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Heuschnupfen, Pollensaison, Atembeschwerden, Asthma
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So manches Damoklesschwert, das über unseren Köpfen hängt, ist nicht aus Metall geschmiedet.

 
Innere Medizin 11. März 2016

Fakten zu Heuschnupfen

Dass moderne Pollen unseren Schleimhäuten mehr zusetzen als unseren Vorfahren ist nicht nur der Umweltverschmutzung geschuldet. Fakt bleibt: der Blütenstaub ist deutlich aggressiver geworden.

Für Millionen Menschen ist der Start des Frühlings nur eingeschränkt Anlass zur Freude: Baum- und später Gräserpollen reizen Augen und Nase, nicht wenige kämpfen mit Atembeschwerden – sie reagieren allergisch auf die eigentlich harmlosen Frühjahrsboten.

Niesen, laufende Nase, juckende Augen: Meist im Frühjahr, seltener auch im Herbst leiden viele Menschen unter den als Heuschnupfen bekannten Beschwerden. Dahinter steckt eine Überempfindlichkeitsreaktion des Immunsystems – und im Prinzip nichts anderes als der Prozess, mit dem es normalerweise auf eingedrungene Krankheitserreger reagiert. Auch hier werden beim ersten Kontakt mit dem an sich aber ungefährlichen Allergen Immunglobulin-E-Antikörper (IgE) gegen entsprechende Proteinbestandteile gebildet und an Mastzellen gebunden. Geraten die Allergene nun erneut in den Körper und dort in die Arme der Antikörper auf den Mastzellen, schütten diese Immunzellen einen Cocktail von Substanzen aus, die die allergische Reaktion mit den bekannten Symptomen einleiten. Zu diesen Substanzen zählt unter anderem Histamin, das Ziel vieler Heuschnupfenmedikamente. Zusätzlich zu den Allergenen liefern Pollen noch bioaktive Lipide, die ihrerseits weitere Immunzellen aktivieren und so eine Immunreaktion ankurbeln.

Diese Überempfindlichkeitsreaktion hält sich bei einmaligem Kontakt mit einem Allergen längstens wenige Tage, dann klingt sie von selbst ab. Ist man den Allergenen – wie zum Beispiel Pollen – aber länger ausgesetzt, besteht die Gefahr, dass aus der akuten Reaktion eine chronische wird. Im Fall von Heuschnupfen spricht man dann vom Etagenwechsel: Die Beschwerden beschränken sich nicht mehr nur auf Augen und Nase, sondern greifen auch auf die Bronchien über; und es kann sich ein allergisches Asthma entwickeln – vor allem bei Heuschnupfen, die nicht sorgfältig behandelt werden.

Außerdem reagieren Heuschnupfenallergiker häufig auch auf bestimmte Nahrungsmittel empfindlich, etwa Äpfel, Karotten, Sellerie oder Tomaten. Die Beschwerden verstärken sich oft in der Pollenzeit oder treten sogar nur dann auf. Hat man das ganze Jahr über Heuschnupfensymptome, kann auch eine allergische Reaktion auf Hausstaubmilbenkot, Tierhaare oder Schimmelpilze dafür verantwortlich sein. Aufklärung bringt ein entsprechender Allergietest beim Arzt – er ist die Basis für die richtige Behandlung.

Müssen Allergiker aufgrund des Klimawandels länger leiden?

Die milden Winter vergangener Jahre führen mitunter zu Frühstarts der Pollensaisonen. In solchen Jahren melden Kontrollstationen bereits Mitte Dezember Haselnusspollen und Mitte März fliegen dann im Süden die Birkenpollen.

Hauptauslöser der Pollenallergie sind Gräser, die meist ab Mai und vor allem im Juni für Beschwerden sorgen. Unter den Bäumen ist es insbesondere die Birke; ihr Pollen ist der aggressivste. Da Birkenpollenallergiker häufig auch auf Hasel und Erle reagieren, leiten diese in der Blütezeit vorangehenden Arten die Allergiesaison ein, und die Symptome verschlimmern sich dann, wenn die Birkenblüten aufblühen.

Seit Jahren beobachten Forscher, dass sich die Blühsaison im Zusammenhang mit dem Klimawandel nach vorne verlagert und im Herbst, wenn auch weniger ausgeprägt, länger andauert. Einer Studie zufolge hat zudem die Pollenmenge in den letzten Jahren zugenommen: Wissenschaftler um Annette Menzel von der Technischen Universität München hatten Zeitreihen aus 13 europäischen Ländern ausgewertet und Zunahmen um drei Prozent in Städten und ein Prozent in ländlichen Gebieten festgestellt. Dabei spielte allerdings nicht die Temperatur die entscheidende Rolle, vielmehr schlagen die Forscher steigende Kohlendioxidgehalte als treibenden Faktor vor. Und noch etwas stellten die Münchner Forscher fest: In warmen Frühjahren ziehen sich die Zeitpunkte des Aufblühens in einzelnen Regionen stärker auseinander. Für Pollenallergiker bedeutet das, dass sie auf Grund des Lufttransports von Pollen insgesamt länger den Allergenen ausgesetzt sind.

Welche Gefahr geht von der invasiven Beifuß-Ambrosie aus?

Ein früherer Start in die Pollensaison ist das eine, ein wichtiger weiterer Faktor für diese Allergiker ist jedoch, dass sie sich zukünftig auch in den Herbst ausdehnen könnte. Mit Sorge blicken Wissenschaftler auf die Beifuß-Ambrosie (Ambrosia artemisiifolia). Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals in Europa nachgewiesen, hat sich die nordamerikanische Pflanze im Südosten Europas bereits in vielen Regionen etabliert. Verschiedene Modellierungen, die den Klimawandel und die ökologischen Ansprüche der Ambrosie berücksichtigen, prognostizieren für die nächsten Jahrzehnte eine Ausdehnung des Verbreitungsgebiets nach Norden – und damit eine weitere Pollenbelastung bis in den späten Herbst oder sogar bis Winteranfang.

Dabei bekommt der aggressive Eindringling unfreiwillige Hilfe des Menschen auf seinem Weg. Sehr häufig ist beispielsweise Vogelfutter oder Saatgut mit Ambrosiasamen verunreinigt, und damit gelangt sie direkt in Lebensräume, in denen sie schnell Fuß fasst. Noch dazu, so stellten Frankfurter Forscher fest, sind die europäischen Varianten der Art gegenüber ihren amerikanischen Verwandten deutlich fitter: Ihre Samen sind größer, sie keimen erfolgreicher und vertragen Frost besser. Auslöser dafür könnte das Fehlen natürlicher Feinde sein, was der Pflanze ermöglicht, Ressourcen in die Fortpflanzung zu stecken, erklären die Forscher um Oliver Tackenberg von der Goethe-Universität Frankfurt. Da die Pollen von A. artemisiifolia sehr klein sind, werden sie zudem leicht über große Strecken in der Luft transportiert.

Die Pollen werden aggressiver

Doch nicht nur die Ambrosie bereitet Sorgen: Wissenschaftler um Claudia Traidl-Hoffmann von der TU München bemerkten, dass Birkenpollen bei hohen Ozongehalten noch aggressiver werden. Die Forscher hatten Pollen von frei wachsenden Birken gesammelt, die unterschiedlichen Gehalten ausgesetzt waren. Im Labor lösten jene Pollen der Bäume unter höchsten Ozonkonzentrationen eine stärkere Reaktion von Immunzellen im Experiment aus, und auch der Prick-Test bei Birkenpollenallergikern sorgte für deutlich größere Quaddeln. Diese Ergebnisse bestätigen andere Laboruntersuchungen, bei denen der Einfluss von Ozon auf Ambrosia und verschiedene Gräser getestet worden war.

Abgesehen davon sorgen Ozon und Luftschadstoffe selbst bereits dafür, dass die Atemwege gereizt werden und sich die Symptome der allergischen Reaktion verschlimmern. Die steigende Luftverschmutzung gilt daher insbesondere in städtischen Gebieten als mitverantwortlich für die wachsende Zahl von Allergikern. Seit Jahren wird auch diskutiert, dass feinste Schmutzpartikel Pollenallergene in die unteren Atemwege tragen und dort die klassischen Atembeschwerden und Asthmasymptome auslösen, wie sie sich nach dem bereits erwähnten Etagenwechsel zeigen.

Heute lässt sich Heuschnupfen durchaus gut therapieren

Neben zahlreichen verschiedenen Methoden, die allergische Reaktion dämpfen, ist derzeit die Hyposensibilisierung (auch manchmal Desensibilisierung) die einzige Möglichkeit, die Ursache zu bekämpfen. Da etwa ein Drittel bis 40 Prozent der Heuschnupfenpatienten ohne ausreichende Behandlung allergisches Asthma entwickeln können, wird diese Behandlung von Ärzten dringend empfohlen. Die Idee ist, den Körper langsam an die zuvor ermittelten Auslöser zu gewöhnen und so die Reaktion mit der Zeit einzudämmen. Trotz 70 bis 100 Prozent Erfolgsquote schrecken viele jedoch davor zurück, da die Therapie über mehrere Jahre durchzuhalten ist und zunächst wöchentlich, später monatliche Arztbesuche erfordert, um die Dosis entsprechend langsam zu steigern.

Vergleichsweise neu und teilweise noch in der Erprobung sind Verfahren, in denen die Allergene nicht in der Arztpraxis gespritzt, sondern als Tablette eingenommen werden. So gibt es beispielsweise seit einigen Jahren die verschreibungspflichtige „Gräsertablette“, die einen Mix der fünf wichtigsten Gräserpollen bietet, und in verschiedenen Studien bereits gute Resultate liefert. Als weiteren möglichen Weg der Verabreichung könnten sich bald auch Pflaster etablieren: So erprobten Forscher in Wien an Meerschweinchen erfolgreich, die Immunreaktion gegen Birkenpollen einzudämmen, und am Universitätsspital Zürich ergab ein klinischer Test mit Gräserpollen-Pflastern ebenfalls eine schnelle Linderung. Reif für den Alltag in der Arztpraxis ist das Verfahren allerdings noch nicht.

Antje Findeklee, Ärzte Woche 10/2016

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