zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 19. März 2016

Die ÖGR-Jahrestagung 2015

Die Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Rheumatologie und Rehabilitation 2015, die vom  26. bis 28. November im Tech Gate Vienna stattfand, zog über 500 Besucher an. In- und ausländische Referenten präsentierten in zahlreichen Sitzungen Fortschritte der Rheumatologie. Zu den Besonderheiten der letzten Tagung zählten ein eigenständiges Programm für Mitglieder der rheumatologischen Gesundheitsberufe,  Allgemeinmediziner und Internisten und ein „Immunologie Coach“ – Sitzungen, in denen immunologische  Grundlagen der Rheumatologie erörtert wurden. 

„Unsere  Gesellschaft  hat  sich  in den letzten  Jahren  sehr  um  Partnerschaften mit anderen Fachgesellschaften bemüht. Die Medizin wird komplexer und nur gemeinsam können wir die  beste Betreuung für unsere Patientinnen und Patienten erreichen. Diese Gemeinsamkeit spiegelt sich auch im Programm  der  ÖGR-Jahrestagung  2015“,   so  Prof.  Dr.  Christian  Dejaco,  PhD,  Leiter der wissenschaftlichen Sektion der  Gesellschaft.  In  diesem  Sinne  war  ein  erklärtes   Ziel der Jahrestagung 2015, den Austausch  von  Expertise  zu  fördern.  Die   Tagungsteilnehmer  wurden  neben   den  traditionellen  Sitzungen  durch   interaktives  Voting  per  Smart-Phone   oder  Tablet,  Round  Table  Diskussionen und interessante Fallberichte zur  aktiven  Teilnahme  an  der  fachlichen   Diskussion  angeregt.  Das  Themenspektrum der Vorträge reichte von der  physikalischen  Medizin  über  Lupus   erythematodes, Sklerodermie, Myositis, einen europaweiten Vergleich der  Ausbildung zum Rheumatologen, aktuelle  Daten  aus  dem  BioReg  bis  hin   zur pädiatrischen Rheumatologie, Public  Health,  Orphan  Diseases  etc.  Ein   Bildgebungsworkshop  zu  Ultraschall,   MRT und Röntgen, zahlreiche Industrie-Symposien und die Verleihung der  ÖGR-Preise rundeten das Tagungsangebot ab.  

Neues von „alten Freunden“

In seinem Festvortrag über Glucocorticoide „News about old friends“ sprach  Prof.  Dr.  Frank  Buttgereit  vom  Berliner   Charité  über  neue  Daten  zum  Einsatz   von  Glucorticoiden  und  aktuelle  Wei- terentwicklungen dieser erfolgreichen  Entzündungshemmer.  

» Jedes Milligramm Glucocorticoid,  das hilft, die Krankheit zu kontrollieren, ist ein gutes Milligramm und  jedes Milligramm, das ohne Probleme weggelassen werden kann, ist noch  besser

„Corticoide, „so  Buttgereit, „helfen,  die  klinischen  Symptome  einer  Entzündung  rasch  –  und  in  der  Regel  auch   sehr erfolgreich – zu kontrollieren. Und  sie  helfen  uns  auch,  und  damit  haben   sie  DMARD-Charakter,  die  radiografische  Progression  zu  verzögern.“  Glucocorticoide  sind  seit  mehr  als  60  Jahren  im  Einsatz,  der  erste  Patient  wurde   1948  mit  Glucocorticoiden  behandelt.   Die   Einführung   von   Prednison   und    Prednisolon  erfolgte  1955.  Buttgereit:   „Damit ist natürlich klar: Wenn man diese  Medikamente  so  lange  kennt,  übertreffen  sie  viele  andere  Medikamente   bezüglich  der  Anzahl  der  behandelten   Patienten – nicht nur in der Rheumatologie, sondern auch in der Gastroenterologie, der Nephrologie, Neurologie und  so  weiter  –,  bezüglich  der  klinischen   Anwendung  und  bezüglich  der  pharmakologischen  Erfahrung  beim  Menschen.“  Deshalb  könne  man  auch  im   Zeitalter der Biologika noch sagen, dass  Glucocorticoide auch heute noch zu den  wichtigsten  und  am  häufigsten  eingesetzten Immunsuppressiva zählen.  

Verschiebung in Richtung low-dose-Glucocorticoidtherapie

Weltweit  würden,  mehr  oder  weniger   kontinuierlich,  60   %  der  Patienten  mit   rheumatoider  Arthritis  mit  Glucocorticoiden  behandelt,  so  Buttgereit,  der   sich  dabei  auf  eine  neue  Auswertung   von Daten bis 2013 bezieht. „1996 haben  wir  55   %  unserer  RA-Patienten   mehr oder weniger kontinuierlich mit  Cortison behandelt, 2013 waren es immerhin noch 50  %.“ Daneben las Buttgereit  auch  noch  einen  Abfall  in  den   Dosisbereichen aus den Daten: „Vor allem  bei  den  Dosierungen  größer  7,5   kam  es  zu  einem  Rückgang  von  15   %   1996 auf 6  % 2013. Auch die Patienten,  die kleiner gleich 7,5  mg pro Tag erhielten, sind weniger geworden. Eine interessante Entwicklung: Es hat der Anteil  der  Patienten,  die  mit  ganz  geringen   Dosen  –  5   mg  und  weniger  pro  Tag  –   behandelt  werden,  sogar  zugenommen.“  Zugenommen  hätte  außerdem   die  Anzahl  der  Patienten  mit  „früher   RA“,  einer  Beschwerdedauer  von  ma- ximal einem Jahr, die mit Cortison behandelt werden. 1996 waren das 50  %,  2013 bereits 61  %. Zusammenfassend  stellte  Buttgereit  fest,  dass  weniger  –  wenn  auch   nicht  viel  weniger  –  Cortison  eingesetzt  wird  und  es  zu  einer  Verschiebung  in  Richtung  low-dose-Glucocorticoidtherapie kam (auch durchaus für  die Erhaltungstherapie bei den Patienten, bei denen Cortisonpräparete nicht  ausgeschlichen werden können).  

Nutzen- und Risikoverhältnis optimieren

Bezüglich   der   Glucocorticoid-induzierten  Osteoporose  plädiert  Buttgereit  dafür,  Glucocorticoide  gezielt  einzusetzen  –  initial  beispielsweise,  als   bridging-Therapie  oder  bei  erhöhter  Aktivität – und bewusst mit diesen Medikamenten zu arbeiten: „So viel geben  wie  nötig,  aber  so  wenig  wie  möglich   und  so  kurz  behandeln  wie  nötig,  um   die  Krankheit  trotzdem  zu  kontrollieren.  Jedes  Milligramm,  das  hilft,  die   Krankheit  zu  kontrollieren,  ist  ein  gutes Milligramm und jedes Milligramm,  das ohne Probleme weggelassen werden kann, ist noch besser.“ Kann man einen Dosisbereich definieren  oder  Bedingungen  formulieren,  unter  denen  eine  langzeitige   Glucocorticoidtherapie  –  wenn  sie   nötig  ist  –  tatsächlich  immer  noch   ein  günstiges  Nutzen-Risiko-Verhältnis  hat?  Buttgereit  zu  dieser  Frage:   „Wenn Sie mit 5  mg pro Tag und weniger  –  oberhalb  von  Null  natürlich   – behandeln, dann ist es so, dass Sie  bei der Mehrzahl der Patienten mehr  Nutzen als Risiko erzeugen. Wenn Sie  mehr als 10  mg pro Tag geben, dann  werden  Sie  bei  der  Mehrzahl  der  Patienten  wohl  mehr  Risiko  als  Nutzen   erzeugen.“

Neue Entwicklungen

Anhand  von  drei  Beispielen  erörterte  Buttgereit  neue  Entwicklungen  im   Bereich  der  Glucocorticoide:  Liposomale  Glucocorticoide,  modified-release-Prednison und selektive Glucocorticoid-Rezeptor-Agonisten. Liposomale  Glucocorticoide  sind   unterschiedlich strukturierte kleine Vesikel, gefüllt mit Glucocorticoidmolekülen  in  verschiedenen  Formulierungen.   Sie werden intravenös verabreicht und  finden  ihren  Weg,  mehr  oder  weniger   automatisch,  ins  Entzündungsgebiet:   „Sie  werden  phaygozytiert  von,  zum   Beispiel,  Makrophagen  und  reiten  mit   den  Makrophagen  ins  Entzündungsgebiet. Die Gefäße im Entzündungsgebiet  sind  durchlässiger  –  deshalb  gibt   es  Ödeme.  Das  bedeutet,  dass  liposomale  Glucocorticoide  an  den  Stellen   ohne  Entzündung  vorbeischwimmen   und dort aus dem Gefäß austreten, wo  eine  Entzündung  vorliegt.  Außerdem   bevorzugen  liposomale  Glucocorticoide  niedrige  ph-Werte.  Entzündungsgebiete  sind  gekennzeichnet  durch   niedrigere ph-Werte als sie im übrigen  Körper  vorherrschen.  Durch  diese  drei   Mechanismen akkumulieren liposomale Glucocorticoide in enorm hohen Dosierungen.“  

» Liposomale Glucocorticoide  finden ihren Weg, mehr oder weniger  automatisch, ins Entzündungsgebiet

Modified-release-Prednison wird abends eingenommen, wandert durch  den Körper und entlässt Prednison zeitverzögert  mitten  in  der  Nacht,  wenn   das  Immunsystem  besonders  aktiv  ist   und  IL-6  Spiegel  steigen,  was  sich  üblicherweise  bei  RA-Patienten  in  morgendlicher klinischer Symptomatik äußert. Durch die zeitverzögerte Wirkung  kann  modified-release-Prednison  dieser Symptomatik entgegenwirken. Die  Wirkung  selektiver  Glucocorticoid-Rezeptor-Agonisten  (SEGRA)  dagegen  basiert  auf  der  Trennung  der   therapeutischen  Effekte  von  Glucocorticoiden  von  ihren  unerwünschten   Wirkungen. Unter Einsatz von SEGRAs  sinkt  der  HbA1c-Wert,  laut  Buttgereit   „ein  deutlicher  Hinweis  darauf,  dass   ein SEGRA die Entzündung in den Griff  bekommt und den Kohlenhydratstoff- wechsel  normalisiert,  weil  der  schädi- gende Faktor ‚Entzündung‘ nicht mehr  da  ist.“  Und  ein  SERGRA  hat  aufgrund   seiner  selektiven  Wirkung  nicht  mehr   den  inhärenten  negativen  Effekt  auf   den Glucosestoffwechsel.

Quelle: Jahrestagung der ÖGR 2015, 26. bis 28. November, TechGate Vienna

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben