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Mustafa Kemal Pascha (1881–1938), der Vater der Türken.
 
Innere Medizin 23. März 2016

Zu viel Raki und Zigaretten, zu wenig Schlaf

Kemal Atatürk und sein exzessives Leben: Kein Zu-Bettgehen ohne Morgensonne.

Der Gründer und erste Präsident der modernen Republik Türkei Kemal Atatürk litt an einer Leberzirrhose, vermutlich ausgelöst durch übermäßigen Raki-Genuss.

Mustafa Kemal Pascha (1881–1938), später bezeichnet als Kemal Atatürk (Vater der Türken), machte sich zunächst als Offizier im Ersten Weltkrieg einen Namen sowie später als Oberbefehlshaber im türkischen Befreiungskrieg. Besonders in Erinnerung blieb sein Manöver, mit dem er im August 1921 mit seinen Truppen in der dreiwöchigen Schlacht am Sakarya die Griechen zum Rückzug zwang. Er betrieb energisch die Abschaffung des Sultanats, was schließlich 1923 in der Gründung der Türkischen Republik mündete, deren erster Präsident er wurde.

Schlaf ist Zeitverschwendung

Atatürks Lebensstil war ungesund: Er rauchte und trank exzessiv Kaffee, ernährte sich schlecht und Schlaf bezeichnete er als Zeitverschwendung — er hoffte, irgendwann würde ein Medikament erfunden werden, das Schlaf unnötig machen würde. Schließlich trank Mustafa Kemal seit seiner Jugend viel Alkohol, etwas, das sein Leben womöglich vorzeitig beendete.

Dieses in der islamischen Welt sensible Thema haben Dr. Emine Elif Vatanoglu-Lutz und ihre Kollegen von der Universität Istanbul intensiv recherchiert — kein leichtes Unterfangen angesichts der intensiven Bemühungen Atatürks selbst, seine Krankheit nicht bekannt werden zu lassen, sowie nach seinem Tod auch Versuchen seines Umfelds, die Lebererkrankung Atatürks zu tabuisieren.

Flüssige Abendessen

Atatürk liebte lange Abendessen, die für ihn selbst jedoch weniger in fester Nahrung bestand, schrieb Vatanoglu-Lutz. Vielmehr trank er kontinuierlich Alkohol, hauptsächlich Raki, ein hochprozentiger, aus Weintrauben oder Rosinen hergestellter Anisschnaps, der üblicherweise mit Wasser verdünnt wird. Dieses Dinner zog sich bis vier oder fünf Uhr morgens hin. Nie ging er zu Bett, bevor er nicht die aufgehende Morgensonne erblickt hatte. Er schlief nur wenige Stunden, um danach, ohne Frühstück, hart zu arbeiten, unterstützt von viel Kaffee und Zigaretten.

Diese Faktoren dürften maßgeblich zu zwei schweren Herzinfarkten beigetragen haben, die ihn 1923 und 1927 ereilten. Abgesehen davon litt er an einer chronischen Pyelonephritis und rezidivierenden Harnwegsinfekten. Beendet haben sein Leben jedoch wahrscheinlich die Folgen einer Leberzirrhose, die nach Auffassung mehrerer behandelnder Ärzte in Zusammenhang mit dem ausgeprägten Alkoholgenuss standen. In seinen letzten zwei Lebensjahren klagte Atatürk zunehmend über Müdigkeit und Erschöpfung. Er wirkte abgespannt, wurde zunehmend blasser, hatte einen schlechten Appetit und wurde von seiner Umwelt als „nervös“ beschrieben. Im Sommer 1937 registrierte er Blut im Urin, hatte Nasenbluten und verspürte einen Juckreiz. Das Jucken war zunächst auf Ameisenbisse zurückgeführt worden, woraufhin der Präsidentenpalast in Istanbul desinfiziert wurde. Allein: die Symptome verstärkten sich.

Sklerenikterus, tastbare Leber und Splenomegalie

Als fünf Ärzte den Präsidenten im Februar 1938 untersuchen, bemerken sie einen leichten Sklerenikterus, die Leber war drei Querfinger breit unter dem rechten Rippenbogen tastbar und von derber Konsistenz, hinzu kam eine palpable Splenomegalie. Ödeme bestanden nicht; in der Nase fanden sich Blutungen. Als die Ärzte das Alkoholproblem ansprechen, lehnt Atatürk diesen Zusammenhang ab: Er trinke bereits seit langem Alkohol und bislang sei nichts passiert. „Sie müssen einen anderen Grund für meine Krankheit finden!“ Einer der Ärzte, Dr. Akil Muhtar Özden, erklärt dem Patienten daraufhin den Zusammenhang. „Der Alkohol wird Sie vergiften. Sie müssen ab sofort damit aufhören.“ Dem soll Atatürk schließlich zugestimmt haben.

Zu den Mengen Alkohol, die Atatürk täglich zu sich nahm, machen Zeitzeugen unterschiedliche Aussagen, die zwischen einem Viertelliter und einem Liter Raki schwanken. Einbezogen in die Diagnostik waren auch ausländische Ärzte wie der deutsche Nephrologe Professor Erich Frank (1884–1957), der wegen der Nazis in die Türkei emigriert war, der österreichische Internist Professor Hans Eppinger (1879–1946) sowie Professor Noël Fiessinger (1884–1957) aus Paris, der über die Leberzirrhose promoviert hatte. Fiessinger war der Meinung, Ruhe und eine Umstellung der Ernährungsweise könne Atatürk womöglich helfen, wenngleich jedem in der Ärztegruppe der Ernst der Erkrankung klar gewesen sein dürfte. Fiessinger vermutete zumindest weitere Ursachen der Zirrhose: „Die Vorstellung, dass diese Krankheit allein den Alkohol zur Ursache hat, ist nicht richtig. Ich habe eine ganze Anzahl muslimischer Patienten [mit dieser Erkrankung, Anm.] aus Marokko, Tunis und Algerien, die ihr ganzes Leben lang keinen Tropfen Alkohol zu sich genommen haben.“

Beerdigung im Mausoleum

Auch andere vertraten Ansichten, wonach toxische Wirkungen von Medikamenten, die Atatürk wegen einer früheren Malaria eingenommen habe, oder eine Virushepatitis die Leberzirrhose ausgelöst haben könnten bis hin zur Möglichkeit eines Hepatoms. Biochemische und bildgebende Untersuchungen gab es damals noch nicht. Drei Aszitespunktionen im September und November 1938 ergaben eine klare gelbliche Flüssigkeit, zytologische und weitere Untersuchungen wurden zu der Zeit nicht unternommen. Am 9. November 1938 fiel Atatürk ins Koma und starb einen Tag später. Obduktionen sind in der Türkei nicht üblich. Der Leichnam wurde einbalsamiert und im Ethnografischen Museum in Ankara aufbewahrt, die Beerdigung fand an seinem 15. Todestag 1953 im eigens errichteten Mausoleum Anitkabir statt.

Thomas Meißner, Ärzte Woche 12/2016

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