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Heutige Müslimischungen haben mit den Ur-Versionen von Bircher-Benner nicht mehr viel gemein.
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Maximilian Oskar Bircher-Benner in Sandalen. Der Schweizer Arzt und Ernährungswissenschaftler entwickelte das Birchermüsli und gilt als Pionier der Vollwertkost. Das Bild wurde 1937 vor der Bircher-Benner-Klinik in Zürich aufgenommen.

 
Innere Medizin 18. Jänner 2016

Zuchthaus am Zauberberg

Vor 76 Jahren starb der Namensgeber des „Birchermüslis“ Maximilian Oskar Bircher-Benner.

Schriftsteller Thomas Mann weilte in Bircher-Benners Kuranstalt, der Zürcher Arzt war Rohkostpionier und sehr en vogue. Den Wert von Rohkost-Diäten verteidigte er gegen alle Anfeindungen, Alkohol und Koffein lehnte er prinzipiell ab.

Frische Apfelstückchen und in Milch aufgeweichte Haferflocken — jeder kennt das Birchermüsli, aber die wenigsten wissen wer es erfunden hat. Im Jahr 1900 stellte Dr. Bircher-Benner erstmals seine revolutionäre Mischung aus geriebenen rohen Äpfeln, Nüssen, Haferflocken, Kondensmilch und Zitronensaft vor. Sein Müsli nannte er „d‘Spys“ oder „Apfeldiätspeise“. Was anfangs noch Kopfschütteln und Spott auslöste, ist heute weltbekannt. Und gilt als Inbegriff der gesunden Ernährung.

1867 als eines von vier Kindern im schweizerischen Aarau geboren, zog es den jungen Bircher-Benner nach Zürich, um Medizin zu studieren. Er promovierte über den „Naevus pilosus“, eine Form der Hautveränderung. Sein Interesse galt aber schon länger der Naturheilkunde und Ernährungslehre. Während er eine magenkranke Patientin behandelte, probierte er verschiedene Methoden und Ernährungsumstellungen aus, die er auch im Selbstversuch testete. In dieser Phase entstand die Idee einer vollwertigen Morgenkost, das Bichermüsli. Er war überzeugt, dass Rohkost biologisch wirksame Lichtquanten hat. Vielen Kollegen missfielen diese Ansichten, sie bezeichneten seine Lehre als unwissenschaftlich. Mag. Katharina Phillipp, Geschäftsführerin des Verbands der Ernährungswissenschafter Österreichs VEÖ, erklärt, warum seine Rohkostlehre belächelt wurde: „Er hat natürlich die Nahrungsmittel nicht mit den physikalischen Werten wie Kalorien oder mit Nährstoffwerten charakterisiert oder beurteilt, sondern hat gesagt, dass unverarbeitete Lebensmittel einfach eine höhere Energie haben, im Sinne von Sonnenenergie.“ Unbestritten ist heute aber, dass unverarbeitete Lebensmittel einen durchaus höheren Nährstoffgehalt haben – „wobei es schon auch Nährstoffe gibt, die erst besser aufgeschlossen sind, wenn das Lebensmittel verarbeitet ist. Zum Beispiel Betacarotin und Karotte. Wenn die Karotte irgendwie weich gedünstet ist, dann ist die Zellenmembran, wo das Betacarotin gespeichert ist, durchlässiger oder weicher. Dann ist es besser bio-verfügbar“, sagt Phillipp.

Zu Gast beim radikalen Doktor

Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert hatte man für derlei Gedankengänge kein Verständnis. Ebenso wenig für Birchers ganzheitliche Sichtweise: Er war überzeugt, dass Krankheiten eine Folge von gestörter Lebensform sind. Obwohl er von der Ärzteschaft geschnitten wurde, etablierte er sich in diesem Bereich. 1904 eröffnete er das Sanatorium „Lebendige Kraft“, das zahlreiche illustre Patienten anzog: Zar Niklaus II, der König von Siam, Musiker Carl Friedberg und Schriftsteller wie Rainer Maria Rilke, Hermann Hesse und Thomas Mann. Letzterer ließ dort im Mai/Juni 1909 seine „störende Verdauung“ behandeln. Was ihn erwartete: Sonnen- und Luftbäder, Wasserkuren, Gymnastik und eine strenge Ernährungsumstellung auf vegetarische Vollwert- und Rohkost. Thomas Mann nannte es ein „hygienisches Zuchthaus, dessen Erfolge jetzt sehr gerühmt werden.“

Im Sanatorium angekommen, verflog Manns Euphorie, das geht aus Briefen hervor: „zu Anfang [...] stand ich beständig mit trotzigen Entschlüssen ringend vor meinem Koffer“. Er fühlte sich degeneriert zum „Gras essenden Nebukadnezar, der im Luftbade auf allen vieren geht“. Diese Erinnerungen sammelte Dr. Katrin Bedenig Stein, Leiterin des Thomas-Mann-Archivs in Zürich, in ihrem Text „Am Zauberberg“.

Die einsetzenden Kurerfolge beeindruckten Thomas Mann nachhaltig. So schrieb er, dass er auch 1911 einen weiteren Aufenthalt beim „radikalen Doktor“ plane. Die Kur-Aufenthalte ließ er in seinen 1924 erschienenen Roman „Der Zauberberg“ einfließen.

Bircher gab ab 1923 seine eigene Zeitschrift heraus: Der „Wendepunkt“ war ein Ernährungs- und Lebensweisheit-Ratgeber. In einem Vorwort schrieb er: „Die neue Erkenntnis bricht sich endlich immer mehr Bahn. Immer größere Schichten beginnen sich mit den Ernährungsfragen zu beschäftigen.“ Zudem zitiert er einen befreundeten Direktor einer Irrenanstalt, der seine Ernährungslehre als „Revolution“ bezeichnet. Johanna B., die 1930 im Sanatorium auf Kur war, schrieb ihm, dass sie seine Empfehlungen auch zu Hause beherzige: „Ich lebe hier nach dem Vorbild, wie ich es im Sanatoriums kennengelernt habe, gehe um 9 Uhr zu Bett, stehe um 7 Uhr, im Sommer um 6 Uhr, auf, habe täglich ein Sonnenbad genommen und richte mich mit den Mahlzeiten nach den Angaben in „Früchtespeisen und Rohgemüse“.

Die heutigen Müslimischungen haben mit Birchers Ur-Version kaum etwas gemein. Sie beinhalten Schokostücke, Zucker, Knusperflocken und sind mehr Süßigkeiten als gesunde Kost – und sicherlich nicht im Sinne des „radikalen Doktors“.

Sandra Lumetsberger, Ärzte Woche 3/2016

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