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MR Dr. Peter Jiru Leiter Ambulanz Evangelisches Krankenhaus Wienwww.chirurgie-jiru.at
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Werden Darmpolypen gefunden, sollten sie so rasch wie möglich entfernt werden, dies mindert das Risiko für ein kolorektales Karzinoms.

 
Innere Medizin 24. Juni 2015

Kein Grund zur Furcht

Expertenbericht: Die „sanfte Coloskopie“ hat mittlerweile einen festen Stellenwert in der Vorsorge.

Die Angst vor der Coloskopie hat sich aufgrund kursierender Schauermärchen gehalten. Dabei sollte sich dank der etablierten maßgeschneiderten Sedierung niemand mehr vor einer Vorsorge-Untersuchung fürchten, weil sie – insbesondere in Risikopopulationen – Leben retten kann. Die Vorsorgekoloskopie wird daher, sofern sie unter bestimmten Qualitätskriterien stattfindet, jedem Menschen ab dem 50. Lebensjahr angeraten.

Etwa 5.000 Menschen erkranken jährlich in Österreich an einem Colon- oder Rectumkarzinom. Somit belegt diese Krankheit bei Männern nach Prostata- und Lungenkrebs die dritte Stelle, bei Frauen nach Brustkrebs den zweiten Platz der Krebsstatistik. Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens Dickdarmkrebs zu bekommen liegt bei etwa fünf Prozent, bei entsprechender genetischer Belastung sogar bei zehn Prozent. Wenn man nun die unbestrittene Adenom-Karzinom-Sequenz in Rechnung stellt, so ist jeder bei der Vorsorge-Coloskopie entdeckte und entfernte Polyp ein wichtiger Beitrag zur Verminderung der Kolonkarzinominzidenz.

Bis vor kurzer Zeit war in der von den Krankenkassen vorgesehenen Gesundenuntersuchung lediglich der Briefchentest auf Blut im Stuhl enthalten. Das ist eine sinnvolle Basisuntersuchung, letztlich aber ungenau. Im Rahmen der „Gesundenuntersuchung neu“ ist nunmehr für bestimmte Patientengruppen eine Coloskopie vorgesehen, die möglichst unter standardisierten Bedingungen und hohen Qualitätskriterien durchgeführt werden sollte, wie sie etwa das „Vorsorgezertifikat“ der Österreichischen Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie (ÖGGH) vorsieht. Die Empfehlung der Fachgesellschaft lautet: Vorsorge-Coloskopie ab dem 50. Lebenjahr. Sollte eine hereditäre Belastung vorliegen, also ein Colonkarzinom in der Blutsverwandtschaft, wird eine Erstuntersuchung früher empfohlen, insbesondere, wenn der Karzinombefund des Verwandten in jungen Jahren aufgetreten ist. Wird bei dieser Untersuchung kein krankhafter Befund erhoben, hat man 7 bis 10 Jahre Zeit bis zum nächsten Check; wurden Polypen gefunden und abgetragen, sollte die erste Kontrolle individuell erfolgen ,auch in Abhängigkeit vom histologischen Befund. Hierbei wird zwischen High-Risk und Low-Risk-Situationen unterschieden und die Kontrolle im Einzelfall sogar schon nach 3 bis 6 Monaten empfohlen.

Die „sanfte Coloskopie“

Viele Menschen haben jedoch Angst vor der Coloskopie; oft kursieren Horrorgeschichten im Bekanntenkreis über besonders schmerzhafte Untersuchungen. Diese Furcht sollte freilich der Vergangenheit angehören, seit sich in den letzten Jahren das Konzept der „sanften Coloskopie“ durchgesetzt hat. Dabei erhält jeder Patient eine maßgeschneiderte Sedierung (meist mit Midazolam, Propofol oder einer Kombination beider Medikamente), was die Untersuchung deutlich erleichtert. Die überwiegende Mehrzahl der Patienten erlebt so die Coloskopie weitgehend schmerzfrei und kann sich kaum mehr daran erinnern (auch dies ist ein Effekt der Medikation). Allerdings gibt es Situationen, in denen die Untersuchung länger als die üblichen 15 bis 20 Minuten dauert (etwa bei Verwachsungen nach Voroperationen oder durch abnorme Schlingenbildungen) und der Untersucher gezwungen wird, das Gerät ähnlich wie auf der Großglockner-Hochalpenstraße mühsam vorzuschieben. Dann kann die Sedierung nahezu einer Narkose gleichen, wobei besonders geschultes Personal – ärztlich und nichtärztlich – vonnöten und auch vorgeschrieben ist. In Einzelfällen , wie etwa bei Risikopatienten oder im Rahmen von Abtragungen großer Polypen, kann es notwendig sein, den Check mit anästhesiologischer Unterstützung im Krankenhaus durchzuführen.

Üblicherweise wird der gesamte Dickdarm und möglichst auch das terminale Ileum begutachtet. Bei rund acht Prozent gelingt es jedoch nicht, bis ins Coecum vorzudringen. In solchen Fällen muss eine ergänzende Irrigoskopie oder virtuelle Colografie veranlasst werden.

Entfernung von Polypen

Im Rahmen der Vorsorgekoloskopie sollte eine Polypendetektionsrate von etwa 20 Prozent erreicht werden. Dies hängt jedoch von vielen Faktoren ab, der technischen Qualität der verwendeten Koloskope (HD, Chromoendoskopie, Zoom etc.), der Qualität der Darmreinigung und nicht zuletzt der aufgewendeten Rückzugszeit (bis zu sechs Minuten sind gefordert). Werden kleinere Polypen entdeckt, so werden sie unabhängig von blutverdünnenden Medikamenten sofort abgetragen und zur mikroskopischen Untersuchung geschickt. Größere Polypen, deren Abtragung mit einem gewissen Komplikationsrisiko behaftet ist, sollten zur Sicherheit im Krankenhaus entfernt werden, auch wenn dazu eine neuerliche, oft als unangenehm empfundene Darmvorbereitung nötig ist. Im Rahmen des Vorsorgezertifikats der ÖGGH werden die erhobenen Befunde bis in alle Einzelheiten an ein zentrales Register gemeldet und wissenschaftlich ausgewertet.

Wird ein Riesenpolyp oder schlimmstenfalls bösartiger Tumor gefunden, ist eine Operation unumgänglich. Allerdings haben diese Eingriffe viel an Schrecken verloren, da es durch moderner Techniken, wie der laparoskopischen Colonchirurgie, und neuer Schmerzbehandlungsregime ( „Fast- Track-Konzept“) möglich geworden ist, Patienten innerhalb weniger Tage wieder zu entlassen. Auch ist die Anlage eines Stomas heute nur mehr in seltenen Situationen nötig, wodurch den Patienten im Allgemeinen eine große Sorge genommen wird.

Nicht nur zur Vorsorge

Abgesehen von den besprochenen Vorteilen zur Vorsorge hat die Coloskopie ihren unbestrittenen diagnostischen Wert, wenn Darmbeschwerden bestehen. So können (meist harmlose) Divertikel oder auch eine entzündliche Darmerkrankung festgestellt und eine entsprechende Therapie eingeleitet werden. Sie sollte durchgeführt werden, wenn

• anhaltende Durchfälle

• chronische Verstopfung

• Blut und/oder Schleim im Stuhl

• Veränderungen der Stuhlgewohnheiten

• Bleistiftstühle

• Unterbauchschmerzen auftreten.

Alternative Untersuchungen

Ihren traditionellen ,wenngleich auch mittlerweile deutlich geringeren, Stellenwert in der Darmdiagnostik hat die Irrigoskopie , die allerdings keine Möglichkeit der Polyp-Entfernung oder Gewebsentnahme bietet. Ähnliches gilt für die „virtuelle Coloskopie“, die zwar CT-unterstützt hervorragende 3D-Bilder aus dem Inneren des Dickdarms liefert und Polypen zwar gut erkennen, sie nicht aber entfernen kann, sodass eine zusätzliche Coloskopie erst recht nötig ist. Abgesehen davon sind auch diese Untersuchungen infolge der Notwendigkeit, Luft in den Darm zu insufflieren, nicht schmerzfrei.

Peter Jiru, Ärzte Woche 25/2015

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