zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 3. Oktober 2005

Kompressionsbinde oder -strumpf?

Der Erfolg der Kompressionstherapie bei chronischer venöser Insuffizienz (CVI) hängt nicht nur von der richtigen Anwendung ab, sondern auch von der der Patienten-Compliance sowie vom Lokalbefund.

Wurde bislang bei venösen Ulzera oder Dermatosen eher zu Kompressionsbinden geraten, gibt es jetzt auch spezielle Kompressionsstrümpfe für diese Indikation. Hautärzte haben sie getestet. Egal, für welches Kompressionsmittel man sich entscheidet: Durch die Kompression soll ein niedriger Ruhedruck zum Beispiel beim Sitzen und ein hoher Arbeitsdruck beim Laufen erreicht werden. Der niedrige Ruhedruck gewährleistet die arterielle Durchblutung, der hohe Arbeitsdruck verbessert im Wesentlichen den Blutrückfluss und reduziert Ödeme.
Weil der Arbeitsdruck um so niedriger ist, je elastischer das Material ist, werden in der Kompressionstherapie vorwiegend kurzzugelastische Materialien verwendet. Diese haben eine maximale Dehnbarkeit von etwa 60 Prozent. Bei beginnender CVI im Ödemstadium oder bei Varikose ohne Hautkomplikationen könne aber auch auf langzugiges Material (Dehnbarkeit über 140 Prozent) zurückgegriffen werden, meinen Professor Michael Jünger und Dr. Kirstin Sippel von der Universitätshautklinik in Greifswald. Es sei im Vergleich dünner, luftdurchlässiger und transparenter und wird modischen Aspekten eher gerecht, was besonders Frauen (Compliance!) entgegenkommen dürfte.

Bewegliches Sprunggelenk

Die Entscheidung für oder gegen Kompressionsbinde oder Strumpf kann nach Jüngers und Sippels Angaben nach diesen Kriterien fallen:
Binde: individuelle Dosierung des Anpressdruckes durch Auswahl der entsprechenden Binde, Vordehnung der Binden und Anlage von Unterpolstern. Allerdings benötigt die anlegende Person dafür ausreichend Erfahrung. Manche Binden haben ein aufgedrucktes Rechteck, das bei richtiger Anlage zum Quadrat wird. Der Nachteil der Binden ist, dass die Mobilität des Sprunggelenkes reduziert wird und somit auch der venöse Rückstrom. Beim Kompressionsstrumpf wird ein gleichmäßiger und reproduzierbarer Druck auf das Bein übertragen. Die Anwendung ist einfach und auch die Beweglichkeit im oberen Sprunggelenk bleibt erhalten.
Bei nässenden Dermatosen oder Ulzera wurde bislang von Kompressionsstrümpfen abgeraten. Andererseits kennt jeder das Problem, dass Kompressionsverbände im Alltag oft verrutschen und dadurch ihre Wirkung schnell verlieren. Die Greifswalder Hautärzte haben daher gemeinsam mit anderen Kliniken drei speziell für die Therapie bei Ulcus cruris entwickelte Kompressionsstrumpfsysteme getestet.
Die Strümpfe stellten zusammen mit Wundauflagen eine gute Alternative zum herkömmlichen Kompressionsverband dar, so das Fazit der Studien. Bei Kompressionsverbänden sinke der Kompressionsdruck im Lauf des Tages, berichtet Jünger, bei den Kompressionsstrümpfen dagegen nicht. Das hämodynamisch wichtige Verhältnis von hohem Arbeitsdruck und niedrigem Ruhedruck war über sechs Wochen Kompressionsstrumpf-Therapie weitgehend konstant.

Pflege der Verbände

Wer sich doch für einen Kompressionsverband entscheidet, sollte Mehrlagen-Kompressionsverbände nehmen, empfiehlt Jünger. Diese bestehen aus drei bis vier Lagen elastischen oder unelastischen Kompressionsbinden, kohäsiven/ adhäsiven Binden, Crepebinden und Polsterschichten. Die elastischen Binden sorgen für anhaltende Kompression, die kohäsiven/adhäsiven unelastischen Binden bieten Steifheit und verstärken die Funktion der Wadenmuskelpumpe. Nach Angaben der EWMA (European Wound Management Association) werde der Druck schichtweise ausgeübt und daher akkumuliert. Die EWMA empfiehlt solche Kompressionsverbände etwa bei unkomplizierten venösen Ulzerationen der unteren Gliedmaßen.
Damit Kompressionsstrümpfe lange ihre Wirksamkeit behalten, sollten Patienten wissen, wie sie richtig angezogen und mechanische Schäden vermieden werden. Auch dürfen die Strümpfe nicht in Kontakt mit Ölen, Cremes, Lösungsmitteln oder Fleckenwasser kommen. Nach dem Waschen sollen sie an der Luft getrocknet werden. In Studien waren Kompressionsstrümpfe etwa der Klassen II und III nach einem halben Jahr austauschbedürftig. Die Elastizität von Kompressionsbinden sollte nach fünfzehn Wäschen geprüft und die Binden gegebenenfalls ersetzt werden.

Weitere Infos: www.ewma.org

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben