsorientiert, sagt man im Krankenhaus.

Die neue Migränetheorie auf Basis neurophysiologischer Konzepte hat eine durch Experten beglaubigte Legitimationswirkung als Etikett einer elitären Erkrankung. Sie ändert den Fokus des Migränehandelns weg vom Drama der Schmerzen hin zu ihrer Vorbeugung. Damit aber gibt es keinen Alltag mehr jenseits der Migräne, denn jede Situation kann potenziell als stressbelastet und damit einen Migräneanfall auslösend bewertet werden.

Um ihr Gehirn zu entlasten und einen Migräneanfall zu vermeiden, müssten Patienten das Stressaufkommen minimieren, also etwa lernen, sich zu entspannen, nicht alle Aufgaben, denen sie sich verpflichtet fühlen, zu übernehmen, loszulassen und Nein zu unangemessenen Anforderungen zu sagen. Typisch für das Lernergebnis von Patientenedukationen ist das Motto von Frau Klabusch: „Müssen tue ich gar nichts.“

Damit allerdings individualisiert das psychologisch ausgerichtete Behandlungsprogramm die Patienten und entwertet die Alltagsdeutungen der Migräne und der starken Kopfschmerzen als Indikator für verausgabte Leistungen. Der Patient selbst wird in den Mittelpunkt des Schmerzgeschehens gestellt, indem seine Einstellungen, Erwartungen, Motive, Intentionen und Gefühle hinterfragt werden.

Für Angehörige der Dienstleistungsberufe sind die neuropsychologischen Stressvorstellungen anschlussfähig, da sie die dort vorhandenen Vorstellungen von Subjektivität und Emotionalität aufnehmen. Vor dem Hintergrund der Betonung der Individualität der Patienten sind die signifikanten Anderen und die Bezugsgruppen dann nur noch „Umwelt“, die entweder stört oder die Migräne nicht versteht. Kopfschmerzen werden zunehmend weniger als etwas gesehen, das in den sozialen Beziehungen verankert ist.

Medikalisierter Lebensstil

Szientistische Migränedeutungen und therapeutische Interventionen können durchaus erfolgreich sein, wenn es gelingt, in Beruf, Familie und Freizeit einen migränekonformen, medikalisierten Lebensstil durchzusetzen. Dazu müssen die medizinischen Deutungen nicht nur vom Patienten aufgenommen, sondern auch in den alltagsweltlichen Bezugsgruppen akzeptiert und mitgelebt werden. Anerkennung bekommt ein Migränepatient allerdings dann nicht mehr für Leistungen und Belastungen, sondern für das Überstehen des Migräneanfalls, aber v. a. für dessen Vermeidung.

Die Schmerzmedizin stattet ihre Patienten mit Identitätsgerüsten und -angeboten aus. Das wird akzeptiert, wenn die neuen Handlungsrezepte Erwartungssicherheit geben. Allerdings ist die Migränemedizin damit nicht erfolgreich, wenn die signifikanten Anderen die neuen Ansprüche nicht akzeptieren und Alltagsnotwendigkeiten sowie medizinische Deutungen konfligieren. In diesen Fällen wird der Teufelskreis von Kopfschmerzen und Alltagsanforderungen zusätzlich verschärft, was zu weiteren sozialen Abweichungen und Fehlanpassungen führt.

Schmerz gehört zum Leben. Das wissen zwar Patienten und Therapeuten, trotzdem steht in der schmerzmedizinischen Behandlung der Krankheitswert der Schmerzen im Mittelpunkt – das lässt sich strukturell vermutlich nicht auflösen. Dennoch wäre es wünschenswert, wenn in therapeutischen Prozessen Alltagssichten und biografische Projekte wieder verstärkt aufgenommen werden, sodass Schmerzen gar nicht erst zum Lebensmotiv werden.

Auch Patientenedukationsprogramme mit ihren Brennpunkten „Stress“, „Stressvermeidung“ und „Umgangsformen“ tendieren dahin, den Krankheitswert zu betonen, und wären kritisch auf ihre lang- und mittelfristigen Auswirkungen in der Alltagswelt zu evaluieren. Strukturell kann Schmerz am ehesten dort relativiert werden, wo Schmerztherapie nicht das hauptsächliche Ziel ist und wo es die geringste programmatische Unterstützung für eine Schmerzidentität gibt: in den niedergelassenen Praxen der Allgemeinmedizin, der Gynäkologie oder der Neurologie. Vielleicht sollte nicht einmal „Schmerztherapie“ auf dem Klingelschild stehen.

Es muss nicht schlechte Medizin oder ein Indiz für Unterversorgung sein, wenn sich Patienten ab und zu ein Rezept für Migränemittel abholen oder einen Migräneanfall zu Hause mit einer Krankschreibung auskurieren und sich ansonsten mit dem Arzt über Alltägliches unterhalten. Das Signal wäre, Migränekopfschmerzen als Teil des Alltags zu belassen. Man arbeitet gemeinsam an der Symptomlinderung, aber auch so beiläufig und so gelassen wie eben möglich. Die ärztliche Kunst der Schmerzbehandlung würde dann darin bestehen, Patienten nicht auf Schmerzidentitäten festzulegen und ihre Schmerzen aber auch nicht zu banalisieren.

Dr. Stefan Dreßke ist Lehrbeauftragter am Institut für Sozial-wesen der Universität Kassel. Der Originalbeitrag„Alltagsdeutungen und medizinische Deutungen von Kopfschmerzen und Migräne“ samt Literaturangaben ist erschienen in der Zeitschrift „Schmerz“ (2016) 30: 333. doi:10.1007/s00482-016-0129-2. © 2016 Springer

Stefan Dreßke

, Ärzte Woche 37/2016

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