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Beliebtes Ziel für Trekkingtouren: Der Kailas in Tibet. Große Höhen werden heute oft recht rasant erreicht.
 
Innere Medizin 5. Juli 2016

Urlaub in großen Höhen

Wenn die gesunde Bergluft lebensgefährlich wird.

Immer mehr Menschen verbringen ihren Urlaub in großen Höhen. Wenn einem da die Luft wegbleibt, liegt das nicht unbedingt am schönen Panorama. Mit einigen Tipps kann dem Höhenurlauber geholfen werden, Höhenkrankheit und Schlimmeres zu vermeiden.

Alpenvereinshütten finden sich meist auf Höhen zwischen 2000 und 2500 Metern. Der Manali-Leh-Highway im indischen Teil des Himalaya, der die beiden Städte Leh – in der Region Ladakh im Bundesstaat Jammu und Kashmir – und Manali – im Bundesstaat Himachal Pradesh – miteinander verbindet, führt über mehrere 4000 und 5000 Meter hohe Bergpässe, die mit regulären Bussen erreicht werden können. Zu vielen touristischen Zielen, sei es zum Skifahren in schneesicheren Gebieten oder zum Trekking, gelangen Urlauber heute bequem mit Fahrzeugen, Liften oder über hoch gelegene Zielflughäfen. Immer mehr Menschen, auch chronisch Kranke, kommen so in große Höhen, oft ohne sich die Zeit für die Akklimatisierung zu nehmen.

2500 Meter gelten als Schwellenhöhe für das Auftreten der akuten Bergkrankheit. „Ab dieser Höhe wird die Akklimatisation wichtiger für die Leistungsfähigkeit“, so Prof. Stephan Sorichter vom Freiburger St. Josefs Krankenhaus. Untrainierte verlieren, so der Pneumologe, ab 1500 Metern Höhe pro 100 Meter zusätzlicher Höhe ein Prozent ihrer maximalen Sauerstoffkapazität. Dies entspricht zehn Prozent Verlust in 2500 Metern Höhe und 25 Prozent weniger in 4000 Metern Höhe.

Krank nach schnellem Aufstieg

Sind das Höhenlungenödem mit einer Prävalenz von bis zu acht Prozent bei Aufenthalt in Höhen über 4000 Metern für mehr als 48 Stunden und das Höhenhirnödem mit einer Prävalenz von weniger als einem Prozent vergleichsweise selten, tritt die akute Bergkrankheit recht häufig auf, nämlich bei jedem fünften Berggeher ab 1900 Metern Höhe, und bei bis 77 Prozent bei Höhen bis knapp 6000 Metern. Sie beginnt typischerweise nach einem schnellen Aufstieg mit Unwohlsein und Appetitlosigkeit. „Rasch kommen als Leitsymptome Kopfschmerzen sowie Übelkeit und Schlafstörungen hinzu“, erklärt Sorichter. Die Schwere der Bergkrankheit lasse sich recht einfach mit dem international gebräuchlichen Lake Louise Symptom Score (LLSS) ermitteln. Darin wird die Schwere der einzelnen Symptome mit jeweils null bis drei Punkten bewertet. Eine Summe von mehr als drei Punkten bestätigt das Bestehen einer akuten Bergkrankheit.

Besser wäre es freilich, es käme erst gar nicht dazu. In der reisemedizinischen Beratung kann man auf die Problematik des raschen Erreichens großer Höhen für den Körper hinweisen und nach der individuellen Prädisposition fragen. Denn mancher hat früher schon einmal Erfahrungen mit der Bergkrankheit gemacht. „Die sinnvollste Prophylaxe ist ein langsamer Höhengewinn“, erklärt Sorichter: „Generell sollte mindestens eine Nacht in einer Höhe von 2000 bis 3000 Metern verbracht werden, oberhalb von 3000 Metern sollte man die Schlafhöhe nicht um mehr als 300 bis 500 Meter pro Nacht erhöhen.“

Höhe nur langsam steigern

Und alle 1000 Meter sei eine zusätzliche Nacht auf gleicher Höhe empfehlenswert. Wer anfällig ist für ein Höhenlungen- oder Höhenhirnödem, sollte die Höhe oberhalb von 2500 Metern noch langsamer steigern, etwa in 300-Metern-Schritten. Wer in großen Höhen wandern oder bergsteigen möchte, kann sich auch vorbereiten, indem er vorher in möglichst hoch gelegenen Alpenhütten übernachtet. Kurze Aufenthalte in Hypoxiekammern dagegen böten bei raschen Aufstiegen in Höhen von über 4000 Metern keinen ausreichenden Schutz, so Sorichter.

Für anfällige Personen empfiehlt sich außerdem die medikamentöse Prophylaxe mit Acetazolamid 125 bis 250 mg zweimal täglich, alternativ bis zu dreimal 4 mg Dexamethason pro Tag. Entsprechend wird dem Höhenhirnödem vorgebeugt. Zur Prophylaxe des Höhenlungenödems werden retardiertes Nifedipin zweimal 30 mg eingesetzt oder PDE-5-Hemmer wie Tadalafil. Dritte Wahl ist Salmeterol. Voraussetzung für die Wirksamkeit der medikamentösen Prophylaxe ist die rechtzeitige Anwendung.

Bei Auftreten von leichten bis moderaten Symptome der Bergkrankheit empfiehlt Sorichter eine symptomatische Therapie und Einhaltung von ein bis zwei Ruhetagen. Dann verschwinden die Symptome der akuten Bergkrankheit in der Regel. Dazu können Paracetamol, Ibuprofen oder Acetazolamid, gegebenenfalls auch Dexamethason angewendet werden. Wichtig: Bevor es weiter nach oben geht, müssen die Symptome vollständig abgeklungen sein, sonst drohen Komplikationen bis hin zum Hirnödem mit potenziell fatalen Folgen.

Bei Hirnödem sofortiger Abstieg

Treten Zeichen eines Höhenhirnödems wie Rumpfataxie, schwere Mattigkeit oder Bewusstseinsstörungen auf oder Zeichen eines Höhenlungenödems wie Dyspnoe, trockener Husten, blutiger Auswurf und rasselnde Atmung, ist die wichtigste Maßnahme der sofortige Abstieg um mindestens 1000 Meter, gegebenenfalls mit Sauerstoffunterstützung. Überanstrengung ist dabei zu vermeiden. Ist dies nicht möglich, sollte über die Anforderung einer Helikopter-gestützten Evakuierung nachgedacht werden. Die Verbesserung der Sauerstoffzufuhr ist essenziell. Unter Umständen kann der Patient im Überdrucksack (Gamow-Bag) behandelt oder ein pulmonaler Vasodilatator (Nifedipin, PDE5-Hemmer) verabreicht werden. Bei Vorliegen eines Höhenhirnödems werden 4 mg Dexamethason alle sechs Stunden empfohlen.

Besonders Menschen mit vorbestehenden Lungenkrankheiten können nur eingeschränkt auf die hypobare Hypoxie in großen Höhen reagieren: Ihre ventilatorische Reserve ist eingeschränkt, der erhöhte pulmonale Druck lässt die rechtsventrikuläre Nachlast ansteigen. Bei Patienten mit obstruktivem Schlafapnoe-Syndrom können zusätzliche zentrale Apnoen auftreten, warnt Sorichter.

In der reisemedizinischen Beratung dieser Patienten gehe es weder um das Ausstellen einer Unbedenklichkeitserklärung noch um ein ärztliches Reiseverbot. Vielmehr müssten das individuelle kardiopulmonale Risiko und die individuelle Leistungsreserve versucht werden einzuschätzen, und die Akklimatisierung müsse sorgfältig geplant werden. Dabei werden die regionale Rettungsinfrastruktur und die medizinische Versorgung in der Zielgegend berücksichtigt.

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