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© Guido Karo für www.p41d.com
Dr. Renate Barker, MSc Fachärztin für Anästhesiologie und Intensivmedizin und Präsidentin der „Schmerzinformation – Wissen macht stark!“
 
Innere Medizin 23. März 2016

Konzentrierte Schmerzkompetenz

Die Stärke interdisziplinärer Gesundheitszentren ist, dass verschiedene Ansätze in Diagnose und Therapie berücksichtigt werden können.

Am 8. April findet zum 9. Mal der Wiener Schmerztag statt. Ziel ist die Förderung der interdisziplinären Zusammenarbeit, um die derzeit noch mangelnde Betreuung von Schmerzpatienten zu verbessern. Die Bandbreite der Themen der Fachtagung „Schmerz Holistisch“ reicht von der Gefahr von Schmerzmitteln bei Sport bis hin zu psychischen Schmerzen, berichten die Veranstalter Prof. Dr. Wilfried Ilias und Dr. Renate Barker.

Wie soll die bessere interdisziplinäre Zusammenarbeit bei der Betreuung von Schmerzpatienten denn aussehen?

Ilias: Das Bewusstsein für das Schmerzgeschehen muss interdisziplinär geschärft und die Kommunikationsmängel zwischen den Fächern ausgemerzt werden. Ein Neurologe therapiert ja Schmerzen anders als ein Gynäkologe, ein Orthopäde oder ein Anästhesist. Es wäre aber wichtig, dass jede Schmerzdiagnose mit dem jeweiligen Fach abgestimmt wird: Wenn ein Patient etwa ein Wirbelsäulenproblem hat, sollte man sich mit dem Neurochirurgen kurzschließen, um die Expertise einzuholen, ob nun medikamentös oder minimalinvasiv vorzugehen ist oder ob die Indikation zur Operation vorliegt. In diesem Bereich haben wir noch Kommunikationsmängel.

Barker: Ideal wäre es, unnötige Hospitalisierungen im niedergelasse-nen Bereich zu vermindern und stattdessen auf interdisziplinäre Gesundheitszentren zu setzen, in denen mehrere Ärzte kooperieren, um möglichst viele mit Schmerz befasste Fachgruppen unter einem Dach zu haben; damit wären die Kompetenzen konzentriert zusammengefasst. Dann muss nicht einer alleine diagnostizieren und therapieren, sondern Entscheidungen werden in der Gruppe gefällt.

Ilias: Eine Schmerzexpertise ist beispielsweise auch bei der Überweisung an den Radiologen unerlässlich, denn dieser ist ja auf die genaue Beschreibung vom Zuweisenden angewiesen. Ein kurzes Beispiel aus meiner Praxis: Ein junger Patient hat Schmerzen im unteren Rückenbereich mit Ausstrahlung in die Beine und hat sich bereits unzähligen Bildgebungen unterzogen. Erst aufgrund meiner exakten Fragestellung hat der Radiologe den Untersuchungsbereich nach kaudal erweitert und dort einen Riesenzelltumor entdeckt; nach der entsprechenden Operation war der Patient schmerzfrei. Auch in diesem Bereich werden noch häufig Fehler gemacht, die Diagnose und Therapie verzögern – was sich bei vielen Patienten auch auf die Seele schlägt.

Passend dazu lautet ein Thema Ihrer Fachtagung „Psychischer Schmerz – was ist das?“

Barker: Derzeit ist es ja leider häufig so, dass ein Schmerzpatient seiner Diagnose geradezu nachlaufen muss, was letzten Endes selbstverständlich auch die Psyche beeinträchtigt. Denn mit längerer Dauer eines somatischen Schmerzes wird der Schmerz immer mehr von psychischen Komponenten überlagert, es tritt also eine Psychosomatisierung ein. Dem muss man gegensteuern und sehr früh auch hier mit den entsprechenden Experten kooperieren, also mit Psychologen oder Psychiatern, die sich mit Schmerz beschäftigen.

Ilias: Ein weiterer politischer Aspekt ist hier die Tatsache, dass immer mehr Menschen aufgrund psychischer Probleme in Pension gehen, und auch hier gibt es eine Überlappung psychischer und körperlicher Schmerzsymptome. Psychopharmaka bei Schmerzen sind schon länger ein Thema, dazu liegen sehr gute Studien vor, die deren Wirksamkeit untersuchen; dem einen oder anderen Patienten kann damit sicher geholfen werden.

Etwas ganz anderes ist das Thema „Arteriosklerose und Sport – die Angst des Läufers vor dem Herztod“. Wie genau hängt das mit Schmerzen zusammen?

Ilias: Es gibt neue Erkenntnisse über die Einflussnahme der nichtsteroidalen Antirheumatika auf das Gefäßendothel. Bekannt ist ja, dass gewisse COX-2-Hemmer zwar wunderbar entzündungshemmend wirken, aber dass sie das Risiko für atherosklerotische Ereignisse erhöhen. Nach dieser Erkenntnis wurden auch ältere Wirkstoffe wie Diclofenac untersucht, und hier haben sich ebenfalls ungünstige kardiovaskuläre Wirkungen gezeigt. Im Gegensatz dazu hat etwa Naproxen zwar ein hohes Risiko für eine chemisch induzierte Gastritis, doch auch günstige Effekte auf das Gefäßendothel, ähnlich dem Aspirin. Es gibt nun allerdings Sportler mit Gelenkschmerzen, etwa Radfahrer, die Diclofenac nicht nur gegen Gelenkschmerzen in Hüfte oder Knie einnehmen, sondern auch, um die Harnproduktion zu hemmen. Bei regelmäßiger Einnahme haben diese Sportler daher ein erhöhtes Risiko für koronarsklerotische Ereignisse.

Wie sehen Sie die Zukunft der Betreuung von Schmerzpatienten?

Barker: Mich beunruhigt, dass der große Boom der Entwicklung von Schmerzmitteln vorbei zu sein scheint. Was die Politik angeht, ist meiner Meinung nach längst bekannt, dass man außerhalb der Krankenhäuser viel günstiger wirtschaften könnte, doch ich bin skeptisch, ob dieses Wissen auch umgesetzt wird. Andrerseits wird auch die Umwidmung von Krankenhausbetten anderer Fachbereiche auf Schmerzbetten abgelehnt – in vielen Fällen fehlt hier einfach insgesamt die kooperative Vernunft.

Das Gespräch führte Dr. Lydia Unger-Hunt

Fortbildung

„SCHMERZ HOLISTISCH 2016“

Freitag, 8. April 2016,

8.30 bis 14.00 Uhr

Wiener Rathaus, Nordbuffet

Die Fortbildung ist mit 6 Punkten für das Diplomfortbildungsprogramm (DFP) der Österreichischen Arztakademie (ÖAK) approbiert.

Keine Teilnahmegebühr

Anmeldung und Information:

Tel: +43 (0)2236 38 27 32

Mobil: +43 (0)650 289 19 79

Fax: +43 (0) 274 222 210 015

E-Mail:

www.wienerschmerztag.at

Lydia Unger-Hunt, Ärzte Woche 12/2016

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