zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 23. März 2016

Kein Anhaltspunkt für „Opioid-Epidemie“

Die tägliche Verschreibung von Opioiden ist zwar angestiegen, sie hält sich aber in Grenzen.

Aus den USA kommen Warnungen, dass Opioide zu großzügig und undifferenziert verschrieben werden und u. a. zu einem starken Anstieg von Todesfällen aufgrund von Überdosierung führen. Für Deutschland gibt eine aktuelle Studie Entwarnung.

2010 wurde ein Hilferuf in den USA ausgesandt, in dem in einer Veröffentlichung gezeigt wurde, dass etwa vier Millionen USA-Bürger Opioide verschrieben bekommen und die Todesfälle durch unbeabsichtigte Überdosierung eines Opioids exponentiell von rund 3.000 im Jahre 1999 auf fast 12.000 im Jahre 2007 angestiegen sind“, berichtet der Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft Prof. Dr. Michael Schäfer, Klinik für Anästhesiologie, Charité-Universitätsmedizin Berlin, am diesjährigen Wiener Schmerzsymposium. „Obwohl nicht vergleichbar, gibt es in Deutschland auch einen deutlichen Anstieg in der Anzahl der täglichen Verschreibungen von Opioiden“. Laut Kassendaten der AOK Hessen kam es von 2000 bis 2010 zu einer drastischen Zunahme der Anzahl der Verschreibungen und der täglichen Dosierungen bei Tumor- und Nicht-Tumorpatienten. Dies äußerte sich etwa in einer Verdreifachung der verschriebenen Menge an Opioiden der Stufe 2 und 3 des WHO-Schemas, sowie einer Vervierfachung an retardierten lang wirksamen Opioiden.

In einer neuesten Untersuchung von Marschall und Mitarbeitern wurde dieser Frage nachgegangen und Daten von zehn Prozent randomisiert ausgewählten Versicherten mit chronischem Nicht-Tumorschmerz der Barmer GEK aller Altersstufen ausgewählt (n = 870.000). Die Analyse ergab eine Prävalenz von 1,3 Prozent aller Versicherten mit einer Langzeit-Opioidtherapie, das ist mindestens eine Opioidverschreibung pro Quartal über mindestens drei Quartale. Die mittlere Tagesdosis lag bei 57 mg Morphinäquivalent pro Tag. Etwa 15,5 Prozent von diesen Patienten erhielten eine besonders hohe Dosis verschrieben, mit einer mittleren Dosierung von 173 mg Morphinäquivalent pro Tag. Eine Langzeit-Opioidtherapie war mit jungem Alter, männlichem Geschlecht, Diagnose einer chronischen Schmerzkrankheit, dem Vorliegen einer somatoformen Schmerzstörung, Depression bzw. mit dem Verschreiben von Antikonvulsiva assoziiert. Die gepoolte 1-Jahres-Prävalenz für Missbrauch bzw. Sucht lag bei nur 0,008 Prozent, was wiederum assoziiert war mit jungem Alter, Diagnose einer chronischen Schmerzkrankheit, Vorliegen einer somatoformen Schmerzstörung, Depression bzw. mit dem Verschreiben von Tranquilizern. „Die Autoren schließen, dass zum momentanen Zeitpunkt aus den vorhandenen Kassendaten kein Anhalt vorliegt für eine befürchtete ‚Opioid-Epidemie‘“, fasst Schäfer die Ergebnisse der Untersuchung zusammen.

Im vorigen Jahr wurden die von der Deutschen Schmerzgesellschaft e.V. initiierten S3-Leitlinien (LONTS) zur Langzeitanwendung von Opioiden bei Nicht-Tumorschmerzpatienten aktualisiert, die nach dem neuesten Stand klinischer Studien Empfehlungen für eine Therapie mit Opioiden ausspricht. „Elementarer Bestandteil dieser Empfehlungen ist, dass ein Arzt die Behandlung von chronischen Nicht-Tumorschmerzen mit Opioiden eingangs bezüglich ihrer Wirksamkeit, sowohl in der Schmerzintensität, Funktionsverbesserung, als auch in der Lebensqualität und Nebenwirkungen evaluiert und dokumentiert sowie in regelmäßigen Abständen diesen Benefit erneut überprüft“, so der Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft abschließend.

Quelle: 20. Wiener Schmerzsymposium, Pressegespräch 11. März 2016

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben